Wirtschaft

So plant Biontech die Wende

Biontech setzt alles auf Krebsmedizin – mit brisanten Folgen für Strategie, Jobs und den Pharmastandort Deutschland.

06.05.2026, 16:03 Uhr

Biontech unter Druck: Stellenabbau, Standortschließungen und scharfer Kurswechsel zur Krebsmedizin

Biontech, einst eines der prägenden Unternehmen der Corona-Pandemie, steht in einer Phase tiefgreifender Umbrüche. Sinkende Erlöse mit Covid-19-Impfstoffen, hohe Verluste und die geplante Schließung mehrerer Standorte sorgen für heftige Kritik. Gleichzeitig treibt das Mainzer Unternehmen den Umbau zu einem Biopharma-Konzern mit Schwerpunkt Krebsmedizin voran – gestützt durch milliardenschwere Partnerschaften.

Anhaltende Kritik nach den angekündigten Schließungen

Auch einen Tag nach Bekanntwerden der Einschnitte reißt die Kritik am Management nicht ab. Betroffen sind Standorte in Idar-Oberstein, Marburg, Singapur sowie Einrichtungen des übernommenen Tübinger Konkurrenten Curevac. Insgesamt stehen bis zu 1.860 Arbeitsplätze auf der Kippe.

In Idar-Oberstein bangen rund 440 Beschäftigte um ihre Zukunft. Vor Ort ist von einer schweren Belastung für die Region und einer Schwächung des Wirtschaftsstandorts die Rede. Das Werk ist auf die Herstellung von mRNA- sowie Zell- und Gentherapeutika in frühen klinischen Entwicklungsphasen spezialisiert und übernimmt außerdem Analytik und Qualitätskontrolle für den Pfizer/Biontech-Covid-19-Impfstoff.

Auch in Marburg stößt der mögliche Wegfall von etwa 540 Stellen auf Unverständnis. Kritiker verweisen dort auf öffentliche Fördermittel in Millionenhöhe. Das Werk war 2021 in der Pandemie eröffnet worden und produziert bis heute den Covid-19-Impfstoff. Noch in diesem Jahr soll die letzte Charge gefertigt werden, anschließend ist der Rückbau vorgesehen.

Besonders scharf fällt die Kritik von Curevac-Mitgründer Ingmar Hoerr aus. Er spricht von Täuschung und wirft Biontech vor, frühere Zusagen nicht eingehalten zu haben. Nach seiner Darstellung sollte mit der Übernahme ein gemeinsames Unternehmen entstehen. Dieses Vorhaben sei nun verworfen worden. Zudem vermutet Hoerr, dass Biontech mit dem Vorgehen Patentstreitigkeiten mit Curevac umgehen wolle.

An den Curevac-Standorten einschließlich Tübingen stehen 820 Jobs im Fokus. In Singapur könnten weitere 60 Stellen entfallen.

So erklärt Biontech die Einschnitte

Das Unternehmen begründet den Schritt mit zu geringer Auslastung, bestehenden Überkapazitäten und dem Druck, Kosten zu senken. Nach Angaben des Managements wird über Teilverkäufe oder auch vollständige Verkäufe einzelner Standorte verhandelt. Offiziell heißt es, verschiedene Optionen würden geprüft. An den betroffenen Standorten ruht die Hoffnung nun auf finanzstarken Investoren, damit möglichst viele Arbeitsplätze erhalten bleiben.

Beschäftigtenzahl und offene Stellen

Weltweit beschäftigt Biontech nach Unternehmensangaben rund 8.400 Menschen. Aktuell sind etwa 200 Stellen ausgeschrieben, davon 70 am Hauptsitz in Mainz. Diese Jobs liegen allerdings nicht im Bereich Entwicklung und Produktion des Covid-19-Impfstoffs.

Warum Biontech umsteuert

Hauptgrund für den Umbau ist die weiter sinkende Nachfrage nach Covid-19-Impfstoffen. Biontech rechnet in diesem Jahr sowohl in Europa als auch in den USA mit geringeren Umsätzen in diesem Geschäft. Künftig soll die Herstellung des Covid-19-Impfstoffs vollständig über Pfizer-Standorte in Europa und Amerika laufen. Die bislang dafür genutzten Kapazitäten in Deutschland werden damit nicht mehr benötigt.

Finanzlage: Umsatzrückgang, hoher Verlust und Milliardenhilfe für neue Projekte

Im ersten Quartal erzielte Biontech nur noch 118,1 Millionen Euro Umsatz. Gleichzeitig stieg der Nettoverlust auf 531,9 Millionen Euro. Für 2026 stellt das Unternehmen Erlöse zwischen 2,0 und 2,3 Milliarden Euro in Aussicht.

Wichtige finanzielle Unterstützung kommt von der Kooperation mit dem US-Konzern Bristol Myers Squibb. Für die Entwicklung eines vielversprechenden Krebswirkstoffs erhält Biontech insgesamt 3,5 Milliarden US-Dollar. Darin enthalten sind 1,5 Milliarden Dollar als Vorauszahlung sowie weitere 2 Milliarden Dollar bis 2028. Nach Unternehmensangaben sind diese Zahlungen nicht an zusätzliche Bedingungen geknüpft.

Fokus liegt längst nicht mehr auf Impfstoffen

Die Entwicklung zeigt, dass Biontech heute nicht mehr vor allem als Impfstoffhersteller auftritt. Das Unternehmen versteht sich inzwischen als Biopharma-Konzern mit Schwerpunkt auf mRNA-basierten Medikamenten gegen Krebs und andere Erkrankungen.

Allein im ersten Quartal beliefen sich die Ausgaben für Forschung und Entwicklung auf 557 Millionen Euro. Nach vollständiger Umsetzung der Konsolidierung rechnet Biontech mit wiederkehrenden Einsparungen von bis zu 500 Millionen Euro pro Jahr. Dieses Geld soll in Forschung, Entwicklung und spätere Markteinführungen von Krebsmedikamenten fließen. Bis 2030 will das Unternehmen mehrere Zulassungsanträge für Onkologie-Kandidaten einreichen.

Landesregierung will am Standort festhalten

Trotz der angekündigten Einschnitte bemüht sich die rheinland-pfälzische Landespolitik um Zuversicht. Der designierte Ministerpräsident Gordon Schnieder betonte, Rheinland-Pfalz bleibe einer der wichtigsten Biotechnologie- und Pharmastandorte Deutschlands. Man werde weiter daran arbeiten, die Clusterbildung im Land zu sichern und Unternehmen im internationalen Wettbewerb zu unterstützen. Ziel bleibe es, Wertschöpfung und Arbeitsplätze in Rheinland-Pfalz zu halten und auszubauen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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