Anleger in Bitcoin und andere Kryptowährungen brauchen derzeit weiter starke Nerven. Seit dem Rekordhoch im vergangenen Herbst hat die bekannteste Digitalwährung rund die Hälfte ihres Werts eingebüßt. Seit Monaten bewegt sich der Bitcoin-Kurs nur noch in einer Spanne von etwa 60.000 bis 65.000 US-Dollar.
Zusätzlich sorgt in Deutschland die Politik für Verunsicherung. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) will die steuerliche Behandlung von Kryptowährungen ändern. Bislang gilt: Wer Bitcoin oder andere digitale Vermögenswerte länger als ein Jahr privat hält, kann Gewinne beim Verkauf steuerfrei vereinnahmen. Bei einer kürzeren Haltedauer greift der persönliche Einkommensteuersatz. Vergleichbare Regeln gelten auch für Gold, Kunst, Oldtimer, Luxusuhren und andere Wertgegenstände.
Kryptowährungen sollen wie Aktien besteuert werden
Nach Klingbeils Vorstellungen soll diese einjährige Haltefrist für Kryptowährungen entfallen. Gewinne aus Krypto-Geschäften würden dann ähnlich behandelt wie Erträge aus Aktien. Auf Dividenden und Aktienverkäufe fällt in Deutschland grundsätzlich die Abgeltungsteuer von 25 Prozent an, hinzu kommen Solidaritätszuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer.
Viele Details der Pläne sind allerdings weiter offen. Unklar ist etwa, ob es Übergangsregelungen geben soll. Ebenso ist nicht entschieden, ob die CDU/CSU als Koalitionspartner die SPD-Vorschläge im Bundestag mitträgt. Schließlich hatten die Regierungsparteien im Koalitionsvertrag vereinbart, die Steuern nicht zu erhöhen.
Knapp 9 Millionen Krypto-Besitzer in Deutschland
Im Vermögensmix der Deutschen spielen Kryptowährungen bislang dennoch nur eine Nebenrolle. Laut einer aktuellen repräsentativen YouGov-Umfrage im Auftrag von BearingPoint besitzen 12,8 Prozent der Erwachsenen in Deutschland derzeit digitale Coins. Das entspricht knapp 8,9 Millionen Menschen. Weitere 4,9 Prozent haben sich bereits wieder aus dem Kryptomarkt zurückgezogen, während 11,4 Prozent einen Einstieg zumindest erwägen.
Die Mehrheit bleibt allerdings klar auf Distanz. 67,4 Prozent der Befragten besitzen keine Kryptowährungen und schließen einen Kauf auch künftig aus.
Auffällig sind die Unterschiede zwischen Geschlechtern und Generationen. Fast jeder fünfte Mann hat digitale Anlagen im Portfolio, bei Frauen ist es nicht einmal jede Dreizehnte. Besonders stark vertreten sind Jüngere: In der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen liegt die Besitzerquote bei 28,4 Prozent. Menschen über 55 können mit dem Thema dagegen meist wenig anfangen.
Wer investiert ist, setzt vor allem auf etablierte Namen. Drei Viertel der Krypto-Anleger besitzen Bitcoin. Dahinter folgen Ethereum mit gut einem Drittel und Solana mit gut einem Fünftel. Stark spekulative Memecoins wie Dogecoin spielen im Vergleich nur eine untergeordnete Rolle.
Hohes Risikobewusstsein
Als sicherer Hafen in Krisenzeiten gelten Kryptowährungen nur für eine kleine Minderheit. Lediglich rund 5 Prozent sehen in ihnen einen verlässlichen Wertspeicher. Deutlich verbreiteter ist die Einschätzung, dass es sich vor allem um ein riskantes Spekulationsobjekt handelt. Für 32,7 Prozent der Gesamtbevölkerung stehen Kryptowerte in erster Linie für Hochspekulation. Selbst unter aktiven Investoren betrachten rund 38 Prozent ihr Engagement vor allem als spekulative Anlage.
Wegen der starken Kursschwankungen dürfte auch der Staat kaum mit stabilen Zusatzeinnahmen rechnen können, falls die Haltefrist gestrichen wird. Zudem stößt das Vorhaben auf deutliche Skepsis. Mehr als 40 Prozent der Gesamtbevölkerung und über 70 Prozent der aktiven Krypto-Anleger sind überzeugt, dass Kryptowährungen durch den Wegfall der steuerfreien Frist deutlich an Attraktivität verlieren würden.
37,6 Prozent der Befragten sprechen sich außerdem dafür aus, langfristig orientierte Anleger steuerlich besserzustellen als kurzfristige Trader. Nur 24,2 Prozent lehnen das ab. Unter den aktiven Krypto-Besitzern liegt die Zustimmung mit 80,8 Prozent besonders hoch. Gleichzeitig zeigt sich viel Unsicherheit: Gut 39 Prozent trauen sich wegen fehlender Fachkenntnisse kein Urteil darüber zu, welches Steuermodell das richtige wäre.
Kritik an Abschaffung der steuerfreien Haltefrist
Vertreter der Branche warnen den Gesetzgeber davor, die steuerlichen Regeln vorschnell zu verschärfen. Robert Bosch, globaler Leiter Financial Services bei BearingPoint, betont, dass die steuerliche Behandlung weit mehr als eine technische Detailfrage sei. Sie entscheide mit darüber, wie verlässlich der Markt für Anleger erscheine und wie attraktiv Deutschland im internationalen Wettbewerb um digitale Finanzinnovationen bleibe.
Bosch sieht in den Umfrageergebnissen ein wichtiges Signal für Politik und Wirtschaft. Kryptowährungen hätten ihre Nische zwar verlassen, seien aber in der breiten Gesellschaft noch nicht vollständig angekommen. Damit digitale Vermögenswerte dauerhaft Akzeptanz fänden, brauche es vor allem Vertrauen, Verständlichkeit und einen verlässlichen institutionellen Rahmen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber