Wenn an diesem Mittwoch die ersten regionalen Tarifgespräche in der Metall- und Elektroindustrie beginnen, geht es um deutlich mehr als nur um die Höhe der Löhne. IG Metall und Arbeitgeber ringen unter dem Eindruck globaler Krisen und hoher Inflation um die Perspektive der industriellen Schlüsselbranchen in Europas größter Volkswirtschaft. Betroffen sind rund 3,7 Millionen Beschäftigte, unter anderem in der Autoindustrie, im Maschinenbau, in der Elektrotechnik und in der Rüstungsproduktion.
Was die IG Metall verlangt
Nach internen Beratungen in den regionalen Tarifkommissionen und im Bundesvorstand fordert die IG Metall 5 Prozent mehr Entgelt bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Damit soll zumindest die zuletzt kräftig gestiegene Teuerung ausgeglichen werden.
Zugleich will die Gewerkschaft nicht nur über Geld sprechen. Angesichts drohender Werksschließungen müssten auch Beschäftigung und Standorte abgesichert werden, betont die IG-Metall-Vorsitzende Christiane Benner. Darüber hinaus fordert die Gewerkschaft, dass Beschäftigte in besonders profitablen Unternehmen stärker am wirtschaftlichen Erfolg beteiligt werden.
Im historischen Vergleich bewegt sich die Forderung im eher moderaten Bereich. Während der Corona-Jahre 2020 und 2021 hatte die IG Metall noch geringere Erhöhungen verlangt. In der vorherigen Tarifrunde war sie mit 7 Prozent mehr Lohn in die Gespräche gegangen. Am Ende stand jedoch ein Abschluss von 5,1 Prozent in zwei Stufen bei einer deutlich längeren Laufzeit von 25 Monaten.

Die Position der Arbeitgeber
Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall weist die Forderung zurück und sieht derzeit keinen Spielraum für Verteilungskämpfe. Begründet wird das mit einer verschärften Deindustrialisierung und dem Verlust von Hunderttausenden Arbeitsplätzen in den vergangenen Jahren. Als ein wesentlicher Faktor gelten aus Sicht der Arbeitgeber die hohen Personalkosten.
Der neue Gesamtmetall-Präsident Udo Dinglreiter macht klar, worauf die Arbeitgeber hinauswollen: In der anstehenden Tarifrunde gehe es nicht darum, zusätzliche Zuwächse zu verteilen, sondern Kosten zu begrenzen und den Industriestandort zu sichern.
Einzelne Unternehmensvertreter gehen sogar noch weiter. So wurde etwa bei Mercedes-Benz die Forderung laut, wieder zu einer 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich zurückzukehren. Die tariflich verankerte 35-Stunden-Woche steht in dieser Verhandlungsrunde jedoch nicht zur Debatte.
Unterschiedliche Lage in den Branchen
Die wirtschaftliche Situation innerhalb der betroffenen Industriezweige ist sehr uneinheitlich – und genau das erschwert einen Abschluss zusätzlich. Besonders angespannt ist die Lage in der Autoindustrie, die unter wachsendem Konkurrenzdruck aus China und Absatzschwierigkeiten leidet. Im Extremfall könnten daraus sogar Werksschließungen folgen.
Zwar fallen die Beschäftigten des angeschlagenen Volkswagen-Konzerns nicht unter den Flächentarif, da für sie ein eigener Haustarifvertrag gilt. Sehr wohl betroffen sind aber die Beschäftigten der VW-Tochter Audi sowie von Mercedes-Benz und BMW.
Auch der Maschinenbau zeigt Schwächen. Dagegen läuft es in der Elektroindustrie besser. Der sonstige Fahrzeugbau profitiert derzeit vor allem bei Rüstungsgütern von einer schuldenfinanzierten Sonderkonjunktur. Nach Angaben der IG Metall geht es außerdem vielen Unternehmen aus der Medizintechnik sowie der Luft- und Raumfahrt gut. Grundlage dieser Einschätzung ist eine Mitgliederbefragung.
Gesamtmetall hält diese positive Sicht allerdings nur für einen kleinen Ausschnitt. Nach Auffassung der Arbeitgeber betrifft das bestenfalls 4,5 Prozent der Beschäftigten. Sie verweisen stattdessen auf den Abbau von rund 350.000 Stellen seit 2019 sowie auf eine weiterhin sinkende Produktion. Aus ihrer Sicht ist es vordringlich, die Deindustrialisierung zu stoppen.
So laufen die Verhandlungen ab
Die Tarifrunde startet traditionell in den Regionen. Den Anfang machen an diesem Mittwoch die Bezirke Südwest und Nordrhein-Westfalen. Zunächst prüfen beide Seiten in eher offenen Gesprächsrunden, wo Kompromisse möglich sein könnten.
Zeichnet sich ein sogenannter Pilotbezirk ab, wird dort die entscheidende Verhandlung geführt. In dieser Phase können auch die Spitzenorganisationen stärker eingreifen – also Gesamtmetall in Berlin und der Vorstand der IG Metall in Frankfurt. Wird eine Einigung erzielt, dient sie anschließend meist als Vorlage für die übrigen Tarifgebiete.
In den vergangenen Jahren kamen Abschlüsse besonders häufig aus den großen IG-Metall-Bezirken Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Bayern. Dass ein kleinerer Bezirk den Pilotabschluss liefert, ist selten – zuletzt war das 1997 in Niedersachsen der Fall. Besonders oft fällt die Entscheidung in Baden-Württemberg, einem Kernland der Auto- und Maschinenbauindustrie. 2024 wich man allerdings vom üblichen Muster ab und erzielte den Abschluss in gemeinsamen Verhandlungen der Tarifgebiete Küste und Bayern.
Drohen Streiks?
Warnstreiks in großem Umfang gehören in der Metall- und Elektroindustrie eher zur Normalität als zur Ausnahme. Die IG Metall nutzt solche Aktionen regelmäßig, um Druck aufzubauen und ihre Mitglieder zu mobilisieren. Die derzeitigen Tarifverträge enden am 31. Oktober. Da keine Nachwirkung der Friedenspflicht vereinbart wurde, wären Warnstreiks direkt danach möglich.
Weniger wahrscheinlich sind dagegen unbefristete Streiks nach einer Urabstimmung. Zwar verweist die IG Metall immer wieder auf ihre gut gefüllte Streikkasse, doch sie geht diesen letzten Schritt nur selten. Der bislang letzte reguläre Flächenstreik in der Metall- und Elektroindustrie liegt bereits lange zurück: 2002 wurden nach Arbeitgeberangaben 166 Betriebe in Baden-Württemberg und Berlin-Brandenburg bestreikt.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber