Flucht auf Utøya: Magnus Håkonsen erinnert sich an den 22. Juli 2011
Am 22. Juli 2011 kämpft der damals 18-jährige Magnus Håkonsen auf der norwegischen Insel Utøya ums Überleben. Zunächst begreift er nicht, was geschieht. Als er Schüsse hört, hält er das Geräusch erst für Feuerwerkskörper. Deshalb läuft er sogar in die Richtung des Knallens. Dann ändert sich alles schlagartig: Plötzlich kommen ihm Dutzende Menschen panisch entgegen und schreien, er solle um sein Leben rennen.
Håkonsen sprintet bis an das Ende der Insel, stürzt einen Hang hinab und springt ins Wasser. Dort sieht er den Schützen über sich stehen und auf ihn zielen. Mehrere Kugeln verfehlen ihn nur knapp. Er rennt weiter, bricht schließlich zusammen und ist überzeugt, sterben zu müssen.
Håkonsen überlebt, 69 Menschen auf der Insel sterben
Doch Håkonsen überlebt. Er schwimmt durch den eiskalten Tyrifjord, bis er völlig erschöpft ein Boot erreicht. Für 69 andere endet der Tag tödlich, darunter viele seiner Freunde. Die meisten werden von dem rechtsextremen Attentäter Anders Behring Breivik erschossen, andere ertrinken bei dem Versuch zu fliehen.
Breivik war als Polizist verkleidet mit der Fähre nach Utøya gelangt. Dort fand das Sommerlager der Jugendorganisation der norwegischen Sozialdemokraten statt – für viele junge Menschen normalerweise einer der Höhepunkte des Jahres, geprägt von politischen Debatten, Baden und Freizeitaktivitäten.
Der Tag, der später als einer der dunkelsten in die Geschichte Norwegens eingehen sollte, beginnt laut Håkonsen mit starkem Regen. Er war erkältet und wollte am Abend eigentlich abreisen. Dann erfährt er von einer Explosion im Osloer Regierungsviertel.

Zu diesem Zeitpunkt wissen die Jugendlichen auf Utøya noch nicht, was in Oslo geschehen ist: Acht Menschen sterben dort durch eine von Breivik gezündete Autobombe, viele weitere werden verletzt. Während Polizei und Rettungskräfte in der Hauptstadt gebunden sind, ist der Täter bereits auf dem Weg zur Insel.
Das letzte Gespräch mit der Tochter
Die Nachricht aus Oslo sorgt auch auf Utøya für Unruhe. Die Teilnehmer werden zusammengerufen, viele telefonieren mit ihren Eltern und versuchen sie zu beruhigen. Auch Merete Stamneshagen spricht noch mit ihrer Tochter Silje. Es ist das letzte Mal, dass sie ihre Stimme hört.
Als später bekannt wird, dass auf Utøya geschossen wird, versucht Stamneshagen erneut, ihre Tochter zu erreichen. Doch Silje hebt nicht mehr ab. Gemeinsam mit ihrem Mann fährt sie sofort los. Sieben Stunden sind sie ohne Pause unterwegs.
In einem Hotel, das als Sammelstelle dient, hängt eine Liste mit den Namen der Geretteten. Siljes Name steht nicht darauf. Erst eine Woche später erhält die Familie endgültige Gewissheit. Silje wurde mit drei Schüssen in den Kopf getötet. Man fand sie auf dem sogenannten "Pfad der Verliebten". Mehr als eine Stunde lang konnte der Attentäter auf der Insel nahezu ungehindert schießen.
Erinnerungen bleiben – besonders rund um den Jahrestag
Heute ist der schmale Weg am steilen Ufer von Utøya ein Ort des Gedenkens. Seit dem Anschlag sind 15 Jahre vergangen. Der Täter, verantwortlich für insgesamt 77 Morde, wird aller Voraussicht nach den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen.
Für Überlebende und Angehörige kehren die Erinnerungen jedoch vor allem rund um den Jahrestag mit voller Wucht zurück. Håkonsen beschreibt ein schleichendes Gefühl: Man werde verletzlicher, schneller gereizt, trauriger und empfindlicher. Erst wenn die Gedenkfeier vorbei sei, spüre er Erleichterung – dann sei dieser Tag wieder überstanden.
Sowohl Håkonsen als auch Stamneshagen engagieren sich heute in einer Selbsthilfegruppe für Betroffene des 22. Juli.
Als Lehrer spricht Håkonsen mit Schülern über Utøya
Inzwischen arbeitet Magnus Håkonsen als Lehrer für Sozialkunde. Der 22. Juli ist fest im Unterricht verankert. Wenn seine Schülerinnen und Schüler ihn auf das Thema ansprechen, erzählt er offen von seinen eigenen Erlebnissen. Für ihn gehört das dazu: Er könne nicht über den Anschlag sprechen, ohne zu sagen, dass er selbst dort gewesen sei.
Zugleich sieht er darin eine wichtige Chance, über Rechtsextremismus zu sprechen und darüber, wie antidemokratische Kräfte versuchen, Menschen gegeneinander auszuspielen.
Auf Utøya seien damals sehr unterschiedliche Jugendliche zusammengekommen, sagt Håkonsen – von politisch Hochinteressierten bis zu denen, die vor allem wegen Fußball, Lagerfeuer und Gemeinschaft gekommen seien. Einige der Überlebenden leiden bis heute massiv unter psychischen und körperlichen Folgen. Andere haben Wege gefunden, mit dem Erlebten zu leben. Manche machten später sogar politische Karriere.
Gegen das Vergessen und gegen Extremismus
Mehrere Mitglieder der heutigen norwegischen Regierung haben den Anschlag von 2011 selbst überlebt. Dennoch, sagt Håkonsen, werde Sozialdemokraten oft vorgeworfen, die Erinnerung an Utøya politisch auszunutzen, wenn sie über den Terror sprechen. Diese Haltung hält er für gefährlich. Aus seiner Sicht braucht es den Mut, offen darüber zu reden, wie bedrohlich antidemokratische Ideologien sind.
Auch Merete Stamneshagen setzt sich dafür ein, dass die Opfer nicht in Vergessenheit geraten. Zum Jahrestag kehrt sie nach Utøya zurück, um an Silje und deren Freunde zu erinnern. Auf die Frage, wie ihre Tochter in Erinnerung bleiben solle, sagt sie, Silje sei kein Mensch gewesen, der jedem Trend hinterherlaufe, nur um wie alle anderen zu sein. Gerade darauf sei sie besonders stolz: dass ihre Tochter immer ganz sie selbst gewesen sei.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber