Die Toten Hosen sind mit voller Wucht zurück – und zugleich klingt vieles nach Abschied. Hart, laut und schnell eröffnet „Wir waren nie weg“ das neue Album und sendet an langjährige Fans eine unmissverständliche Botschaft: „Wir gehen nie weg.“
Seit Freitag, 29. Mai, ist nach neun Jahren Pause das 16. Studioalbum der Band erschienen, die inzwischen auf 44 Jahre Geschichte zurückblickt. Der Titel: „Trink aus! Wir müssen gehen“. Nach Angaben der Gruppe soll es das letzte reguläre Studioalbum der Toten Hosen sein.
Überraschung zum offiziellen Albumstart
Zum veröffentlichten Album gibt es allerdings noch eine Neuerung, die auf den vorab an Medien verschickten Exemplaren nicht enthalten war: Ganz vorne auf Platz eins steht ein zusätzlicher Song. Farin Urlaub von den Ärzten hat den einstigen Rivalen, die längst freundschaftlich verbunden sind, mit „Hier sind die Hosen“ eine fast vier Minuten lange Hymne gewidmet. Das Stück wirkt wie ein feierliches, sich steigerndes Präludium und verleiht dem Album einen besonderen Auftakt.
Erst danach folgt „Wir waren nie weg“, ehe als drittes Stück „Die Show muss weitergehen“ erklingt, das bereits vorab veröffentlicht worden war. Wer nur diese ersten Minuten hört, könnte leicht meinen, Berichte über ein nahes Ende der Band seien stark übertrieben.
Zwischen Wucht und Wehmut
Doch das Album bleibt nicht im Dauer-Vollgas. Immer wieder kippt es in nachdenkliche, traurige und melancholische Momente. Sehr persönliche Widmungen finden sich etwa in „Glück“, einem Lied für Campinos Sohn Lenn. Mit „Kein Blatt zwischen uns“ richtet die Band den Blick auf Menschen mit Zivilcourage. Auch Düsseldorf, die Heimat der Punkrocker, bekommt eine musikalische Liebeserklärung.
Thematisch reicht das Werk weit: Es geht um das Sterben in „Augen zu“, um einen Heiratsantrag in „Ich will“, um Privates ebenso wie um Politik. „Schlechte Nachbarn“ beginnt mit markantem Gitarren-Stakkato und greift wie mehrere andere Stücke den gesellschaftlichen Rechtsruck auf. Wenn im 16. und letzten Lied schließlich die Zeile fällt, man sei ohnehin schon viel zu lange unterwegs gewesen, bekommt das Album unüberhörbar einen Abschiedscharakter.
Abschied mit großem Aufwand
Wie ernst die Band dieses Werk genommen hat, zeigt nicht nur die Entstehung: Mit Unterbrechungen arbeiteten die Toten Hosen rund zwei Jahre im Studio daran. Auch das Cover spielt bewusst mit der eigenen Geschichte. Fotograf Andreas Gursky hat dafür sein berühmtes Werk „Rhein II“ neu inszeniert. Diesmal steht am Rheinufer ein offenbar reparaturbedürftiger Opel mit der Band daneben – ein klarer Verweis auf das Debütcover „Opel Gang“ von 1983.
Eine ARD-Dokumentation zeigt zudem, dass die Entscheidung für ein letztes reguläres Album intern nicht unumstritten war. Sänger Campino (63) äußert sich dennoch klar: Auf ein weiteres komplettes Studioalbum werde sich die Band nicht noch einmal einlassen. Trotz aller Wehmut überwiege für ihn deutlich das Gefühl, dass dieser Schritt richtig sei.
Ob auch live Schluss ist, bleibt offen
Noch nicht entschieden ist dagegen, ob das bislang letzte geplante Konzert im Juli 2027 in Düsseldorf tatsächlich auch den endgültigen Bühnenabschied markieren wird. Eine mögliche Unplugged-Tour wollte Campino nicht ausschließen.
Zugleich machte er deutlich, wie anstrengend die Arbeit an dem Album war. Aus 200 bis 300 Songideen blieben am Ende 15 neue Stücke übrig. Mit einigen davon zeigt sich der Sänger besonders zufrieden. Er nennt unter anderem „Was ist mit uns los“, „Schlechte Nachbarn“ und „Lass mal nicht machen“. „Trink aus“ findet er okay, „Düsseldorf“ hält er vor allem für die Region für wichtig, und „Glück“ war ihm persönlich ein besonderes Anliegen.
Bonusalbum mit vielen prominenten Stimmen
Zusätzlich zu den neuen Songs erscheint mit „Alles muss raus“ noch ein Bonusalbum. Dafür haben die Toten Hosen 25 Coverversionen aufgenommen – teils neu interpretiert, teils gemeinsam mit den Künstlerinnen und Künstlern, die die Originale bekannt gemacht haben.
Campino stand dafür nicht nur mit Punk-Größen im Studio, sondern auch mit Vicky Leandros, Wolf Biermann, Bettina Wegner, Wolfgang Niedecken, Sven Regener, Blixa Bargeld und Marian Gold von Alphaville. Entscheidend sei gewesen, mit wem die Band unbedingt noch einmal zusammenarbeiten wollte und welche Begegnungen bislang noch gefehlt hätten. So entstand auch eine Hosen-Version von BAPs „Kristallnaach“ aus dem Jahr 1982 – jenem Jahr, in dem die Toten Hosen gegründet wurden.
Unter dem Strich hinterlassen die Düsseldorfer damit nicht nur 15 neue eigene Songs, sondern zusätzlich die Hymne von Farin Urlaub und ein üppig besetztes Bonusalbum – ein Abschiedswerk mit viel Energie, Wehmut und großer Geste.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion