Steigende Temperaturen haben die Pflanzenvielfalt auf Europas Berggipfeln wachsen lassen – zugleich geraten jedoch jene Arten unter Druck, die speziell an extreme Hochlagen angepasst sind. Zu diesem Ergebnis kommt eine im Fachjournal Science veröffentlichte Studie. Nach Angaben des Erstautors Johannes Wessely von der Universität Wien spricht vieles dafür, dass der Klimawandel die Ursache ist. Die Auswertung zeige einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem lokalen Temperaturanstieg auf den Gipfeln und dem dort beobachteten Verlust von Arten.
Noch vor wenigen Jahrzehnten waren Bereiche oberhalb der alpinen Baumgrenze für zahlreiche Pflanzen kaum besiedelbar. Seit den 1980er Jahren haben die stark steigenden Temperaturen diese natürlichen Kältegrenzen jedoch verschoben. Dadurch konnten mehr Pflanzenarten in große Höhen vordringen. Frühere Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass etwa Alpenrispengras und Arnika neue Gipfellagen erobert haben.
Gipfel werden seit rund 25 Jahren systematisch erfasst
Für die aktuelle Untersuchung analysierten Forschende Daten von Dauerbeobachtungsflächen auf 62 Berggipfeln in Europa. Diese Flächen wurden zwischen 2001 und 2022 im Rahmen des weltweiten Beobachtungsnetzwerks Gloria viermal untersucht – unter anderem am Schrankogel in Tirol sowie in der Schweiz, den Pyrenäen und im georgischen Kaukasus.
Dabei zeigte sich, dass der Anteil der Pflanzenarten, die bei der jeweils nächsten Erhebung nicht mehr nachgewiesen wurden, von Untersuchung zu Untersuchung zunahm. Betroffen waren vor allem Arten, die an kühlere Bedingungen angepasst sind. In den Alpen zählen dazu laut Projektleiter Stefan Dullinger unter anderem der Gletscher-Hahnenfuß, das Einblütige Hornkraut und der Alpen-Mannsschild.
Welche Prozesse das lokale Verschwinden dieser auf höchste Lagen spezialisierten Pflanzen im Detail antreiben, ist nach Einschätzung der Forschenden noch nicht vollständig geklärt. Neben der Erwärmung könnten auch geringere Wasserverfügbarkeit, eine kürzere Schneebedeckung sowie wachsender Konkurrenzdruck durch neu eingewanderte Arten eine wichtige Rolle spielen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber