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Alle sehen, wo ich bin – genial oder fatal?

Live-Standort mit Familie teilen? Klingt praktisch – doch was dabei alles schieflaufen kann, überrascht selbst Fachleute.

23.09.2026, 04:00 Uhr

Viele Menschen müssen heute nicht mehr extra Bescheid geben, wenn sie sicher angekommen sind oder unterwegs noch etwas erledigen. Wer seinen Live-Standort per Smartphone mit Familie, Freunden oder dem Partner teilt, ist für andere jederzeit auf der Karte sichtbar. Das kann im Alltag hilfreich sein, wirft nach Einschätzung von Fachleuten aber auch Fragen zu Privatsphäre, Kontrolle und Datenschutz auf.

1. Wer den Standort teilt – und aus welchen Gründen

Das dauerhafte Teilen des eigenen Standorts ist in vielen Beziehungen längst keine Ausnahme mehr. Eine repräsentative Umfrage im Auftrag des Digitalverbands Bitkom unter mehr als 1.400 Menschen zeigt: 14 Prozent haben in einer Partnerschaft ihren Standort bereits dauerhaft freigegeben. Bei den 16- bis 29-Jährigen ist es sogar fast jede vierte Person.

Als Hauptgründe nennen die Befragten mehr Sicherheit und einen praktischen Nutzen. Gleichzeitig sagt jedoch mehr als die Hälfte, dass ein solches Modell für sie nicht infrage kommt.

Nicht nur Paare setzen auf diese Funktion. Auch Eltern nutzen häufig Smartphones oder Smartwatches mit Ortungsfunktion, um zu sehen, wo sich ihre Kinder aufhalten. Eine US-Studie der Universität Michigan legt nahe, dass dies nicht nur bei Minderjährigen geschieht: Rund die Hälfte der befragten Eltern gab an, auch ihre 18- bis 25-jährigen Kinder per Technik zu verfolgen – meist sogar dauerhaft.

Viele Eltern berichten, dass sie sich dadurch beruhigter fühlen und im Notfall schneller reagieren könnten. Manche sagen auch, sie könnten so besser abschätzen, wann ein Anruf passt oder was Sohn oder Tochter gerade machen.

Teilen des Live-Standorts via Smartphone
Seinen Live-Standort zu teilen, kann praktisch sein, etwa wenn man sich auf einem Musikfestival, einer Demonstration oder einer anderen Großveranstaltung mit Freunden treffen will. (Symbolbild) Quelle: Jens Kalaene/dpa

2. Welche Vorteile das bringen kann

Den eigenen Standort freizugeben, kann in vielen Situationen nützlich sein. Wer sich etwa auf einem Festival, bei einer Demo oder auf einer anderen Großveranstaltung mit Freunden verabreden will, findet sich oft leichter über die Kartenansicht als per Anruf im Lärm der Umgebung.

Auch in Situationen, die als riskanter wahrgenommen werden, kann das Teilen des Standorts das Sicherheitsgefühl erhöhen – etwa bei einer anspruchsvollen Bergtour, auf dem nächtlichen Heimweg oder beim ersten Treffen mit einer Internetbekanntschaft.

Die polizeiliche Kriminalprävention von Bund und Ländern weist darauf hin, dass vertraute Personen im Ernstfall schneller reagieren könnten, wenn jemand von seinem üblichen Verhalten abweicht oder in Schwierigkeiten gerät.

Allerdings betont Sprecherin Martina Plackmann, dass das Teilen des Standorts keine echte Sicherheit garantiere. Es könne vor allem das Gefühl vermitteln, besser abgesichert zu sein.

Auch der Erlanger Medienethiker Christian Schicha warnt davor, sich zu sehr auf Technik zu verlassen. In manchen Lagen seien andere Maßnahmen sinnvoller – etwa Begleitung durch eine vertraute Person, ein Selbstverteidigungskurs oder Pfefferspray.

3. Wo die Nachteile liegen

So praktisch die Funktion ist: Sie kann zwischenmenschlich auch Probleme schaffen. Wer den Live-Standort verfolgt, weiß zwar, wo jemand gerade ist – doch klassische Gesten der Nähe können dabei verloren gehen. Statt einer Nachricht nach einer langen Autofahrt reicht dann der Blick aufs Display. Das spart Kommunikation, nimmt aber oft auch kleine persönliche Momente.

Zudem kann die ständige Sichtbarkeit Missverständnisse, Misstrauen oder Rechtfertigungsdruck auslösen. Denkbar ist etwa, dass jemand über die Standortfreigabe sieht, dass Freunde ohne ihn im Kino sind und sich ausgegrenzt fühlt. Oder eine Geburtstagsüberraschung platzt, weil der Weg in ein bestimmtes Geschäft auf der Karte sichtbar wird.

Schicha sagt: Solange alle Beteiligten freiwillig zustimmen und sich damit wohlfühlen, sei gegen das Teilen des Standorts nichts einzuwenden. Problematisch werde es dann, wenn jemand nicht mehr mitmachen möchte. Dann stelle sich die Frage, ob andere beleidigt reagieren oder misstrauisch werden – und wie es um das Recht auf Privat- und Intimsphäre steht.

4. Warum Fachleute grundsätzlich skeptisch sind

Kritiker sehen in privater Ortung auch eine gesellschaftliche Entwicklung mit größeren Folgen. Markus Reuter von Netzpolitik.org warnt, dass freiwillige Überwachung im Alltag staatlicher Kontrolle indirekt Vorschub leisten könne.

Er verweist darauf, dass moderne Autos, Smartphones und Apps ohnehin schon zahlreiche Daten erfassen – vom Aufenthaltsort bis zu weiteren Verhaltensinformationen. Kommen noch Gesichtserkennung und weitere digitale Systeme hinzu, werde Bewegung im öffentlichen Raum immer leichter nachvollziehbar.

Zwar brauche staatliche Überwachung in der Regel eine rechtliche Grundlage. Doch laut Reuter könnten staatliche Stellen im Zweifel auf Daten zugreifen, die Menschen zuvor privat erzeugt oder freigegeben haben. Wer solche Infrastrukturen freiwillig nutze, schaffe damit Möglichkeiten, die auch von Behörden verwendet werden könnten.

5. Was beim Datenschutz wichtig ist

Standortdaten sind sensibel, weil sich daraus laut dem Passauer Informatikprofessor Stefan Katzenbeisser viel ableiten lässt: wo jemand war, wohin er sich bewegt hat und mit wem er möglicherweise Zeit verbracht hat. Solche Informationen sind auch für Werbezwecke wertvoll.

Dass große Konzerne wie Apple oder Google diese Daten einfach weiterverkaufen, hält Katzenbeisser allerdings für eher unwahrscheinlich – nicht zuletzt wegen des enormen Skandalpotenzials. Bei kleineren Apps könne das Risiko aber anders aussehen.

Besonders kritisch sieht Reuter zum Teil Smartwatches, die Eltern zum Orten ihrer Kinder einsetzen. Hier hänge der Datenschutz stark vom jeweiligen Anbieter ab. In der Vergangenheit habe es bereits Fälle gegeben, in denen Standortdaten von Kindern frei im Internet abrufbar waren.

Wer solche Geräte unbedingt nutzen möchte, sollte deshalb eher auf etablierte Hersteller setzen und sehr günstige Produkte mit unklaren Sicherheitsstandards meiden.

6. Welche Folgen das für den Alltag haben kann

Nach Einschätzung von Experten besteht die Gefahr, dass Überwachung Stück für Stück als normal empfunden wird. Reuter warnt davor, dass Menschen verlernen könnten, was es bedeutet, sich frei und unbeobachtet zu bewegen.

Wer weiß, dass andere ständig mitsehen können, betrachtet sich womöglich selbst durch deren Augen und überlegt unbewusst, wie ein bestimmter Aufenthaltsort auf andere wirkt. Dadurch entstehe eine Art innere Selbstzensur: Menschen schränkten ihre Freiheit vorsorglich selbst ein.

Hinzu kommt ein möglicher psychologischer Effekt: Tracking beruhigt nicht immer. Zwar gab in der US-Studie fast die gesamte Elterngruppe an, sich durch das Orten weniger Sorgen zu machen. Gleichzeitig sagte aber fast ein Viertel, dass die ständige Nachverfolgung sie manchmal eher zusätzlich beunruhige, statt Sicherheit zu geben.

Unterm Strich gilt: Live-Standorte können im Alltag praktisch sein und in manchen Situationen helfen. Gleichzeitig werfen sie Fragen nach Datenschutz, Selbstbestimmung und dem Umgang miteinander auf. Entscheidend ist, dass alle Beteiligten freiwillig zustimmen – und dass digitale Nähe nicht zur dauerhaften Kontrolle wird.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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