Die Ukraine hat bei einem der schwersten Drohnenangriffe auf Moskau seit Beginn des Krieges eine Ölraffinerie im Südosten der russischen Hauptstadt schwer beschädigt. Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin erklärte, die Flugabwehr habe nach letztem Stand mehr als 190 Drohnen abgefangen. Zugleich räumte er ein, dass einige Fluggeräte die Raffinerie dennoch erreicht hätten.
In sozialen Netzwerken verbreiteten sich zahlreiche Aufnahmen der Attacke und ihrer Folgen. Auf mehreren voneinander unabhängigen Videos ist zu sehen, wie bei einer Explosion der Stahldeckel eines Öltanks meterhoch in die Luft geschleudert wird. Auf dem Gelände der Anlage lodern mehrere Brände, dichte Rauchschwaden steigen über dem Südosten Moskaus auf.
Flugabwehr zeigt Schwächen
Augenzeugenaufnahmen legen nahe, dass die russische Flugabwehr in der Nacht teils erhebliche Probleme hatte. In einem Video rast eine Flugabwehrrakete an einer Drohne vorbei, während der unbemannte Flugkörper trotz anhaltenden Gewehrfeuers seinen Kurs durch eine Rauchsäule weiter in Richtung Raffinerie fortsetzt. Auch ein zweiter Abfangversuch scheint zu scheitern. Wo die Raketen einschlagen, ist unklar.
Auf einer weiteren Aufnahme trifft ein Flugabwehrgeschoss zwar offenbar eine Drohne, bringt sie aber nicht in der Luft zur Explosion. Der Flugkörper detoniert demnach erst in einem Gartenfachmarkt nahe der Raffinerie und verursacht dort Schäden. Nach russischen Angaben wurden außerdem ein Wohnhaus in Moskau sowie im Umland ein Hochhaus beschädigt. Getroffen wurde laut Berichten zudem die große Einkaufs-Mall „Weiße Datscha“ nahe des Gartenrings, wo sich vor dem Krieg auch ein großer Ikea-Standort befand.
Die Einschläge nur rund 15 Kilometer vom Kreml entfernt sind auch symbolisch heikel für die russische Führung. Moskau galt lange als vergleichsweise gut geschützt. Zuletzt waren auf Dächern von Wohnhäusern zusätzliche Flugabwehrsysteme vom Typ Panzir installiert worden. In der Angriffsnacht erwiesen sich diese Maßnahmen jedoch offenbar als nur begrenzt wirksam.
Mehrere Brandherde in der Raffinerie
Zum genauen Ausmaß der Schäden an der Ölverarbeitungsanlage machten die Behörden zunächst keine Angaben. Das unabhängige Portal Astra identifizierte nach Auswertung von Videoaufnahmen nach eigenen Angaben mindestens fünf Brandherde auf dem Raffineriegelände.
Informationen über Verletzte in Moskau und Umgebung lagen zunächst nicht vor. Wegen der Angriffe mussten die vier Moskauer Flughäfen für mehrere Stunden geschlossen werden.
Selenskyj bestätigt Angriff
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte den Angriff auf die Raffinerie in sozialen Netzwerken. Er sprach von ukrainischen „Langstrecken-Sanktionen“ gegen die russische Ölindustrie. Dies sei eine gerechte Antwort auf die fortgesetzten russischen Angriffe auf ukrainische Städte und Gemeinden, schrieb er.
Zugleich dankte Selenskyj den ukrainischen Geheimdiensten für den Schlag. Die Raffinerie sei ein wichtiges Objekt für die russische Kriegsmaschinerie gewesen, erklärte er.
Der Angriff auf Moskau fiel erneut mit einem von Präsident Wladimir Putin veranstalteten internationalen Großereignis zusammen: dem ASEAN-Gipfel in Kasan an der Wolga. Bereits Anfang Juni hatte die Ukraine ein Tanklager in St. Petersburg attackiert, während dort Putins Internationales Wirtschaftsforum stattfand.
Große Anlage mit wichtiger Versorgung
Die betroffene Raffinerie im Moskauer Stadtbezirk Kapotnja gehört zu Gazpromneft und zählt mit einer Verarbeitungskapazität von rund elf Millionen Tonnen pro Jahr zu den größten Anlagen Russlands. Sie deckt einen bedeutenden Teil der Treibstoffversorgung der Hauptstadt ab.
Nach russischen Angaben war die Raffinerie bereits zum dritten Mal Ziel ukrainischer Angriffe. Die vorherige Attacke liegt demnach erst zwei Tage zurück.
Die Ukraine verteidigt sich seit mehr als vier Jahren gegen die von Kremlchef Wladimir Putin befohlene Invasion. In den vergangenen Monaten hat Kiew seine Angriffe auf Raffinerien im russischen Hinterland deutlich verstärkt. Ziel ist es, sowohl die Treibstoffversorgung der russischen Streitkräfte als auch die Finanzierung des Krieges zu erschweren.
Dass ukrainische Drohnen inzwischen auch weit entfernte Ziele treffen, führen Beobachter vor allem auf zwei Entwicklungen zurück: auf die stark ausgeweitete Drohnenproduktion in der Ukraine sowie auf gezielte Angriffe gegen russische Flugabwehrsysteme nahe der Front. Dadurch soll ein spürbarer Teil der russischen Luftverteidigung ausgeschaltet worden sein.
Weitere Regionen ebenfalls attackiert
Neben Moskau gerieten in der Nacht auch weitere russische und von Russland kontrollierte Gebiete unter Beschuss. Das russische Militär sprach von insgesamt mehr als 550 abgefangenen Drohnen. Aus der Grenzregion Belgorod wurde ein Todesopfer gemeldet. Zudem gab es mehrere Verletzte in Belgorod, Kursk sowie im von Russland besetzten Teil des ukrainischen Gebiets Donezk.
Russland setzt Angriffe auf seine Ölindustrie Terroranschlägen gleich und reagierte in der Vergangenheit häufig mit harten Gegenschlägen gegen die Ukraine. Dabei kamen wiederholt auch ballistische Raketen zum Einsatz, die schneller sind und deutlich größere Zerstörungskraft entfalten als Drohnen. Zuletzt wurde auch die neu entwickelte Mittelstreckenrakete Oreschnik eingesetzt. Eine erneute harte russische Reaktion gilt daher als wahrscheinlich. Experten bezweifeln jedoch, dass Moskau damit die wachsende ukrainische Drohnenstärke grundsätzlich brechen kann.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion