Wirtschaft

Zu heiß zum Arbeiten: Kommt jetzt die Siesta?

Deutschland schwitzt am Arbeitsplatz: Warum Experten jetzt radikale Hitze-Pläne aus Südeuropa für Firmen fordern

18.06.2026, 03:30 Uhr

Mit immer häufigeren Hitzewellen steigt in Deutschland der Druck auf Beschäftigte deutlich an – auf dem Bau, in aufgeheizten Büros oder bei Lieferdiensten an Tagen mit mehr als 30 Grad. Die Folgen des Klimawandels sind längst auch hierzulande im Arbeitsalltag angekommen. Aus Sicht der Volkswirtin Katharina Utermöhl, die bei Allianz zu wirtschaftspolitischen Fragen forscht, müssen Unternehmen deshalb schneller reagieren.

Deutschland sei auf extreme Hitze bislang schlechter vorbereitet als viele andere Länder, sagt Utermöhl. Während Staaten im Süden Europas hohe Temperaturen seit Langem in Stadtentwicklung, Gebäudeplanung und Arbeitsabläufe einbeziehen, bewege sich Deutschland in einer riskanten Zwischenlage. Hitze sei kein Ausnahmephänomen mehr, sondern entwickle sich zu einem dauerhaften Strukturproblem.

Kein eigenes Hitzegesetz für Beschäftigte

Ein spezielles Gesetz zum Hitzeschutz am Arbeitsplatz gibt es in Deutschland nicht. Relevant ist vor allem die Arbeitsstättenverordnung. Danach sollen Arbeitgeber ab 26 Grad im Raum prüfen, wie sich Beschäftigte vor Überhitzung schützen lassen. Ab 30 Grad müssen Maßnahmen ergriffen werden. Steigt die Temperatur über 35 Grad, gilt ein Arbeitsraum grundsätzlich nicht mehr als geeignet.

Hohe Kosten für die Wirtschaft

Wie gravierend die Folgen für Unternehmen sein können, zeigen Berechnungen von Allianz Trade. Demnach könnten wiederkehrende Hitzewellen die deutsche Wirtschaft bis zum Jahr 2030 rund 112 Milliarden Euro kosten. Für jedes zusätzliche Grad über 30 Grad sinkt die Produktivität im Durchschnitt um etwa drei Prozent. Gleichzeitig steigen die Energiekosten, unter anderem wegen des höheren Kühlbedarfs, um ungefähr 1,2 Prozent je zusätzlichem Grad.

Arbeiten bei Hitze
Der Klimawandel ist längst in Deutschland angekommen mit Folgen, die Berufstätige am eigenen Leib spüren. (Symbolbild) Quelle: Benjamin Westhoff/dpa

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch die Politikwerkstatt „Klima wandelt Arbeit“ des Bundesarbeitsministeriums. In dem Projekt, an dem Wissenschaft, Unternehmen, Gewerkschaften und Praktiker beteiligt sind, zeigt sich: Schon heute führen klimabedingte Belastungen zu messbaren gesundheitlichen und wirtschaftlichen Schäden. An Tagen mit mehr als 30 Grad nehmen Krankschreibungen demnach um rund 3,5 Prozent zu, bei längeren Hitzephasen sogar um bis zu sechs Prozent. Das zieht deutliche Produktivitätsverluste und gesamtwirtschaftliche Schäden in Milliardenhöhe nach sich.

Siesta als Organisationsmodell

Als mögliche Antwort auf Hitzewellen werden verschiedene Modelle diskutiert. Utermöhl verweist auf Länder wie Spanien oder Griechenland, in denen Arbeitszeiten in den heißen Monaten häufig angepasst werden. Frühere Arbeitsbeginne, das Meiden der Mittagshitze und eine andere Tagesstruktur seien vergleichsweise einfach umzusetzen und könnten die Leistungsfähigkeit erhalten. Eine Siesta sei dabei kein Mittagsschlaf, sondern eine Form des Risikomanagements. Für Deutschland bedeute das vor allem, Arbeitszeiten flexibler zu organisieren.

Auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin weist darauf hin, dass ein ungünstiges Raumklima Wohlbefinden, Konzentration, Gesundheit und Sicherheit beeinträchtigen kann. Dabei gehe es nicht nur um die Temperatur. Auch körperliche Belastung, Kleidung, Gewöhnung an Hitze und die individuelle Verfassung spielten eine Rolle. Die Behörde empfiehlt deshalb einen Mix aus technischen, organisatorischen und persönlichen Maßnahmen. Wo es betrieblich möglich ist, sollten Arbeitszeiten verlagert werden – etwa über Gleitzeitmodelle.

Gewerkschaften fordern passgenaue Lösungen

Die Gewerkschaften sehen pauschale Konzepte wie eine allgemeine Siesta-Regel zurückhaltend. Nötig seien Lösungen, die zu den jeweiligen Branchen passen, sagt DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel. Eine Verlagerung der Arbeitszeit in kühlere Stunden könne sinnvoll sein, sei aber nicht überall umsetzbar. Entscheidend bleibe deshalb die Verantwortung der Arbeitgeber, für ausreichenden Hitzeschutz am Arbeitsplatz zu sorgen. Wer das versäume, setze die Gesundheit der Beschäftigten aufs Spiel.

Streit um das Arbeitszeitgesetz

Zusätzliche Brisanz erhält die Debatte durch die geplante Reform des Arbeitszeitgesetzes. Künftig könnte der bisherige Acht-Stunden-Tag stärker durch eine wöchentliche Höchstarbeitszeit ersetzt werden. Gewerkschaften warnen davor, dass dadurch Schutzstandards aufgeweicht werden könnten. Sie befürchten das Ende klarer täglicher Grenzen und kritisieren, dass Hitzeschutz als Argument für Änderungen genutzt werde, die aus ihrer Sicht vor allem den Interessen der Arbeitgeber dienten.

Langfristig helfen nur bauliche Anpassungen

Neben kurzfristigen Änderungen bei den Arbeitszeiten hält Utermöhl auch langfristige Investitionen in Gebäude und Stadtgestaltung für notwendig. Viele Bauten in Europa seien traditionell darauf ausgelegt, Wärme zu speichern, was die Hitze in Innenräumen zusätzlich verstärke. Helle Fassaden und Dächer, mehr Verschattung und zusätzliche Grünflächen könnten die Aufheizung spürbar senken. Solche Maßnahmen bräuchten zwar Zeit, seien aber wirtschaftlich sinnvoll. Wer heute nicht investiere, müsse morgen mit höheren Kosten rechnen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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