Fußball

Warum US-Einreiseverbote die WM ins Chaos stürzen

Nach Schiri-Abweisung vor der WM: Droht Fans und Teilnehmern nun das Gleiche? Experten warnen vor heiklen US-Grauzonen.

10.06.2026, 13:06 Uhr

Der Fall um den somalischen Schiedsrichter Omar Artan sorgt unmittelbar vor dem Start der Fußball-WM für erhebliche Diskussionen. Eigentlich war Artan als einer von sieben afrikanischen Referees für das Turnier vorgesehen. Doch am Flughafen in Miami wurde ihm die Einreise verweigert und er musste zurückreisen – obwohl er nach eigenen Angaben alle nötigen Unterlagen vorgelegt hatte. Der Vorfall rückt die ohnehin sensible US-Einreisepolitik erneut in den Mittelpunkt.

Warum wurde Artan nach Angaben der USA zurückgewiesen?

Nach Darstellung der amerikanischen Behörden spielten Sicherheitsbedenken eine Rolle. Die Grenzschutzbehörde CBP verwies darauf, dass bei der Kontrolle Hinweise auf Kontakte zu mutmaßlichen Mitgliedern terroristischer Organisationen entdeckt worden seien. Das berichtete auch ein Vertreter der US-Regierung gegenüber CNN.

Somalia zählt zu den 39 Ländern, deren Staatsangehörige unter die von der Regierung von Präsident Donald Trump verschärften Einreisevorgaben fallen. Reisende aus diesen Staaten müssen bei der Einreise mit zusätzlichen Kontrollen rechnen.

Was sagen Kritiker zu dem Fall?

Kritik gibt es von mehreren Seiten. Der Baseler Strafrechtsprofessor Mark Pieth, früher Leiter der unabhängigen FIFA-Governance-Kommission, sieht in dem Fall ein grundsätzliches Problem. Gegenüber der dpa sagte er, genau ein solches Vorgehen habe man von den USA erwartet: Menschen würden ausgeschlossen, wenn sie aus irgendeinem Grund nicht ins Bild passten.

Pieth betont, eine Weltmeisterschaft müsse grundsätzlich offen für alle Qualifizierten aus aller Welt sein. Wenn das nicht gewährleistet sei, stelle sich die Frage, ob die USA unter diesen Bedingungen ein solches Turnier überhaupt ausrichten könnten. Ähnlich äußerte sich Maja Liebing von Amnesty International in Deutschland. Eine WM, zu der große Teile der Welt faktisch gar nicht anreisen könnten, widerspreche dem Gedanken eines globalen Wettbewerbs.

 Omar Artan
Darf keine WM-Spiele pfeifen: Omar Artan, Afrikas bester Schiedsrichter des vergangenen Jahres. (Archivbild) Quelle: Mosa'ab Elshamy/AP/dpa

Wie reagiert der DFB?

Auch beim DFB stößt der Vorgang auf Unverständnis. Rudi Völler, Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes, kritisierte die verweigerte Einreise deutlich. Er hätte sich einen anderen Ausgang gewünscht und bezeichnete den Vorgang als unschön. Zudem missfällt ihm, dass bei anderen Teams – etwa dem Iran – politische Faktoren hineinspielten.

Gleichzeitig äußerte sich Völler vorsichtig. Er kenne die genauen Hintergründe nicht und wolle deshalb keine abschließende Bewertung abgeben. Dennoch sprach er von einer bedauerlichen Entwicklung und deutete an, dass dies wohl kaum der letzte ähnliche Vorfall rund um das Turnier gewesen sein dürfte.

Welche Befugnisse hat die US-Grenzschutzbehörde?

Die U.S. Customs and Border Protection (CBP) kontrolliert die Einreise an Flughäfen, Seehäfen und Landgrenzen der USA. Am Ende liegt bei ihr die Entscheidung, ob eine Person ins Land gelassen wird oder nicht. Damit verfügt die Behörde über erheblichen Spielraum.

Nach Einschätzung von Maja Liebing haben die Sicherheitsorgane weitreichende Kompetenzen. Entscheidungen könnten im Hintergrund getroffen werden, ohne dass sie ausführlich öffentlich begründet werden müssten. Gerade das mache das System so problematisch.

Welche WM-Teilnehmer sind von den Regeln betroffen?

Seit dem 1. Januar gilt eine ausgeweitete Fassung des Einreiseverbots, das Trump bereits im Juni des Vorjahres auf den Weg gebracht hatte. Inzwischen stehen 39 Staaten auf der Liste, zuvor waren es 20. Darunter befinden sich auch die WM-Teilnehmer Iran, Haiti, Senegal und die Elfenbeinküste, also auch ein deutscher Gruppengegner.

Für Menschen aus Senegal und der Elfenbeinküste gelten teilweise Einschränkungen. Für Haiti, Iran und Somalia besteht dagegen ein vollständiges Einreiseverbot. Zwar sind für WM-Beteiligte ausdrücklich Ausnahmen vorgesehen, doch im Fall von Omar Artan machte die CBP davon offenbar keinen Gebrauch.

Warum ist das Gesetz so umstritten?

Besonders kritisiert wird, dass vor allem Staaten aus Afrika betroffen sind: 26 der 39 Länder auf der Liste liegen dort. Westliche Staaten fehlen hingegen vollständig. Amnesty wertet das als klar diskriminierend. Liebing bezeichnet die Reisebeschränkungen als rassistisch, da sie ausschließlich Länder träfen, in denen überwiegend nichtweiße Menschen, viele People of Color und zahlreiche Muslime lebten.

Welche Verantwortung trägt die FIFA?

Offiziell sieht sich die FIFA in dieser Angelegenheit nicht zuständig. Der Weltverband erklärte, er sei nicht an den Einwanderungsverfahren des Gastgeberlandes beteiligt, auch nicht an Visaentscheidungen. Wie bei früheren Turnieren liege das letzte Wort über die Einreise beim Gastgeberstaat.

Kritiker halten diese Haltung für unzureichend. Liebing sagte, man hätte von der FIFA deutlich mehr Druck auf die US-Seite erwartet. Pieth formulierte es noch schärfer: Das Verhalten des Verbands sei peinlich. Statt den eigenen Schiedsrichter zu schützen, wirke es so, als wolle die FIFA die USA nicht verärgern.

Warum steht auch FIFA-Präsident Infantino in der Kritik?

Gianni Infantino hatte noch im vergangenen August Bedenken wegen der US-Einreisepraxis heruntergespielt. Bei der WM seien alle willkommen, sagte er damals in Nairobi nach einem Treffen mit Vertretern der 54 afrikanischen FIFA-Mitgliedsverbände. Zwar müsse es Visa- und Prüfverfahren geben, doch diese würden reibungslos funktionieren und sicherstellen, dass sich qualifizierte Teams und ihre Fans an der WM beteiligen könnten.

Der Fall Artan zeigt nun allerdings, dass diese Zusicherung in der Praxis nicht uneingeschränkt trägt.

Was bedeutet das für Fans aus Deutschland?

Deutsche Fans fallen zwar nicht unter die offiziellen Reisebeschränkungen, dennoch könnten ihnen bei der Einreise Probleme begegnen. Laut Liebing wurde angekündigt, dass elektronische Geräte wie Handys kontrolliert und auch Social-Media-Profile auf angeblich anti-amerikanische Inhalte überprüft werden können.

Schwierigkeiten könnten außerdem für Menschen entstehen, deren wahrgenommenes Geschlecht nicht mit dem im Ausweis eingetragenen Geschlecht übereinstimmt. Nach Angaben von Liebing hätten deshalb einige queere Fangruppen ihren Mitgliedern bereits von einer Reise in die USA abgeraten.

Auch Mark Pieth warnt davor, sich allein auf den deutschen Pass zu verlassen. Es gehe nicht nur um Herkunftsländer, sondern teils auch um individuelle Entscheidungen. Im Einzelfall seien harte Maßnahmen möglich, und der Ermessensspielraum der Behörden sei groß.

Was gilt als „anti-amerikanisch“?

Als problematisch können laut den Regeln unter anderem Inhalte gewertet werden, die grundlegende Werte der USA ablehnen, terroristische Gruppen unterstützen oder zu Gewalt gegen die Vereinigten Staaten aufrufen. Kritiker sehen hier jedoch erhebliche Grauzonen. Liebing warnt, dass dadurch Willkür Tür und Tor geöffnet werde.

Was ist bei doppelter Staatsbürgerschaft zu beachten?

Deutsche Fans mit einer zweiten Staatsangehörigkeit aus einem betroffenen Land sind nach Angaben von Amnesty theoretisch von den Einreisebeschränkungen ausgenommen. In der Praxis sei aber nicht ausgeschlossen, dass sie intensiver überprüft würden.

Wer zusätzlich die US-Staatsbürgerschaft besitzt, muss sich hingegen keine Sorgen machen: Diese Personen gelten als amerikanische Staatsbürger und haben ein verfassungsmäßig geschütztes Recht auf Einreise in die USA.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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