Rekord-Niedrigwasser der Donau legt Kriegsrelikte und Urzeitfunde frei
Der außergewöhnlich niedrige Pegel der Donau bringt die Länder entlang des Flusses zunehmend in Bedrängnis. Flusskreuzfahrten müssen teils eingestellt werden, Frachter können nur noch stark reduziert beladen fahren. Auch Atomkraftwerke, die Donauwasser zur Kühlung nutzen, drosseln ihre Leistung deutlich. In der Landwirtschaft steigen die Kosten für Bewässerung, zugleich wächst die Sorge vor Ernteausfällen.
Neben diesen wirtschaftlichen und infrastrukturellen Folgen zeigt der ausgedünnte Strom derzeit aber auch eine andere, spektakuläre Seite: Im fast trockengefallenen Flussbett tauchen Gegenstände und Überreste auf, die sonst unter Wasser verborgen sind. Die Donau gibt damit Stücke ihrer oft düsteren, mitunter auch skurrilen Vergangenheit preis.
Zahlreiche Funde entlang des Flusses
In Budapest barg der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge die sterblichen Überreste von zwei Wehrmachtssoldaten aus dem Zweiten Weltkrieg. Ebenfalls entdeckt wurden ein Motorrad sowie eine Tellermine. Nach Angaben der Organisation waren sowohl das Fahrzeug als auch die Erkennungsmarken der Soldaten ungewöhnlich gut erhalten. Als Grund gilt ölhaltiger Hafenschlamm, der an der Fundstelle konservierend gewirkt haben soll.
Nahe Szob an der slowakischen Grenze ragte zudem ein Autoreifen aus dem flachen Wasser. Nachdem Einsatzkräfte das Fahrzeug herausgezogen hatten, stellte sich heraus, dass es sich um einen Opel Corsa handelte, der bereits vor 13 Jahren als gestohlen gemeldet worden war. Die ungarische Boulevardzeitung „Blikk“ fand den früheren Besitzer ausfindig. Der inzwischen pensionierte Mann sagte dem Blatt, der nie aufgeklärte Diebstahl habe ihn damals wirtschaftlich schwer getroffen.

Deutsche Kriegsschiffe tauchen bei Prahovo wieder auf
In Serbien sind bei Prahovo erneut Wracks deutscher Kriegsschiffe sichtbar geworden. Dass diese Überreste immer wieder bei sommerlichem Niedrigwasser auftauchen, ist seit Jahren bekannt. Die Häufung in diesem Donauabschnitt kurz vor dem Eisernen Tor an der Grenze zwischen Serbien und Rumänien hat historische Gründe: Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs versenkte die deutsche Marine dort ihre eigenen Schiffe. Sie sollten den Vormarsch sowjetischer Truppen bremsen, die die zurückweichende Wehrmacht verfolgten.
Auch prähistorische Spuren werden sichtbar
Nicht nur Relikte aus Kriegszeiten kommen ans Licht. Im bulgarischen Donauort Rjachowo nahe Russe entdeckte ein Anwohner Knochen eines Mammuts auf dem freiliegenden Flussboden, wie das bulgarische Fernsehen BNT berichtete. Das regionale Geschichtsmuseum in Russe bestätigte den Fund. Demnach handelt es sich um einen Unterkiefer, zwei Stoßzähne und eine Rippe. Fachleute untersuchen nun Herkunft und Alter der Überreste.
Manche Funde sind gefährlich
Einige der entdeckten Objekte stellen weiterhin ein erhebliches Risiko dar. Bei der Bergung der beiden Wehrmachtssoldaten in Budapest war deshalb auch der Kampfmittelräumdienst im Einsatz. Die in unmittelbarer Nähe gefundene Tellermine 35 wurde als mögliche Gefahr eingestuft. Solche Sprengkörper können selbst nach vielen Jahrzehnten noch funktionsfähig sein.
Auch in der Slowakei sorgte ein Fund für Alarm: In der Nähe der Gemeinde Virt östlich von Bratislava lag auf einer trockengefallenen Stelle des Donau-Betts eine britische Anti-Schiffs-Mine aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Polizei sperrte daraufhin den betroffenen Flussabschnitt vollständig für den Schiffsverkehr.
Wracks behindern die Schifffahrt
Eine andere Gefahr geht von den Schiffstrümmern bei Prahovo aus. Bei niedrigem Wasserstand ragen einige Wracks so weit hervor, dass sie für die Schifffahrt zum Hindernis werden. Kapitäne müssen dort besonders vorsichtig navigieren. Die Europäische Union unterstützt deshalb ein Programm zur Bergung besonders problematisch liegender Wracks. Nach Angaben des serbischen Staatssenders RTS waren von 21 vorgesehenen Wracks bis April dieses Jahres bereits sieben entfernt worden.
Hitze und Trockenheit als Auslöser
Der Hintergrund für die vielen Freilegungen ist ein Sommer mit extremer Hitze und kaum Niederschlägen in weiten Teilen Ost- und Südosteuropas. In Budapest wurden am vergangenen Dienstag 40,3 Grad gemessen – ein neuer Höchstwert für einen 4. August seit Beginn der Aufzeichnungen. Die Kombination aus Dürre und Hitze lässt den Wasserstand der Donau stark sinken. Am Abend des 2. August registrierte die ungarische Landeswasserdirektion in Budapest einen historischen Tiefststand von nur neun Zentimetern.
Wissenschaftlich gilt als gesichert, dass der menschengemachte Klimawandel die Wahrscheinlichkeit, Dauer und Intensität solcher Hitzewellen und Dürren deutlich erhöht.
Die Donau als Spiegel der Geschichte
Die aktuellen Funde führen auch vor Augen, welche historische Bedeutung die Donau als europäischer Lebens- und Erinnerungsraum hat. Schriftsteller wie Claudio Magris oder Péter Esterházy beschrieben den Fluss nicht nur als geografische Verbindung, sondern als Symbol für die gemeinsame Kulturgeschichte der Völker an seinen Ufern.
Magris betonte in seinem Werk „Donau. Biographie eines Flusses“ die verbindende Kraft des Stroms, verschwieg dabei aber nicht Kriege, Vertreibungen und Diktaturen. Genau daran erinnern heute die freigelegten Soldaten, Minen, Militärfahrzeuge und Schiffswracks.
Auch bei Esterházy wurde die Donau zu einem literarischen Bild für Geschichte, Europa und Sprache selbst. Selbst der wieder aufgetauchte gestohlene Opel Corsa wirkt vor diesem Hintergrund wie ein kurioses Kapitel in der langen, vielschichtigen Erzählung dieses Flusses.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber