Wirtschaft

Abnehmspritze: Isst Deutschland bald viel weniger?

Abnehmspritzen dämpfen den Hunger – kippt jetzt unser Einkaufsverhalten? Was das für Supermarkt, Snacks und Preise bedeutet.

06.10.2026, 03:30 Uhr

Abnehmmittel verändern den Lebensmittelmarkt

Medikamente zum Abnehmen sind zu einem riesigen Geschäft geworden. Vor allem der Erfolg von Präparaten wie Ozempic und Wegovy hat Novo Nordisk an die Spitze der wertvollsten Unternehmen Europas gebracht. Auch der US-Konzern Eli Lilly profitiert stark vom Boom und gilt derzeit als wertvollstes Gesundheitsunternehmen weltweit.

Während Pharmafirmen hohe Gewinne erwarten, blickt der Lebensmittelhandel mit mehr Zurückhaltung auf den Trend. Die Mittel basieren auf Wirkstoffen wie Semaglutid, die das Hormon GLP-1 nachahmen. Sie dämpfen den Appetit und fördern das Sättigungsgefühl. Damit wächst die Sorge, dass Verbraucher künftig weniger einkaufen könnten.

Wird in Deutschland künftig weniger konsumiert?

Ganz ausgeschlossen ist das nicht. Nach einer Untersuchung von YouGov kauften 1,7 Millionen Haushalte mit mindestens einer Person, die GLP-1-Medikamente nutzt, innerhalb eines Jahres im Schnitt um drei Prozentpunkte weniger ein als vergleichbare Haushalte ohne solche Nutzer. Für den Lebensmittelhandel könnte das einem jährlichen Umsatzminus von etwa 325 Millionen Euro entsprechen.

Im Verhältnis zum gesamten Markt für Güter des täglichen Bedarfs wäre das zunächst nur ein kleiner Effekt von rund 0,16 Prozent. Allerdings könnte er mit wachsender Verbreitung der Medikamente deutlich zunehmen. Seit rund drei Jahren sind die Abnehmpräparate in Deutschland verfügbar, und ab Herbst soll zusätzlich eine Tablettenform in die Apotheken kommen. Laut YouGov interessieren sich bereits 2,8 Millionen Haushalte für eine Behandlung. Fast die Hälfte der Interessierten wäre eher zum Start bereit, wenn statt einer Spritze eine Tablette möglich wäre.

Abnehmtablette kommt in deutsche Apotheken
Seit diesem Herbst sind Abnehmmedikamente nun auch als Tablette in deutschen Apotheken verfügbar. (Archivbild) Quelle: Annette Riedl/dpa

Hinzu kommt ein indirekter Einfluss auf das Umfeld der Nutzer. Nach Angaben der Boston Consulting Group berichten 70 Prozent der GLP-1-Anwender, dass auch andere Personen im Haushalt ihre Ernährung angepasst haben. Dadurch könnten die Folgen für den Konsum größer sein, als es die Zahl der tatsächlichen Nutzer allein vermuten lässt.

Auch aus der Branche selbst kommen Hinweise auf verändertes Essverhalten. Der Tiefkühlkosthersteller Frosta beobachtet etwa eine besonders starke Nachfrage nach kleineren Packungsgrößen. Das könnte auf bewussteres Portionieren hindeuten, lässt sich aber nicht eindeutig auf GLP-1-Medikamente zurückführen.

Was könnte sich im Supermarkt ändern?

Vor allem klassische Snack- und Genussprodukte dürften unter Druck geraten. Laut YouGov sank die gekaufte Menge an Kartoffelsnacks in Haushalten mit Nutzern um ein Viertel. Fünf Prozent dieser Haushalte verzichteten sogar ganz auf Chips. Auch bei Softdrinks zeigen sich Rückgänge: In den Niederlanden kauften Nutzer deutlich weniger Eistee und fruchtige Erfrischungsgetränke. In Italien ging unter GLP-1-Anwendern zudem der Weinkauf merklich zurück.

Auf der Gewinnerseite könnten dagegen frische und funktionale Produkte stehen. Obst, Gemüse und proteinreiche Lebensmittel profitieren in mehreren Märkten bereits vom Trend. So gaben kurzfristige Nutzer in Italien nach Beginn der Behandlung mehr für Obst und Gemüse aus. In den USA, dem bislang am weitesten entwickelten GLP-1-Markt, stiegen die Ausgaben laut BCG für Obst und Gemüse um rund 15 Prozent, für proteinreiche Produkte um 11 Prozent.

Nach Einschätzung der BCG-Expertin Karin von Funck dürften ähnliche Verschiebungen mit zunehmender Nutzung auch in Deutschland sichtbar werden. Das zeigt sich zum Teil schon heute: Arla meldet eine stark wachsende Nachfrage nach proteinreichen Molkereiprodukten. Der Umsatz mit Hüttenkäse legte im ersten Halbjahr um mehr als 40 Prozent zu, bei Skyr lag das Plus sogar bei 62 Prozent.

Geben Nutzer insgesamt weniger Geld für Lebensmittel aus?

Darüber gehen die Einschätzungen auseinander. Während YouGov auf sinkende Einkaufsmengen verweist, kommt die Boston Consulting Group zu dem Ergebnis, dass Nutzer zwar weniger essen, ihre Ausgaben für Lebensmittel aber nicht unbedingt senken. Der Grund: Weniger Geld fließt in Snacks und klassische Genussmittel, dafür mehr in gesündere, funktionale und teils hochwertigere Produkte.

Diese Veränderungen könnten die Sortimente im Handel auf Dauer deutlich verschieben. Wenn mehr Menschen GLP-1-Medikamente verwenden, dürfte sich auch der deutsche Lebensmittelmarkt strukturell verändern. Händler und Hersteller stehen deshalb vor der Aufgabe, frühzeitig auf neue Nachfrage, andere Packungsgrößen und veränderte Produktpräferenzen zu reagieren.

Wie reagieren die Hersteller?

Von großen Anbietern aus den Bereichen Süßwaren, Snacks und Softdrinks wie Ferrero, Coca-Cola, PepsiCo oder Mondelez gab es auf die Frage nach möglichen Produktanpassungen keine Stellungnahme.

Andere Unternehmen setzen schon jetzt stark auf den Protein-Trend. Intersnack, bekannt unter anderem für Marken wie funny-frisch, Ültje und Pom-Bär, bringt etwa Linsen-, Ofen- und Protein-Chips auf den Markt, die einen Eiweißanteil von mehr als 20 Prozent haben sollen. Außerdem will das Unternehmen den Proteingehalt weiterer Produkte im Marketing stärker hervorheben. Auch Dr. Oetker kündigt an, den Fokus stärker auf Produkte mit viel Eiweiß und Ballaststoffen zu legen.

Arla betont allerdings, dass Nutzer von GLP-1-Medikamenten zwar Orientierung bei der Produktauswahl suchten, aber nicht gesondert als eigene Zielgruppe angesprochen werden wollten. Nach Unternehmensangaben möchten sie nicht herausgestellt werden, sondern sich als Teil einer allgemeinen Entwicklung hin zu proteinreicher Ernährung verstehen.

Viele Hersteller erwarten daher nicht unbedingt völlig neue Konsumbedürfnisse. Vielmehr dürfte die wachsende Verbreitung von GLP-1-Medikamenten bestehende Ernährungstrends vor allem beschleunigen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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