Studie: Deutschlands Bevölkerung könnte bis 2045 auf 81,8 Millionen sinken
Einer aktuellen Untersuchung zufolge dürfte die Einwohnerzahl in Deutschland bis 2045 von derzeit 83,3 Millionen auf rund 81,8 Millionen Menschen zurückgehen. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Demografische Lage der Nation“, die das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung vorgestellt hat.
Für die Analyse haben das Berlin-Institut und die Wüstenrot-Stiftung bereits zum fünften Mal alle 400 Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland verglichen. In die Bewertung flossen 26 Indikatoren aus den Bereichen Demografie, Wirtschaft, Bildung und soziale Bedingungen ein.
Entscheidend sei dabei weniger die Frage, ob Deutschland insgesamt wachse oder schrumpfe, sondern wo sich diese Entwicklung abspiele, sagte Institutsdirektorin Catherina Hinz. Wirtschaftlich starke Regionen mit hohen Einnahmen zögen weiterhin Menschen an, während andere Landesteile unter schwächerer Wirtschaft und Abwanderung litten.
Wachstum und Schrumpfung treffen Regionen sehr unterschiedlich
Nach Einschätzung der Autoren fällt der Bevölkerungsrückgang auf Bundesebene zwar eher moderat aus. Regional zeigen sich jedoch deutliche Unterschiede. Gut zwei Drittel der Kreise und kreisfreien Städte müssen laut Studie mit sinkenden Einwohnerzahlen rechnen. Darunter sind auch 184 Regionen, die vor wenigen Jahren noch gewachsen sind.
Das hat konkrete Folgen für die Kommunen: Einige Regionen müssten mehr Wohnungen, Betreuung und Infrastruktur für zusätzliche Einwohner schaffen. Andere stünden vor der Aufgabe, mit weniger Menschen und zugleich knapperen Arbeitskräften die Daseinsvorsorge aufrechtzuerhalten.
Was Regionen zukunftsfähig macht
Nach Angaben der Studienautoren brauchen Regionen für gute Perspektiven vor allem attraktive Arbeitsplätze, ausreichende Fach- und Arbeitskräfte, finanziell handlungsfähige Kommunen, gute Betreuungsangebote für Familien und eine funktionierende Mobilität. Wie gut eine Region in diesen Punkten aufgestellt ist, entscheide mit darüber, wie anziehend sie für Menschen und Unternehmen bleibt.
Hinzu kommt ein langfristiger demografischer Trend: Mit wenigen Ausnahmen gibt es laut dem Berlin-Institut in fast allen Regionen mehr Sterbefälle als Geburten. Deshalb entscheiden vor allem Zu- und Wegzüge darüber, ob eine Region wächst oder schrumpft.
Viele Großstädte dürften weiter wachsen
Viele Großstädte dürften auch in Zukunft zulegen, während zahlreiche ländliche Regionen teils deutlich an Bevölkerung verlieren könnten. Für Leipzig, Berlin, Hamburg, Frankfurt am Main, München, Nürnberg, Düsseldorf, Potsdam und Dresden wird teils spürbares Wachstum erwartet.
Anders sieht es für einige andere Großstädte aus: Essen, Dortmund und Stuttgart müssen der Studie zufolge bis 2045 eher mit rückläufigen Einwohnerzahlen rechnen.
Dabei verläuft die Entwicklung nicht einfach nach dem Muster Stadt gewinnt, Land verliert. Auch das Umland vieler Großstädte dürfte wachsen. Während jüngere Menschen häufiger in die Metropolen ziehen, entscheiden sich Familien mit Kindern eher für das Umfeld der Städte.
Ländlich bedeutet zudem nicht automatisch strukturschwach, und städtisch nicht automatisch stark. Unter den schwächsten 100 Regionen finden sich laut Studie auch größere Städte wie Bremen, Duisburg, Lübeck, Salzgitter und Kaiserslautern. Am Tabellenende liegen zudem mehrere dünn besiedelte Gegenden, etwa Elbe-Elster in Brandenburg, Lüchow-Dannenberg in Niedersachsen und der Kyffhäuserkreis in Thüringen.
Ostdeutschland driftet stärker auseinander
Besonders in Ostdeutschland entwickeln sich die Regionen der Untersuchung zufolge zunehmend unterschiedlich. Zwölf der 20 am schlechtesten bewerteten Kreise und kreisfreien Städte liegen inzwischen im Osten des Landes. Im Jahr 2019 waren es noch fünf.
Der größte Gewinner und der größte Verlierer bei der Bevölkerungsentwicklung liegen laut Studie beide im Osten: Der brandenburgische Landkreis Dahme-Spreewald kann bis 2045 mit einem Plus von 17 Prozent rechnen. Dagegen müssen die thüringische Stadt Suhl und der Kreis Sonneberg jeweils mit einem Rückgang von 30 Prozent rechnen.
Auch im Westen große Unterschiede
Auch im Westen Deutschlands zeigen sich deutliche Unterschiede. Während das Saarland voraussichtlich weiter Einwohner verlieren wird, gelten auch Südniedersachsen und Südwestfalen als Regionen mit eher schwachen demografischen Aussichten. Dagegen dürften viele Kreise in Baden-Württemberg und Bayern weiter wachsen.
Bayern baut Spitzenposition aus
Im Vergleich der Bundesländer liegt Bayern besonders klar vorn. 18 der 20 bestplatzierten Kreise und kreisfreien Städte befinden sich dort. 2019 waren es noch zwölf, erläuterte Adrián Carrasco Heiermann vom Berlin-Institut. Auch in Baden-Württemberg sind die Perspektiven vielerorts günstig.
Nach Einschätzung der Autoren kommen in Bayern mehrere positive Faktoren zusammen: eine in vielen Kreisen starke Wirtschaft, eine vergleichsweise hohe sozialversicherungspflichtige Beschäftigung von Frauen, Menschen ohne deutschen Pass und auch älteren Menschen kurz vor dem Rentenalter. Das Ranking zeige insgesamt, dass erfolgreiche Regionen unterschiedliche Bevölkerungsgruppen besser in den Arbeitsmarkt einbinden.
Erwerbsfähige Bevölkerung schrumpft deutlich
Neben der reinen Bevölkerungszahl spielt auch die Altersstruktur eine wichtige Rolle. Durch den bevorstehenden Ruhestand vieler Babyboomer dürfte die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter bis 2045 bundesweit um 4,7 Prozent zurückgehen.
In Thüringen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und dem Saarland wird sogar ein Rückgang zwischen 12 und 18 Prozent erwartet. Auf Ebene der Bundesländer rechnen lediglich Berlin, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen noch mit Zuwächsen.
Die Autoren der Studie sehen deshalb die Teilhabe am Arbeitsmarkt als wichtigen Standortfaktor. Der Wettbewerb um Arbeitskräfte werde zu einer der zentralen demografischen Herausforderungen der kommenden Jahre.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber