Die ungarische Schachlegende Judit Polgar hat eine mögliche Kandidatur für das Amt der Staatspräsidentin zurückgewiesen. Auf Facebook erklärte sie, sie empfinde den Vorstoß von Ministerpräsident Peter Magyar, sie als unabhängige und parteilose Bewerberin ins Spiel zu bringen, als große Anerkennung. Gleichzeitig sehe sie sich jedoch nicht in der Lage, die mit diesem Amt verbundene historische Verantwortung zu tragen und ein tief gespaltenes Land zusammenzuführen.
Magyar hatte die 49-Jährige am Sonntag für die höchste Position im Staat vorgeschlagen. Zur Begründung schrieb er, Polgar habe ihre außergewöhnlichen Erfolge nicht politischen Netzwerken oder Beziehungen, sondern allein ihrem herausragenden Können zu verdanken.
Das Amt des Staatsoberhaupts ist in Ungarn seit Montag unbesetzt. An diesem Tag trat eine Verfassungsänderung in Kraft, durch die Tamas Sulyok abgesetzt wurde. Sulyok war noch unter Magyars Vorgänger, dem rechtspopulistischen Viktor Orban, ins Amt gekommen. Nach dem klaren Wahlsieg von Magyars konservativ-bürgerlicher Tisza-Partei bei der Parlamentswahl am 12. April galt er für die neue Regierung als nicht mehr tragbar.
Übergangsweise übernahm am Montag die bisherige Parlamentspräsidentin Agnes Forsthoffer von der Tisza-Partei die Aufgaben des Staatsoberhaupts. Das Parlament hat nun 30 Tage Zeit, um eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger zu bestimmen.
Polgar wird weithin als beste Schachspielerin der Geschichte angesehen. Sie trat überwiegend in Männerturnieren an und besiegte dabei auch Größen wie Garri Kasparow und Anatoli Karpow. Im Juli 2005 erreichte sie Rang acht der Weltrangliste und ist bis heute die einzige Frau, die jemals unter die Top Ten im Schach vorstieß. 2014 beendete sie ihre Karriere im Spitzensport. Seither konzentriert sie sich auf ihre Stiftung, die Kinder und Jugendliche beim Entwickeln von Logik- und Problemlösefähigkeiten unterstützt.
Offenbar hatte Magyar seine Nominierung nicht im Vorfeld mit Polgar abgestimmt. Er hatte lediglich öffentlich die Hoffnung geäußert, dass sie zustimmen würde. Dieses Vorgehen löste selbst im eigenen Lager ungewöhnlich deutliche Kritik aus. Während die Tisza-Fraktion im Parlament noch geschlossen ihre Unterstützung für Polgar betonte, kritisierten zahlreiche Anhängerinnen und Anhänger sowie einige Fachleute, dass es vor einer Besetzung des höchsten Staatsamts keine breitere öffentliche Debatte gegeben habe.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber