Deutschlands Industrie bekommt die schwächere Konjunktur in China zunehmend zu spüren. Weil viele Unternehmen in der Volksrepublik im Heimatmarkt weniger absetzen, drängen sie mit noch mehr Nachdruck auf Auslandsmärkte. Für deutsche Firmen ist das in zweifacher Hinsicht problematisch: Sie verlieren Anteile in China und geraten zugleich in Europa und anderen Regionen stärker unter Druck.
Ökonomen und Finanzexperten fragen deshalb, ob China eine Entwicklung droht, die an Japan erinnert: eine lang anhaltende Phase schwachen Wachstums nach einem vorangegangenen Boom und dem Platzen einer Immobilienblase.
Schon heute hat die Nachfrageschwäche in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt internationale Folgen. Sie belastet sowohl chinesische als auch ausländische Unternehmen. Oliver Oehms, Leiter der Deutschen Auslandshandelskammer in Nordchina, erwartet kurzfristig keine klare Erholung der Binnenwirtschaft. Aus seiner Sicht setzt Peking weiter vor allem auf die Angebotsseite, statt den Konsum stärker anzukurbeln.
Warum Chinas Wirtschaft an Schwung verliert
Ein zentraler Grund für die Flaute liegt nach Einschätzung vieler Experten in jahrelang überzogenen Investitionen. Ifo-Präsident Clemens Fuest verweist darauf, dass in China der Staat im Verhältnis eine größere Rolle bei Investitionen spielt als private Akteure. Auf diese Weise halte die Führung das Wachstum künstlich auf Kurs.
Problematisch sei dabei vor allem die Qualität der Ausgaben. Fuest spricht von erheblichen Fehlallokationen. China investiere mehr als 40 Prozent seiner Wirtschaftsleistung, erreiche aber nur ein Wachstum von rund vier bis fünf Prozent. Für ihn ist das ein Zeichen dafür, dass Kapital nicht effizient eingesetzt wird. Auch der Internationale Währungsfonds stufte die Investitionen in einer Analyse aus dem Jahr 2025 als „exzessiv“ ein.

Parallel dazu hat China mit staatlicher Unterstützung enorme Summen in Forschung, Entwicklung und neue Produktionsanlagen gesteckt. In einzelnen Branchen haben chinesische Konzerne technologisch zu westlichen und japanischen Wettbewerbern aufgeschlossen oder sie sogar überholt. Moderne, stark automatisierte Fabriken stehen für diese Entwicklung. Der Preis dafür ist jedoch ein massiv angewachsener Schuldenstand.
Hohe Schulden und Überkapazitäten
Nach Prognosen des IWF dürfte die Verschuldung des chinesischen Privatsektors ohne Banken in diesem Jahr auf 323 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen. Das wäre deutlich mehr als in westlichen Industrieländern. In mehreren Industriezweigen, darunter Automobil und Solar, schreiben offenbar viele Firmen Verluste. Auch die staatliche Verschuldung nimmt stark zu.
Was der Binnenmarkt wegen schwacher Nachfrage und zu hoher Produktion nicht aufnehmen kann, landet im Export. Fuest warnt: Wenn die öffentlichen Investitionen zurückgefahren würden, müsste China neue Wachstumstreiber finden – oder das Bruttoinlandsprodukt würde sinken. Derzeit versuche das Land, dieses Problem mit exportgetriebenem Wachstum zu lösen.
Deutsche Unternehmen in China reagieren darauf bereits. Zwar bleibt das Land nach Einschätzung von Oehms ein Schlüsselmarkt. Gleichzeitig richten sich viele Firmen neu aus, entwickeln andere Geschäftsmodelle und kooperieren mit chinesischen Partnern auch in Drittmärkten.
Was Experten Peking empfehlen
Hinzu kommen langfristige strukturelle Belastungen. Chinas Bevölkerung altert schnell, und Schätzungen zufolge könnte sie bis zum Ende des Jahrhunderts deutlich schrumpfen. Außerdem wirkt die Immobilienkrise weiter nach. Viele Menschen, die ihr Vermögen in Wohnungen angelegt haben, halten sich beim Konsum zurück. Zugleich leidet die Bauwirtschaft, die lange ein wichtiger Wachstumsmotor und Jobgarant war.
Seit Jahren fordern viele Ökonomen und auch der IWF, Peking müsse die Binnennachfrage stärken. Fuest plädiert dafür, den privaten Konsum und den Dienstleistungssektor zu fördern sowie dem Markt wieder mehr Raum zu geben. Er kritisiert jedoch, dass Staats- und Parteichef Xi Jinping stattdessen stärker auf Subventionen und den Ausbau der Exporte setze.
Steuert China auf eine längere Schwächephase zu?
Wie ernst die Lage tatsächlich ist, wird unter Fachleuten unterschiedlich bewertet. Liu Wan-Hsin vom Kiel Institut für Weltwirtschaft betont, dass sich das Wachstum zwar strukturell verlangsamt habe, im internationalen Vergleich aber weiterhin relativ hoch sei. Von echter Stagnation wolle sie deshalb derzeit noch nicht sprechen.
Entscheidend seien aus ihrer Sicht drei Punkte: Erstens, ob China seine Industrieproduktion trotz Handelskonflikten und geopolitischer Spannungen weiter erfolgreich auf den Weltmärkten verkaufen kann. Zweitens, ob die hohen Investitionen tatsächlich genug Produktivitätsfortschritte und neue Innovationen hervorbringen. Drittens komme es darauf an, ob die schwache Binnenkonjunktur wieder in Gang gebracht werden kann.
Das Risiko einer längeren Stagnation würde nach Einschätzung Lius deutlich steigen, wenn die Investitionen dauerhaft zu wenig Wachstumseffekte erzeugen, das Vertrauen von Unternehmen und Haushalten nicht zurückkehrt und China im Exportgeschäft auf mehr Widerstand stößt.
Genau dieser Gegenwind nimmt bereits zu. Fuest erwartet, dass sich andere Staaten stärker gegen die chinesische Exportoffensive abschirmen werden. In Europa wird über Zölle diskutiert, in den USA ohnehin. Sollte sich dieser Trend verstärken, könnte Chinas Wachstum weiter an Dynamik verlieren.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber