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Neue Klima-Prognosen: Ist Erderwärmung doch harmloser?

Klimaforscher dämpfen den schlimmsten Alarm – Trump feiert. Doch Experten warnen: Genau darin steckt das eigentliche Problem.

20.05.2026, 05:00 Uhr

Klimaforscher korrigieren Extrem-Szenario – Entwarnung gibt es dennoch nicht

Neue Berechnungen zur globalen Erwärmung sorgen für Debatten: Forschende haben ihre Annahmen für das bislang drastischste Klimaszenario nach unten angepasst. US-Präsident Donald Trump wertete das als Beleg gegen vermeintlichen „Klima-Alarmismus“. Fachleute widersprechen jedoch klar. Ihre Botschaft lautet: Die Gefahr durch den Klimawandel ist weiterhin groß – zumal selbst das günstigste Szenario inzwischen ungünstiger ausfällt als früher.

Worum geht es?

Im Fachjournal des World Climate Research Programme haben Wissenschaftler mehrere mögliche Entwicklungen der Erderwärmung neu bewertet. Demnach gilt das bisher extremste Emissionsszenario inzwischen als kaum noch realistisch.

Der niederländische Forscher Detlef van Vuuren, Hauptautor der Studie, begründet das unter anderem mit dem rasanten Ausbau erneuerbarer Energien. Wind- und Solarstrom seien in den vergangenen Jahren deutlich billiger geworden als erwartet. Dadurch erscheine ein ungebremster Anstieg beim Verbrauch fossiler Energieträger wie Kohle, Öl und Gas weniger wahrscheinlich. Hinzu komme, dass es trotz aller Defizite durchaus Klimaschutzmaßnahmen gebe.

Auch das Bundesumweltministerium sieht darin einen Erfolg politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen. Investitionen in erneuerbare Energien seien heute oft attraktiver als der Bau neuer Kohlekraftwerke.

Bedeutet das weniger Grund zur Sorge?

Nein. Dass das schlimmste Szenario nun abgeschwächt wurde, heißt laut den Forschern nicht, dass die Klimakrise gebannt ist. Selbst im überarbeiteten Worst Case würde sich die Erde im Vergleich zur vorindustriellen Zeit um etwa 3,5 Grad erwärmen. Ein solcher Wert wäre nach Einschätzung der Wissenschaft mit sehr schweren Folgen verbunden.

Überflutungen wegen Starkregen in Baden-Württemberg
Der Klimawandel macht extreme Wetterereignisse wie Dürren und Überschwemmungen wahrscheinlicher. Das bleibt auch bei den veränderten Szenarien so. Quelle: Silas Stein/dpa

Zum Vergleich: Im früheren Extrem-Szenario war von deutlich mehr als vier Grad Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts ausgegangen worden.

Van Vuuren betont zudem, dass weiterhin Unsicherheiten bestehen. Auch ein Anstieg um mehr als 4 Grad bis 2100 sei nicht ausgeschlossen. Außerdem würde die Temperatur danach weiter steigen. Das Niveau, das zuvor für das Jahr 2100 angenommen wurde, könnte demnach lediglich später erreicht werden – etwa um 2150.

Warum bleibt die Lage ernst?

Der Klimaforscher Niklas Höhne vom New Climate Institute warnt ausdrücklich davor, die neuen Modellrechnungen als Entwarnung zu verstehen. Heute gehe die Forschung davon aus, dass die Auswirkungen bei einem bestimmten Temperaturanstieg deutlich gravierender seien als noch vor zehn Jahren.

Vor allem die Gefahr sogenannter Kipppunkte werde inzwischen höher eingeschätzt. Gemeint sind Schwellen, ab denen sich Prozesse wie Eisschmelze, Waldverlust oder Veränderungen von Meeresströmungen stark beschleunigen und kaum noch umkehrbar sind. Höhne zufolge könnte das aktuelle Szenario mit den höchsten Emissionen daher ähnlich schwere Folgen haben wie früher das schlimmste denkbare Szenario.

Auch das UN-Umweltprogramm rechnet weiterhin mit rund 2,8 Grad globaler Erwärmung bis 2100. Das Bundesumweltministerium warnt, schon bei 1,5 Grad seien die Folgen weltweit deutlich spürbar: mehr Dürren, Hitzewellen, Waldschäden, Überschwemmungen und andere extreme Wetterereignisse.

Waren frühere Warnungen also übertrieben?

Nach Ansicht der Experten ist das nicht der Fall. Höhne sagt, dass erneuerbare Energien heute so stark geworden seien, dass ein unbegrenztes Wachstum fossiler Energien zunehmend unwahrscheinlich sei. Vor einigen Jahren habe das noch anders ausgesehen, weil es weniger Alternativen gegeben habe. Die Wissenschaft habe also nicht falsch gelegen, sondern ihre Annahmen an die veränderte Realität angepasst.

Ähnlich beurteilt das Johannes Emmerling vom European Institute on Economics and the Environment in Mailand. Die Forschung habe sich nicht selbst widerlegt. Vielmehr hätten politischer Druck, technischer Fortschritt und wirtschaftliche Anreize dazu beigetragen, dass das frühere Extrem-Szenario heute weniger plausibel erscheine.

Warum sieht das beste Szenario inzwischen schlechter aus?

Der Grund ist laut van Vuuren einfach: Die weltweiten Treibhausgasemissionen sind in den vergangenen Jahren weiter gestiegen. Deshalb rechnen selbst sehr optimistische Modelle nicht mehr damit, dass das 1,5-Grad-Ziel ohne Überschreitung eingehalten werden kann.

Selbst im günstigsten Fall dürfte die Erwärmung dieses Limit zunächst um 0,2 bis 0,3 Grad überschreiten. Erst gegen Ende des Jahrhunderts könnte die Temperatur wieder in die Nähe von 1,5 Grad sinken.

Daraus folge, so die Forscher, dass nicht nur die Reduktion von Emissionen schneller vorangetrieben werden müsse. Ebenso wichtig werde es, sich stärker an die Folgen des Klimawandels anzupassen und zusätzlich CO2 aus der Atmosphäre zu entfernen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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