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Warum Jüngere kaum «bitte» sagen – und doch höflich sind

Sagen Junge wirklich seltener «bitte» und «Sie»? Warum das nicht unhöflich ist – und was Höflichkeit heute wirklich bedeutet.

04.11.2026, 07:23 Uhr

Höflichkeit im Alltag zeigt sich offenbar je nach Generation auf unterschiedliche Weise. Während ältere Menschen häufiger klassische Höflichkeitsformeln wie „bitte“ und „danke“ verwenden, greifen Jüngere eher zu weicheren, indirekten Formulierungen.

Das geht aus Daten eines Forschungsprojekts der Freien Universität Berlin und der Universität Bielefeld hervor. Demnach nutzen Menschen um die 30 das Wort „bitte“ nur in etwa jeder vierten Bitte. Bei Menschen um die 70 kommt es fast doppelt so oft vor.

Andere Sprachformen gelten ebenfalls als höflich

Die Forschenden sehen darin jedoch keinen Beleg dafür, dass jüngere Generationen unhöflicher sprechen. Vielmehr habe sich das Verständnis von Höflichkeit verändert. Auch Ausdrücke wie „vielleicht“ oder „eventuell“ könnten eine Bitte freundlicher und zurückhaltender klingen lassen. Eine Formulierung wie „Kannst du mir das vielleicht erklären?“ könne daher ebenso höflich wirken, auch ohne die klassischen Signalwörter.

Das „Du“ wird häufiger verwendet

Ähnlich entwickelt sich auch die Anrede. Das förmliche „Sie“ verliert im Alltag an Bedeutung. Nach Angaben der Berliner Linguistin Janel Zoske duzen jüngere Menschen deutlich häufiger als ältere. Welche Anrede gewählt werde, hänge aber nicht nur vom eigenen Alter ab, sondern auch davon, wie alt die angesprochene Person sei.

Die Ergebnisse stammen aus dem internationalen Projekt „Variantenpragmatik des Deutschen: Kommunikative Muster im Vergleich“. Untersucht wurde unter anderem, wie Bitten formuliert werden und welchen Einfluss Alter und Region darauf haben. Grundlage waren vor allem Online-Fragebögen, in denen Teilnehmende notierten, wie sie in bestimmten Situationen sprachlich reagieren würden.

Unterschiede zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz

Auch regional zeigen sich laut den Forschenden klare Unterschiede. In der Schweiz ist es etwa deutlich üblicher, Menschen direkt mit ihrem Namen zu begrüßen. In Deutschland und Österreich geschieht das seltener. Der Linguist Henrik Discher erklärte dem FU-Magazin „Campus.Leben“, dass Menschen in der Schweiz Deutsche deshalb oft als schroffer wahrnehmen. Zugleich gebe es bislang keine belastbaren empirischen Hinweise darauf, dass in Deutschland grundsätzlich unhöflicher gesprochen werde als in Österreich oder der Schweiz.

Höflichkeit hat viele sprachliche Formen

Nach Ansicht der Forschenden lassen sich Höflichkeit und Rücksicht nicht nur an „bitte“, „danke“ oder dem „Sie“ erkennen. Auch der Konjunktiv, indirekte Bitten oder vorsichtige Fragen können höflich wirken. Ein Beispiel wäre: „Hättest du Zeit …?“

Zudem zeigt sich ein Nord-Süd-Unterschied im deutschsprachigen Raum. Im Süden treten mehr sprachliche Höflichkeitsmerkmale auf, häufig sogar mehrere gleichzeitig. Ein typisches Beispiel dafür wäre eine Formulierung wie: „Könnte ich bitte eventuell ganz kurz mal?“

Diskussion über den Ton im Alltag

Das Thema Alltagshöflichkeit steht an diesem Mittwoch auch im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion an der Freien Universität Berlin. Die Veranstaltung trägt den Titel „Die Berliner Schnauze auf dem Prüfstand“ und beschäftigt sich mit dem verbreiteten Klischee eines besonders direkten, rauen Umgangstons in der Hauptstadt.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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