Deutlicher Dämpfer für die deutsche Industrie
Die deutsche Wirtschaft muss einen unerwartet starken Rückgang bei den Industrieaufträgen verkraften. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sank der Auftragseingang im August im Vergleich zum Vormonat kalender- und saisonbereinigt um 10,6 Prozent. Ökonomen hatten im Vorfeld lediglich mit einem Minus von einem Prozent gerechnet.
Im Juli hatte sich noch ein Plus ergeben: Der Wert wurde nachträglich auf 3,2 Prozent nach oben korrigiert. Im Vergleich zum Vorjahresmonat legte der Auftragseingang im August allerdings um 2,7 Prozent zu.
Hauptgrund für den starken Rückgang im August war die deutlich geringere Zahl an Großbestellungen, vor allem in den Bereichen Militärfahrzeuge, Flugzeuge, Schiffe und Züge. Ohne diese Großaufträge lag der Auftragseingang der deutschen Industrie im August nur 0,1 Prozent unter dem Niveau des Vormonats Juli.
Experten sehen deshalb trotz des starken Monatsrückgangs keine grundsätzliche Verschlechterung der Lage. Michael Herzum, Leiter Volkswirtschaft bei Union Investment, wertet die Zahlen nicht als Trendwende. Aus seiner Sicht hat sich die Auftragslage der deutschen Industrie seit Herbst 2025 deutlich verbessert.
Auftragsbücher bleiben gut gefüllt
Im weniger schwankungsanfälligen Dreimonatsvergleich lag der Auftragseingang von Juni bis August um 1,3 Prozent höher als in den drei Monaten zuvor. Ohne Großaufträge ergab sich allerdings ein Rückgang von 2,6 Prozent.
Nach Einschätzung von Herzum sorgen gut gefüllte Auftragsbücher weiterhin für Stabilität. Rechnerisch verfüge die Industrie über ein Polster von rund neun Monaten. Zudem deuteten Frühindikatoren darauf hin, dass die Erholung weiter an Fahrt gewinnen könne. Allerdings hinke die Produktion den Bestellungen bislang noch hinterher.
Viele Unternehmen arbeiten zusätzliche Aufträge demnach mit ihren bestehenden Kapazitäten ab, statt die Fertigung deutlich auszuweiten. Entscheidend für zusätzliches Wachstum seien daher Investitionen. Noch fehle in vielen Firmen das Vertrauen, Produktion und Kapazitäten spürbar hochzufahren. Die deutsche Industrie habe sich stabilisiert, die Perspektiven seien gut – von einem Boom könne aber noch keine Rede sein.
Ökonomen sehen Chancen, aber keine neue Dynamik
Ähnlich äußerte sich auch Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank. Aus seiner Sicht fehlt weiterhin eine neue Investitionsdynamik, die auf einen dauerhaften Konjunkturaufschwung hindeuten würde. Stützend wirke jedoch der hohe Auftragsbestand, der die Industrieproduktion zumindest in den kommenden Monaten absichern dürfte.
Der vergleichsweise optimistische Blick vieler Unternehmen auf die Zukunft spricht zudem dafür, dass der Auftragseingang in den nächsten Monaten wieder stärker zulegen könnte.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber