Hohe Hürden im Alltag vieler Reisender mit Behinderung
Der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, Jürgen Dusel, kritisiert weiterhin erhebliche Barrieren beim Reisen in Deutschland. Besonders problematisch seien häufig wochenlang ausgefallene Aufzüge sowie Bushaltestellen im ländlichen Raum, die noch immer durch Stufen oder zu enge Flächen schwer zugänglich seien. Gegenüber der dpa betonte Dusel, dass für den öffentlichen Nahverkehr vor allem Länder und Kommunen zuständig seien. Eigentlich hätte die vollständige Barrierefreiheit nach dem Personenbeförderungsgesetz bereits bis 2022 umgesetzt werden müssen – dieses Ziel sei jedoch klar verfehlt worden.
ADAC-Test zeigt deutliche Mängel
Anlass der Kritik ist eine ADAC-Untersuchung von rund 150 Bus- und Straßenbahnhaltestellen in deutschen Städten, an der teilweise auch Betroffene beteiligt waren. Das Ergebnis fällt ernüchternd aus: Menschen mit Behinderung, aber auch Fahrgäste mit Rollator oder Kinderwagen, stoßen beim Einsteigen oft auf Schwierigkeiten.
Nur etwa 20 Prozent der überprüften Straßenbahnhaltestellen wiesen laut ADAC einen empfohlenen Abstand zwischen Fahrzeug und Bordstein auf, sodass ein Ein- und Ausstieg ohne zusätzliche Rampe möglich wäre. Bei Bussen war die Lage noch schlechter: Lediglich drei Prozent hielten demnach passend an der Haltestelle.
Auch für blinde Menschen bleibt vieles schwierig
Probleme gibt es nicht nur für Rollstuhlfahrer. Auch blinde Menschen haben es vielerorts schwer, Haltestellen sicher zu finden und zu nutzen. Zwar waren an 93 Prozent der untersuchten Haltestellen Leitstreifen entlang der Bordsteinkante vorhanden. Doch nur an 58 Prozent gab es zusätzlich sogenannte Auffindestreifen quer über den Gehweg, die Blinden mit dem Stock die Orientierung erleichtern. Nach Einschätzung des ADAC erschwert dieser Mangel das Auffinden der Haltestellen erheblich.
Kritik auch an der Deutschen Bahn
Dusel sieht zudem weiterhin große Defizite bei der Deutschen Bahn, für die der Bund verantwortlich ist. Vor allem spontane Reisen seien für Menschen im Rollstuhl kaum möglich, weil Assistenzleistungen meist mindestens einen Tag vorher angemeldet werden müssten. Damit seien Betroffene auf den Mobilitätsservice angewiesen, der an vielen Bahnhöfen nur bis 22 Uhr, teils sogar nur bis 20 Uhr verfügbar sei. Bei Verspätungen könne das schnell zu ernsthaften Problemen führen.
13 Millionen Menschen betroffen
Nach Angaben des Sozialverbands Deutschland (SoVD) leben in Deutschland rund 13 Millionen Menschen mit Behinderung. Der Verband weist darauf hin, dass nicht nur Haltestellen und Bahnhöfe selbst, sondern oft schon die Wege dorthin nicht barrierefrei seien. Häufig fehlten außerdem aktuelle Informationen über defekte Aufzüge. Auch Durchsagen, die für blinde oder sehbehinderte Menschen wichtig sind, reichten vielerorts nicht aus.
Zwar habe es in den vergangenen Jahren Fortschritte gegeben, erklärte der SoVD. Dennoch seien Maßnahmen wie Blindenleitsysteme oft noch lückenhaft oder nicht konsequent zu Ende gedacht.
Ausbau muss schneller gehen
Der ADAC fordert deshalb ein höheres Tempo beim barrierefreien Umbau von Haltestellen. In der Verantwortung stünden Kommunen, Verkehrsunternehmen, Verkehrsverbünde und Straßenverkehrsbehörden. Darüber hinaus könne auch Rücksichtnahme im Alltag helfen: So sollten etwa Einstiegsbereiche für Menschen mit Behinderung nicht blockiert werden.
Fortschritte erkennbar, aber noch viel zu tun
Trotz aller Kritik sieht Dusel auch positive Entwicklungen. Das Bewusstsein für Barrierefreiheit sei in den vergangenen Jahren gewachsen, und insbesondere in größeren Städten seien Stadt- und U-Bahnen heute deutlich zugänglicher als noch vor zwei Jahrzehnten. Viele Fahrzeuge und einzelne Bahnhöfe seien besser ausgestattet als früher, dennoch bleibe der Handlungsbedarf groß.
Auch bei der Deutschen Bahn gebe es Fortschritte. Von rund 5.400 Bahnhöfen seien nach seinen Angaben etwa 90 Prozent stufenfrei erreichbar. Vollständig barrierefrei seien sie damit aber noch lange nicht. Denn für taube, blinde oder anderweitig eingeschränkte Menschen reiche ein stufenloser Zugang allein nicht aus. Nach Dusels Einschätzung sind daher noch etwa 3.500 Bahnhöfe nicht umfassend barrierefrei umgebaut.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber