Wissen

Wie schlechter Schlaf Milliarden kostet

Zu wenig Schlaf im Job? Das kann gefährlich werden: Experten warnen vor mehr Unfällen und fordern Firmen zum Umdenken auf.

05.11.2026, 04:00 Uhr

Schlaf als unterschätzter Wirtschaftsfaktor

Ausreichender und erholsamer Schlaf ist nach Einschätzung von Fachleuten nicht nur wichtig für die Gesundheit, sondern auch für die Leistungsfähigkeit im Beruf. Dennoch werde das Thema in vielen Unternehmen noch immer vernachlässigt, sagte Hans-Günter Weeß, Leiter des schlafmedizinischen Zentrums am Pfalzklinikum in Klingenmünster. Während Ernährung oder Suchterkrankungen längst auf vielen Gesundheitsagenden stünden, spiele Schlaf in der Arbeitswelt oft nur eine Nebenrolle. Aus Sicht der Experten beginnt hier jedoch langsam ein Umdenken.

Darüber wird auch auf der 34. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin in Wiesbaden diskutiert. Das Treffen steht unter dem Motto „Schlaf – Wirtschafts- und Karrierefaktor“.

Guter Schlaf stärkt Leistung und Karrierechancen

Weeß betonte, dass guter Schlaf weit mehr als nur das persönliche Wohlbefinden verbessere. Er könne auch entscheidend für den beruflichen Erfolg sein. Wer dauerhaft unausgeruht arbeite, müsse mit Einbußen bei Konzentration, Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit rechnen. Schlaf sei daher ein oft übersehener Faktor für Karriere und Produktivität.

Nach Angaben des Experten liegt das natürliche Schlafbedürfnis bei rund 80 Prozent der Menschen zwischen sieben und neun Stunden pro Nacht. Schon ein Defizit von nur einer Stunde könne das Unfallrisiko im Straßenverkehr um etwa 30 Prozent erhöhen. Zudem brauchten Menschen mit Schlafstörungen meist länger, um sich von Krankheiten zu erholen, und fielen im Durchschnitt länger im Job aus als gut schlafende Kolleginnen und Kollegen.

Schlafforscher Hans-Günter Weeß
Schlafexperte Weeß rät Unternehmen, mehr auf einen guten Schlaf der Beschäftigten zu achten. (Archivbild) Quelle: Uwe Anspach/dpa

Auch wirtschaftlich seien die Folgen erheblich. Nach einer europaweiten Untersuchung verursachen unbehandelte Schlafstörungen Schäden in Höhe von rund drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Für Deutschland entspreche das mehr als 100 Milliarden Euro.

Müdigkeit am Arbeitsplatz birgt Risiken

Chronische Schlafprobleme führten laut Weeß entweder zu Krankmeldungen oder dazu, dass Beschäftigte trotz Erschöpfung zur Arbeit gingen, dort aber deutlich weniger leistungsfähig seien. Besonders problematisch sei das in Berufen mit hoher Verantwortung, etwa in der Pflege, an Maschinen oder im Verkehr.

Der Schlaf- und Beatmungsmediziner Winfried Randerath warnte zudem vor der verbreiteten Vorstellung, wenig Schlaf sei ein Zeichen besonderer Stärke. Das Gegenteil sei richtig: Unter Schlafmangel würden oft schlechtere Entscheidungen getroffen. Das gelte auch für nächtliche Sitzungen in Politik und Führungsetagen.

Schlafapnoe zählt zu den häufigsten Störungen

Zu den verbreitetsten Schlafstörungen gehört die Schlafapnoe. Dabei verengen sich im Schlaf durch erschlaffte Muskulatur die Atemwege, was bis zu Atemaussetzern führen kann. Besonders gefährdet sind Menschen mit starkem Übergewicht. Randerath zufolge drohen dadurch ernsthafte Folgeerkrankungen, vor allem im Herz-Kreislauf-System.

Problematisch sei jedoch, dass viele Betroffene nicht ausreichend versorgt würden, weil Behandlungsplätze fehlten. Eine unbehandelte Schlafapnoe könne kostspielige Klinikaufenthalte und Unfälle nach sich ziehen. Hinzu kämen krankheitsbedingte Ausfälle im Beruf.

Wann Schlafprobleme behandlungsbedürftig sind

Nicht jede schlechte Nacht ist gleich krankhaft. Gelegentliche Schlafprobleme gehörten zum Leben, sagte Weeß. Sie könnten vor allem in Phasen mit starken emotionalen Belastungen oder auch positiven Aufregungen auftreten. Von einer behandlungsbedürftigen Schlafstörung sprechen Fachleute demnach dann, wenn sowohl nachts als auch tagsüber an mindestens drei Tagen pro Woche Beschwerden auftreten – und das über einen Zeitraum von vier Wochen. In solchen Fällen sollte ärztlicher Rat eingeholt werden.

Nach Beobachtung von Weeß haben behandlungsbedürftige Schlafstörungen in den vergangenen Jahren zugenommen. Besonders seit Beginn der Corona-Pandemie und seit dem Ukraine-Krieg sei ein Anstieg zu verzeichnen. Derzeit seien rund zehn Prozent der Bevölkerung betroffen.

Experten sehen deutliche Lücken in der Versorgung

Randerath forderte, Schlafstörungen gezielter zu erkennen und früher nach Betroffenen zu suchen. So könne etwa ein Screening auf Schlafapnoe bei Menschen mit Adipositas oder Diabetes sinnvoll sein.

Ein zentrales Problem sei jedoch die geringe Vergütung der Behandlung. Dadurch seien viele Kliniken und Arztpraxen in diesem Bereich nur eingeschränkt aktiv. Für Patientinnen und Patienten bedeute das teils sehr lange Wartezeiten – von mehreren Monaten bis hin zu zwei Jahren.

Auch Weeß sprach von erheblichen Versorgungsdefiziten bei krankhaften Schlafproblemen. Schlafmittel hätten in der Regel keine heilende Wirkung, sondern linderten meist nur die Symptome. Bei vielen Betroffenen könne stattdessen eine Verhaltenstherapie wirksam helfen – auch bei älteren Menschen und bei Patienten mit chronischen Schmerzen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen