In Rom kommen heute erneut Vertreter Israels und des Libanon zu direkten politischen Gesprächen zusammen. Im Mittelpunkt steht die Umsetzung des Sicherheitsabkommens zwischen beiden Staaten. Nach Angaben aus libanesischen Regierungskreisen soll vor allem das unterirdische Tunnelsystem der Hisbollah eines der wichtigsten Themen sein.
Berichten aus dem Libanon und Aussagen von Augenzeugen zufolge führte die israelische Armee erst am Wochenende eine besonders massive Zerstörungsserie durch – die schwerste seit Beginn der Waffenruhe im Juni. In mehreren Ortschaften habe es Sprengungen und gezielte Verwüstungen gegeben, meldete die staatliche Nachrichtenagentur NNA.
Tunnel als Kernstück der Hisbollah-Infrastruktur
Die Hisbollah hat über viele Jahre ein weitreichendes unterirdisches Militärsystem aufgebaut, das Israel als ernsthafte Gefahr einstuft. Nach Einschätzung von Beobachtern und Fachleuten umfasst das von Iran unterstützte Netzwerk Kommandozentralen, Waffendepots, Abschussrampen, Versorgungslinien und geschützte Verbindungswege, über die Kämpfer unbemerkt unterirdisch operieren können.
Der Libanon-Experte Nicolas Blanford vom Atlantic Council sagte der Deutschen Presse-Agentur, die Tunnel seien ein besonders bedeutender Teil der militärischen Struktur der Hisbollah. Sie ermöglichten es den Kämpfern, sich verborgen zu bewegen. Das System reiche über mehrere Regionen hinweg bis in den Norden der Bekaa-Ebene, sei jedoch nicht als ein einziges, landesweit zusammenhängendes Netz angelegt.
Israel warnt seit Langem, dass Hisbollah-Einheiten mithilfe dieser Tunnel auch größere Angriffe auf den Norden Israels vorbereiten könnten – vergleichbar mit dem Hamas-Überfall vom 7. Oktober 2023. Die „Washington Post“ hatte bereits vor mehr als zwei Jahren unter Berufung auf einen Hisbollah-Vertreter berichtet, dass die Eliteeinheit Radwan für offensive Einsätze geschaffen worden sei, darunter auch grenzüberschreitende Operationen gegen Israel.
Experte: Antwort auf Israels militärischen Vorsprung
Der libanesische Militärexperte Munir Schehadeh erklärte, die Verlagerung von Infrastruktur unter die Erde habe die Kriegsführung grundlegend verändert. Israel sei der Hisbollah militärisch überlegen und verfüge über Luftstreitkräfte, Satellitenaufklärung, Drohnen, elektronische Überwachung und präzisionsgelenkte Waffen.
Ziel des Tunnelbaus sei deshalb gewesen, eine geschützte militärische Struktur zu schaffen, in der Kämpfer, Waffen und Kommandoposten selbst bei heftigen Luftangriffen funktionsfähig bleiben könnten. Nach Schehadehs Einschätzung investierte die Hisbollah jahrelang stark in diese Form der Kriegsführung. Das System habe viele seiner Zwecke erfüllt, auch wenn es Israel letztlich nicht daran gehindert habe, in den Südlibanon vorzudringen und dort erhebliche Teile der Infrastruktur der Miliz zu zerstören.
Satellitenaufnahmen zeigten zudem, dass israelische Sprengungen und Abrissaktionen in mehreren Dörfern im Süden des Libanon massive Schäden verursacht hätten.
Israel geht weiter gegen Tunnel vor
Die israelische Armee zerstört seit Jahren immer wieder Tunnel der Hisbollah im Libanon, darunter auch Anlagen, die bis auf israelisches Gebiet reichten. Nach libanesischen Angaben wurden bei solchen Einsätzen mehrfach auch Wohnhäuser beschädigt. Auch die UN-Friedenstruppe im Libanon meldete im Sommer 2025 die Entdeckung eines umfangreichen Tunnelsystems im Süden des Landes.
Zuletzt gab das israelische Militär an, einen Tunnel der Schiitenmiliz im Gebiet der strategisch bedeutsamen Beaufort-Burg im Südlibanon vernichtet zu haben. Dabei seien rund 700 Tonnen Sprengstoff eingesetzt worden. Sowohl israelische als auch libanesische Stellen erklärten, die historische Festung selbst sei unbeschädigt geblieben. Die libanesische Nachrichtenagentur berichtete jedoch, ein etwa 1.200 Meter langes Areal am südlichen Ende der Burg sei vollständig verwüstet worden.
Direkte Gespräche in Rom
Seit Mitte April führen Israel und der Libanon erstmals seit Jahrzehnten wieder direkte politische Gespräche. Diplomatische Beziehungen gibt es zwischen den beiden Nachbarstaaten weiterhin nicht. Die Verhandlungen werden von den USA vermittelt; die Hisbollah ist daran nicht beteiligt.
Trotz der Waffenruhe bleibt das israelische Militär im Südlibanon präsent und setzt seine Luftangriffe fort. Die Hisbollah hat seit Inkrafttreten der jüngsten Feuerpause nach bisherigen Angaben keine Angriffe mehr auf Israel verübt. Das aktuelle Rahmenabkommen sieht sowohl den Abzug israelischer Truppen aus dem Südlibanon als auch die Entwaffnung der Hisbollah durch die libanesische Armee vor. Bisher wurde jedoch keiner dieser Punkte umgesetzt.
Israel knüpft seinen weiteren Rückzug an Fortschritte bei der Entwaffnung der Hisbollah. Die Miliz wiederum erklärt, sie werde nur kooperieren, wenn Israel seine Truppen abziehe.
Für die libanesische Regierung ist die Lage zusätzlich schwierig: Ihre Streitkräfte gelten als deutlich schwächer als die Hisbollah, und ein gewaltsames Vorgehen gegen die Miliz könnte im Inneren neue politische Spannungen auslösen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber