Ebola-Patient in Berliner Charité: WHO sieht ernste Lage, aber keine Pandemiegefahr
Ein mit dem Ebola-Virus infizierter US-Amerikaner wird auf der Sonderisolierstation der Berliner Charité behandelt. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums wurde der Mann vollständig isoliert aufgenommen. Er hatte sich bei einem Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo angesteckt. Inzwischen wurde präzisiert, dass es sich um einen amerikanischen Arzt handelt.
Die US-Behörden baten die Bundesregierung um Unterstützung. Als ein Grund wurde unter anderem die kürzere Flugzeit nach Deutschland genannt. Der Erkrankte wurde aus Uganda mit einem Spezialflugzeug für hochinfektiöse Patienten nach Berlin gebracht und in der Nacht in einem besonders ausgestatteten Krankentransporter zur Charité weitergefahren. Der Konvoi wurde von Polizei, Feuerwehr und Rettungskräften begleitet.
Zum Gesundheitszustand des Patienten äußern sich Bundesgesundheitsministerium und Charité derzeit nicht. Der Mann wird in der geschützten Sonderisolierstation des Universitätsklinikums versorgt.
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) erklärte, für die Bundesregierung sei es selbstverständlich, internationale Partner in einer solchen Lage zu unterstützen. Deutschland verfüge über ein leistungsfähiges medizinisches Netzwerk, das auch die Behandlung von Menschen mit hochgefährlichen Infektionskrankheiten ermögliche. Den Beteiligten dankte sie für den aufwendigen Transport sowie für die medizinische und pflegerische Versorgung in der Charité.
WHO: Keine Pandemiegefahr und keine Reisebeschränkungen empfohlen
Trotz des Ausbruchs in Zentralafrika sehen internationale Fachleute derzeit keine Gefahr einer Pandemie. Lucille Blumberg, Vorsitzende des Ebola-Notfallausschusses der Weltgesundheitsorganisation (WHO), sagte in Genf, der Ausbruch erfülle aus Sicht des Gremiums nicht die Kriterien für einen Pandemie-Notstand. Eine solche Einstufung wäre die höchste Alarmstufe der WHO.
Der Ausschuss empfiehlt zudem weiterhin keine Reisebeschränkungen. Nach Angaben der WHO wird Ebola nicht durch zufälligen Kontakt oder über die Atemluft übertragen, sondern durch engen direkten Kontakt mit Blut und anderen Körperflüssigkeiten infizierter Menschen. Deshalb sehen die Experten keinen Anlass für zusätzliche internationale Zwangsmaßnahmen.
WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus hatte wegen des Ausbruchs in der Demokratischen Republik Kongo und in Uganda bereits eine gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite ausgerufen.
Lage im Kongo: Hunderte Verdachtsfälle und viele Tote
In der Demokratischen Republik Kongo und in Uganda gibt es nach WHO-Angaben inzwischen mehr als 500 Verdachtsfälle und mehr als 130 vermutete Todesfälle, der Großteil davon im Kongo. Einige Dutzend Fälle wurden bislang im Labor bestätigt.
Die WHO geht davon aus, dass die tatsächliche Zahl deutlich höher liegt, weil viele Erkrankungen vermutlich nicht gemeldet werden. Der Ausbruch betrifft die unruhige Provinz Ituri im Osten des Kongo. Dort sind nach Kämpfen rund 100.000 Menschen auf der Flucht. Unter solchen Bedingungen ist medizinische Versorgung besonders schwierig. Ituri grenzt an Uganda und den Südsudan.
Keine Gefahr für Bevölkerung und Klinikbetrieb
Für die Bevölkerung sowie für andere Patientinnen und Patienten der Charité besteht nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums keine Gefahr. Die Sonderisolierstation am Campus Virchow-Klinikum ist vollständig vom regulären Klinikbetrieb getrennt. Dadurch ist jeder Kontakt mit anderen Menschen im Krankenhaus ausgeschlossen.
Auch beim Umgang mit möglicherweise kontaminierten Materialien gelten laut Ministerium höchste Sicherheitsstandards. Das Abwasser der Station wird in speziellen Tanks gesammelt, aufbereitet und neutralisiert. Benutzte Schutzanzüge und weiterer Abfall werden von einem spezialisierten Unternehmen entsorgt. Außerdem wird die Abluft des Gebäudes durch zwei Filtersysteme gereinigt, bevor sie nach außen gelangt.
Warum die Charité ausgewählt wurde
Die Sonderisolierstation der Charité ist laut Ministerium die größte Einrichtung dieser Art in Deutschland. Zugleich ist sie die einzige Station, die Infektiologie und Intensivmedizin direkt miteinander verbindet. Das Personal trainiert dort zweimal im Monat Abläufe und Notfallszenarien.
Nach Angaben des Ministeriums handelt es sich um eine in sich geschlossene Einheit, in der bis zu 20 Personen gleichzeitig isoliert werden können, ohne den übrigen Krankenhausbetrieb zu beeinträchtigen.
Seltene Virusvariante: Noch kein Impfstoff und keine Therapie
Im Kongo wurde die seltene Bundibugyo-Variante des Ebola-Virus nachgewiesen. Nach WHO-Angaben gibt es dagegen bislang weder einen zugelassenen Impfstoff noch eine zugelassene spezifische Therapie. Die Organisation spricht von zwei Impfstoffkandidaten: Bei einem dürfte es noch sechs bis neun Monate dauern, bis Dosen verfügbar sind. Beim anderen könnten Impfdosen womöglich schon in zwei bis drei Monaten hergestellt werden, allerdings fehlen dort noch wichtige Daten aus Tierversuchen.
Nach Einschätzung der WHO begann der Ausbruch vermutlich schon in der dritten April-Woche, wurde aber zunächst nicht erkannt. Es handelt sich um den 17. Ebola-Ausbruch im Kongo seit 1976.
Die WHO hat zudem mehrere Szenarien für die weitere Entwicklung entworfen. Demnach könnten in der betroffenen Region 400 bis 800 Todesfälle auftreten, im schlimmsten Fall sogar bis zu 1.000.
Internationale Reaktionen und Empfehlungen
Das benachbarte Ruanda hat seine Grenze zum Osten des Kongo bereits geschlossen. Die USA gaben für den Kongo ihre höchste Reisewarnung heraus und verhängten Einreisebeschränkungen für Menschen ohne US-Pass, die sich zuletzt im Kongo, in Uganda oder im Südsudan aufgehalten haben.
Die Empfehlungen des WHO-Notfallausschusses bleiben dennoch unverändert: Erkrankte isolieren, medizinisches Personal schützen, Kontaktpersonen überwachen und bei Bedarf absondern sowie Beerdigungen so organisieren, dass keine Ansteckungen entstehen.
Die USA wollen nach eigenen Angaben bis zu 50 Behandlungszentren finanzieren, um die Eindämmung des Ausbruchs im Kongo und in Uganda zu unterstützen.
Vertrauen der Bevölkerung entscheidend
WHO-Experten betonen, dass internationale Hilfe nur dann wirksam ist, wenn sie eng mit den lokalen Behörden abgestimmt wird. Große Delegationen aus dem Ausland seien nicht automatisch hilfreich. Vielmehr komme es darauf an, welche konkrete Unterstützung vor Ort gebraucht werde.
Der Kongo verfügt nach Einschätzung der Fachleute über viel Erfahrung im Umgang mit Ebola. Entscheidend sei jedoch das Vertrauen der Bevölkerung. Wenn Erkrankte, Verdachtsfälle oder Kontaktpersonen sich aus Misstrauen nicht melden, lassen sich Infektionsketten kaum unterbrechen.
Behandlung hängt vom Zustand des Patienten ab
Welche Behandlung in der Charité nötig ist, richtet sich nach dem Gesundheitszustand des Patienten bei der Aufnahme. Deshalb beginnt zunächst eine umfassende Untersuchung mit entsprechender Diagnostik. Als Vorteil gilt dabei die räumliche Nähe zum Robert Koch-Institut. In einem Speziallabor können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unter anderem komplexe Blutuntersuchungen durchführen.
Besonders wichtig ist nach Ministeriumsangaben, dass der Patient unter höchsten Schutzvorkehrungen auch intensivmedizinisch versorgt werden kann. Das kann die Überlebenschancen deutlich verbessern. Gerade bei schweren Verläufen ist eine engmaschige Betreuung entscheidend.
So verläuft eine Ebola-Infektion
Ebola ist eine schwere und oft lebensgefährliche Infektionskrankheit. Das Virus wird in der Regel durch direkten Kontakt mit bereits erkrankten Menschen oder deren Körperflüssigkeiten übertragen.
Nach Einschätzung des Experten Fabian Leendertz vom Helmholtz Institut beginnt die Erkrankung häufig mit Beschwerden, die zunächst an eine Grippe oder auch an eine Durchfallerkrankung erinnern. Danach kann sich der Verlauf jedoch deutlich verschlimmern. In vielen schweren Fällen führt die Infektion schließlich zu Multiorganversagen.
Zum Vergleich: Beim großen Ausbruch der Zaire-Variante in Westafrika in den Jahren 2014 und 2015 starben mehr als 11.000 Menschen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion