Iran

Trotz Iran-Deal: Libanons Gewalt hört einfach nicht auf

Neue Eskalation an Israels Nordgrenze: Bricht jetzt auch noch der heikle Deal zwischen Washington und Teheran?

19.06.2026, 10:06 Uhr

Neue Waffenruhe zwischen Israel und Hisbollah sofort unter Druck – USA-Iran-Gespräche vorerst gestoppt

Kaum vereinbart, steht die neue Waffenruhe zwischen Israel und der mit Teheran verbündeten Hisbollah bereits auf der Kippe. Nach Angaben eines US-Regierungsvertreters sollte die von den USA und Katar vermittelte Feuerpause am Freitag um 16.00 Uhr Ortszeit in Kraft treten. Libanesischen Sicherheitskreisen zufolge kam es jedoch in den ersten 45 Minuten danach bereits zu zwölf israelischen Angriffen.

Eine Bestätigung aus dem Büro des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu lag zunächst nicht vor. Die Zeitung The Times of Israel zitierte Armeesprecher Effie Defrin mit den Worten, die israelischen Truppen behielten trotz der Waffenruhe „volle Handlungsfreiheit“, um in jedem Gebiet gegen jede Bedrohung vorzugehen. Einschränkungen gebe es demnach nicht.

Die neue Feuerpause sollte eine weitere Eskalation eindämmen. Zuvor hatten sich beide Seiten erneut gegenseitig vorgeworfen, eine bereits im Rahmenabkommen vereinbarte Waffenruhe verletzt zu haben.

Israel meldet massive Angriffe auf Hisbollah-Ziele

Nach Angaben des israelischen Militärs griff die Armee in der Nacht und am Freitagmorgen mehr als 150 Stellungen der Hisbollah im Libanon aus der Luft an. Zuvor habe die Miliz Raketen auf israelische Soldaten im Südlibanon abgefeuert, teilte die Armee auf X mit.

Demnach wurden vier israelische Soldaten getötet. Vier weitere seien bei einem Drohnenangriff verletzt worden.

Das libanesische Gesundheitsministerium meldete inzwischen 47 Tote und 97 Verletzte auf libanesischer Seite. Unter den Getöteten seien auch acht Mitglieder derselben Familie gewesen. Unabhängig überprüfen lassen sich die Angaben derzeit nicht.

Netanjahu verlangt hartes Vorgehen

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wies die Armee an, mit aller Härte gegen die Hisbollah vorzugehen. Israel werde weder Angriffe auf seine Soldaten noch auf sein Staatsgebiet hinnehmen.

Die Hisbollah erklärte ihrerseits, Israel habe sich zu keinem Zeitpunkt an eine Waffenruhe gehalten. Der libanesische Präsident Joseph Aoun warf Israel vor, die Bemühungen um ein Ende der Gewalt zu untergraben und bei seinen Angriffen unschuldige Zivilisten zu treffen.

Rahmenabkommen bleibt unter Druck

Das erst vor wenigen Tagen vereinbarte Rahmenabkommen zwischen den USA und dem Iran sieht grundsätzlich eine umfassende Beendigung militärischer Konflikte in der Region vor. Eine ausdrückliche Klausel über einen Abzug israelischer Truppen enthält die Vereinbarung jedoch nicht. Die Hisbollah gilt als wichtigster Verbündeter des Irans in der Region.

Gerade dieser offene Punkt belastet die Umsetzung des Abkommens weiter. Ob die nun vereinbarte neue Waffenruhe hält, bleibt damit offen.

Gesprächsrunde in der Schweiz abgesagt

Wegen der gegenseitigen Angriffe wurde eine für Freitag angedachte erste Gesprächsrunde zwischen dem Iran und den USA zur Ausgestaltung des Rahmenabkommens in der Schweiz abgesagt.

Das der Hisbollah nahestehende libanesische Portal Al Mayadeen berichtete unter Berufung auf nicht näher genannte iranische Regierungsquellen, Teheran habe wegen der israelischen Luftschläge im Libanon zunächst nicht an den Gesprächen teilnehmen wollen.

Neue Drohungen rund um die Straße von Hormus

Kurz vor Inkrafttreten der angekündigten Waffenruhe wurde in iranischen Medien erneut mit einer Schließung der für die Energiewirtschaft wichtigen Straße von Hormus gedroht. In den vergangenen Tagen hatten die Durchfahrten durch die Meerenge leicht zugenommen.

Die Verbindung zwischen den Kämpfen im Libanon und den Spannungen rund um eine der wichtigsten globalen Schifffahrtsrouten zeigt, wie stark der Konflikt inzwischen auf die gesamte Region ausstrahlt.

Scharfe Forderungen aus Israels Regierung

Nach dem Tod der vier Soldaten im Südlibanon forderten die beiden rechtsextremen Minister Bezalel Smotrich und Itamar Ben-Gvir harte Vergeltungsmaßnahmen. Finanzminister Smotrich schrieb auf X, es sei Zeit, „mit Feuer zu sprechen“ und „die Pforten der Hölle zu öffnen“.

Polizeiminister Ben-Gvir erklärte dort, für jede Träne einer israelischen Mutter müssten tausend libanesische Mütter weinen. „Der ganze Libanon muss brennen!“, schrieb er. Im Nahen Osten gewinne man nicht mit Zurückhaltung, sondern müsse „vernichten“ und den Terror zerschlagen.

Irans Außenminister Abbas Araghtschi reagierte auf X und erklärte, Israels einziges Interesse sei ein permanenter Krieg. Ben-Gvir bezeichnete er als verrückt.

Bewohner fliehen aus dem Südlibanon

Die neuen Kämpfe lösten im Süden des Libanon eine Fluchtbewegung aus. Ein dpa-Fotograf beobachtete, wie Hunderte Menschen versuchten, sich mit dem Auto in Richtung der Küstenstadt Sidon in Sicherheit zu bringen.

Experten sehen Südlibanon als zentralen Streitpunkt

Aus Sicht des israelischen Iran-Experten Danny Citrinowicz bleibt die militärische Auseinandersetzung zwischen Israel und der Hisbollah der größte Stolperstein für eine breitere Einigung zwischen Washington und Teheran. Es sei kaum vorstellbar, dass Iran einem umfassenden Waffenstillstand zustimme, während Israel sich zugleich ein weit ausgelegtes Recht auf militärische Einsätze im Libanon vorbehalte.

Was die eine Seite als legitime Selbstverteidigung betrachte, könne von der anderen als klarer Verstoß gegen das Abkommen gewertet werden, schrieb Citrinowicz. Entscheidend sei daher, wie weit die US-Regierung gehen wolle, um eine unterschiedlich ausgelegte Waffenruhe tatsächlich durchzusetzen.

Auch der Nahost-Experte Simon Wolfgang Fuchs sieht für Teheran strategische Vorteile. Das Einbeziehen des Libanons in die Verständigung mit den USA sei Teil einer neuen iranischen Sicherheitsdoktrin. Demnach sollen die Schicksale Teherans und Beiruts enger miteinander verknüpft werden. Iran habe zudem signalisiert, ein endgültiges Abkommen erst dann unterzeichnen zu wollen, wenn Israel sich aus dem Südlibanon zurückzieht.

Fuchs geht davon aus, dass die USA den Druck auf Israel schrittweise erhöhen könnten, um genau diesen Streitpunkt auszuräumen. Auch der Iran-Experte Vali Nasr sieht Anzeichen dafür, dass die iranische Strategie Wirkung zeigt. Dass US-Vizepräsident Vance am Donnerstag israelische Kritik am Rahmenabkommen zurückgewiesen habe, deute auf eine neue Kluft zwischen den USA und Israel hin.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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