Europäischer Gaspreis steigt wegen Nahost-Krise auf höchsten Stand seit Ende 2022
Der Preis für europäisches Erdgas hat seinen kräftigen Anstieg am Mittwoch fortgesetzt. Der maßgebliche Terminkontrakt TTF für die Lieferung in einem Monat kletterte an der Börse in Amsterdam zeitweise auf 79,11 Euro je Megawattstunde und damit auf den höchsten Wert seit Ende 2022. Zuletzt lag der Preis bei 78,64 Euro und damit 1,22 Prozent über dem Niveau des Vortags.
Auslöser sind die zunehmenden Spannungen im Nahen Osten. Im Streit zwischen den USA und dem Iran um die Straße von Hormus hat sich die Lage zuletzt weiter verschärft. Nach Angaben des US-Militärs wurden als Reaktion auf iranische Angriffe auf ein amerikanisches Kriegsschiff fünf iranische Öltanker attackiert, einer davon sei versenkt worden. Die iranischen Revolutionsgarden meldeten daraufhin schwere Raketenangriffe auf das mit den USA verbündete Jordanien. Die jordanische Nachrichtenagentur Petra berichtete, das Militär habe 20 ballistische Raketen abgefangen.
Mit dem jüngsten Preissprung liegt Erdgas im Großhandel inzwischen über dem Niveau zu Beginn des Iran-Kriegs. Damals war der Preis im März nur kurz auf etwas mehr als 70 Euro je MWh gestiegen. Noch deutlich höher notierte Gas zuletzt 2022, als die Preise nach dem russischen Lieferstopp im Zuge des Ukraine-Kriegs zeitweise auf über 300 Euro je MWh schnellten.
Sorge um LNG-Lieferungen aus dem Persischen Golf
Am Markt wächst vor allem die Furcht, dass Lieferungen von Flüssigerdgas aus dem Persischen Golf dauerhaft beeinträchtigt bleiben könnten. Eine verlässliche Öffnung der Straße von Hormus zeichnet sich derzeit nicht ab. Zugleich schwindet an den Finanzmärkten die Hoffnung auf eine diplomatische Lösung.
Seit Anfang Juli hat sich der Gaspreis damit fast verdoppelt. Zu Monatsbeginn hatte er noch bei etwas mehr als 40 Euro gelegen. Besonders im Fokus steht Katar als wichtigster Erdgasproduzent der Region. Der staatliche Konzern QatarEnergy soll seine Förderung wegen der angespannten Lage rund um die Straße von Hormus weitgehend gedrosselt haben.
Experten erwarten vorerst keine Entspannung
Marktbeobachter sehen bislang keine Trendwende. Der Commerzbank-Experte Norman Liebke verweist darauf, dass in Asien wegen des Wetterphänomens El Niño ein kälterer Winter erwartet werde. Dadurch dürfte die Nachfrage nach LNG dort weiter zulegen. Gleichzeitig seien die Gasspeicher in Europa vergleichsweise niedrig, was auch hier die Nachfrage nach Flüssigerdgas hoch halte. Das könne den Wettbewerb um LNG verschärfen und die Preise zusätzlich nach oben treiben.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber