Studie zu Neugeborenen: Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen zeigen sich womöglich sehr früh
Seit Jahrzehnten wird darüber diskutiert, wie viel an den Unterschieden zwischen Mädchen und Jungen biologisch bedingt ist und wie viel durch Erziehung entsteht. Eine neue Untersuchung liefert nun Hinweise auf einen Bereich, in dem sich Abweichungen bereits kurz nach der Geburt zeigen könnten: bei der Aufmerksamkeit für soziale Reize.
Forschende berichten im Fachblatt Biology of Sex Differences, dass weibliche Neugeborene im Durchschnitt mehr Zeit damit verbringen, soziale Reize wie Gesichter zu betrachten als männliche. Jungen richteten ihren Blick dagegen anteilig etwas häufiger auf Gegenstände.
Alte Rollenbilder, offene Fragen
Vorstellungen wie die von Frauen als besonders sozial und familiär orientiert und Männern als eher technisch interessiert sind weit verbreitet. Schon im frühen Kindesalter scheinen sich solche Unterschiede oft im Spielverhalten zu zeigen. Die zentrale Frage lautet jedoch seit Langem: Entstehen diese Unterschiede von selbst oder werden sie vor allem durch das Umfeld geprägt?
Die Antwort ist schwer zu finden, weil soziale Einflüsse sehr früh einsetzen. Eltern, Bezugspersonen, Geschwister, Freundeskreise, Medien und gesellschaftliche Institutionen vermitteln Kindern oft schon von Beginn an, was als typisch weiblich oder typisch männlich gilt. Selbst Produkte für Babys sind häufig geschlechtlich codiert. So bekommen Jungen seltener Puppen, Mädchen dagegen seltener technisches Spielzeug.
Besonders aufschlussreich ist die Zeit direkt nach der Geburt
Frühere Studien deuten darauf hin, dass Mädchen im Schnitt früher mit dem Sprechen beginnen und soziale Fähigkeiten rascher entwickeln als Jungen. Unklar ist aber, ob dafür eher biologische Ursachen oder Erziehung verantwortlich sind. Deshalb konzentriert sich die Forschung auf Merkmale, die direkt nach der Geburt beobachtet werden können — also zu einem Zeitpunkt, bevor gesellschaftliche Einflüsse stärker wirksam werden.
Bereits im Jahr 2000 hatte eine Untersuchung der Universität Cambridge Hinweise darauf gefunden, dass neugeborene Mädchen länger Gesichter anschauen, während Jungen eher Objekte betrachten. Ein Forschungsteam um Yumnah Khan hat diese Frage nun mit einer neuen Studie und verbesserter Auswertung erneut untersucht.
130 Babys kurz nach der Geburt untersucht
An der Studie nahmen 130 Neugeborene teil. Getestet wurden sie im Durchschnitt etwa 33 Stunden nach der Geburt. Den Babys wurden gleichzeitig zwei Videos gezeigt: eines mit einem menschlichen Gesicht und wechselnder Mimik sowie eines mit schwingenden Metallkugeln, also einem Newton-Pendel.
Grundsätzlich bevorzugten alle Neugeborenen das Gesicht. Allerdings fiel diese Vorliebe bei weiblichen Säuglingen stärker aus. Im Durchschnitt verbrachten sie einen größeren Anteil der Beobachtungszeit mit dem sozialen Reiz. Männliche Neugeborene wiederum schauten anteilig länger auf das Objekt als weibliche.
Die Ergebnisse sind Hinweise, keine endgültigen Belege
Nach Einschätzung der Forschenden könnten biologische Faktoren während der Schwangerschaft — etwa Hormone oder genetische Einflüsse — zu diesen durchschnittlichen Unterschieden beitragen. Gleichzeitig betonen sie, dass auch andere Erklärungen möglich sind, etwa Unterschiede im Entwicklungsstand der Babys oder in den visuellen Eigenschaften der gezeigten Reize.
Hinzu kommt ein wichtiger Punkt: Die festgestellten Unterschiede gelten nicht für jedes einzelne Kind. Mitautorin Carrie Allison von der Universität Cambridge erklärte, die Abweichungen zeigten sich nur im Durchschnitt beim Vergleich der Gruppen. Innerhalb beider Geschlechter gebe es große Unterschiede und deutliche Überschneidungen.
Früh erkennbar heißt nicht festgelegt
Das Forschungsteam will nun klären, ob solche frühen Unterschiede später mit Unterschieden in Psyche, Gehirnentwicklung und Verhalten zusammenhängen. Mitautor Alex Tsompanidis betonte, geschlechtsspezifische Merkmale bei der Geburt seien zwar ein wichtiger Ausgangspunkt, bestimmten aber keineswegs vollständig, wie sich Kinder später entwickeln.
Entscheidend sei vielmehr das Zusammenspiel von biologischen und sozialen Einflüssen. Erst aus dieser Wechselwirkung entstehe die große Vielfalt menschlicher Entwicklung.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber