Rudi Völler hat das deutsche WM-Quartier in Winston-Salem nach nur einem Tag bereits wieder verlassen – und das mit einem positiven Eindruck. Der DFB-Sportdirektor ordnete bei seinem Besuch mehrere heikle Themen rund um Unterkunft, Trainingsbedingungen und die Stimmung im Team ein. Sein Gesamteindruck fiel klar aus: In der Mannschaft sei die Vorfreude auf den Turnierstart enorm, "alle brennen".
Viel Zuversicht im DFB-Lager
Völler vermittelte am Gelände der Wake Forest University ein optimistisches Bild. Nach seinen Worten sind vor dem WM-Auftakt alle Spieler einsatzbereit – für ein Turnier sei das der wichtigste Punkt überhaupt. Auch über die Ambitionen zentraler Akteure wie Joshua Kimmich, Jamal Musiala, Florian Wirtz, Kai Havertz oder Ersatzstürmer Nick Woltemade sprach er und betonte die große Motivation im gesamten Kader.
Mit diesem guten Gefühl konnte Völler das Teamlager schon wieder verlassen. Für ihn geht es zunächst zum Eröffnungsspiel ins Aztekenstadion nach Mexiko-Stadt, anschließend weiter nach New York und dann zum ersten deutschen Spiel nach Houston.
Neuer im Plan für Sonntag
Die wichtigste sportliche Nachricht betraf Manuel Neuer. Der Rekordtorwart absolvierte hinter der Tribüne des W. Dennie Spry Stadiums auf einem separaten Trainingsplatz mit dem kompletten Torwart-Team die nächste Einheit. An seiner linken Wade waren dabei keine Probleme zu erkennen, Neuer machte alle Übungen mit.
Für Völler gibt es daher keine Zweifel mehr am Comeback des 40-Jährigen beim WM-Auftakt am Sonntag gegen Curaçao (19.00 Uhr/ARD und MagentaTV). Neuer sei ruhig wie immer, alles verlaufe nach Plan, sagte der Sportdirektor.
Diskussion um Hotel und mögliche Lagerkoller-Sorgen
Über das deutsche Teamhotel The Graylyn Estate wird bereits seit Tagen diskutiert – zwischen stilvoller Unterkunft und womöglich zu abgeschiedenem Quartier. Auch die Frage nach möglichem Lagerkoller in North Carolina stand schnell im Raum.
Völler wollte davon nichts wissen. Das Hotel sei zwar kein luxuriöses Ferienresort, biete der Mannschaft aber ein angenehmes Umfeld. Aus seiner Sicht ist es sogar ein Vorteil, dass das Team dort weitgehend unter sich bleiben kann. Zudem sei dafür gesorgt, dass die Spieler zwischen den Einheiten ausreichend Beschäftigungsmöglichkeiten haben.
Als großen Pluspunkt nannte Völler – ähnlich wie Bundestrainer Julian Nagelsmann – die kurzen Wege zwischen Unterkunft und Trainingsplatz. Zugleich stellte er unmissverständlich klar: Sollte das Turnier enttäuschend verlaufen, dürften die Bedingungen vor Ort nicht als Ausrede herhalten. Weder Hotel noch Trainingsgelände seien ein Anlass, später nach Entschuldigungen zu suchen.
Die Debatte über Lagerkoller hält Völler ohnehin für überholt. Im Vergleich zu früheren Turnieren habe sich die Situation komplett verändert: Heute gebe es Internet, Smartphones und ein umfassendes Medienangebot. In seiner aktiven Zeit sei das alles deutlich komplizierter gewesen. Ein echter Lagerkoller sei unter heutigen Bedingungen kaum noch vorstellbar.
Auch den Vergleich zu früheren DFB-Standorten zog Völler. Im Trainingslager von Malente, wo sich einst die Weltmeister von 1974 vorbereitet hatten, seien die Bedingungen viel einfacher gewesen. Dagegen sei die heutige Situation deutlich komfortabler.
Völler sieht auch beim Trainingsrasen kein großes Problem
Schnell rückte auch der Platz an der Wake Forest University in den Mittelpunkt. Schon nach der ersten Einheit waren auf dem Rasen sichtbare Spuren zu erkennen, was erneut die Diskussion über die in den USA teils andere Platzbeschaffenheit anheizte.
Völler blieb gelassen. Bei den hohen Temperaturen brauche der Rasen vor allem ausreichend Wasser, sagte er, und lobte die Greenkeeper der Universität für ihre Arbeit. Aus seiner Sicht wird dort sehr sorgfältig gearbeitet.
Zugleich machte er deutlich, dass sich die Nationalspieler bei der WM ohnehin auf ähnliche Bedingungen einstellen müssten. Der Untergrund könne trockener oder härter sein als in Europa. Gerade deshalb sieht Völler keinen Sinn darin, über die Platzverhältnisse zu klagen – die Mannschaft müsse die Gegebenheiten annehmen.
Sportdirektor auch für die Konfliktthemen zuständig
Völler trat in Winston-Salem nicht nur als sportlicher Einordner auf, sondern auch als Ansprechpartner für heikle Nebenthemen. Neben Hotel, Lagerkoller und Rasen äußerte er sich auch zu externen Streitpunkten wie den Ticketpreisen der FIFA oder der verweigerten Einreise für einen Schiedsrichter aus Somalia durch US-Behörden.
Mit seiner Erfahrung aus vier Weltmeisterschaften als Spieler und Teamchef kommt ihm in solchen Fragen besonderes Gewicht zu. Im DFB-Tross ist er damit einmal mehr derjenige, der mögliche Konflikte früh entschärfen soll.
Warnung vor Leichtsinn vor dem Auftakt
Trotz aller Zuversicht wollte Völler vor dem ersten Spiel nicht in Übermut verfallen. Deutschland werde schwer zu schlagen sein, sagte er, warnte aber gleichzeitig davor, den krassen Außenseiter Curaçao zu unterschätzen.
Nach dem Besuch in Mexiko-Stadt steht für Völler auch ein Termin für die DFB-Stiftung an: Dort soll ein Scheck über 86.000 Euro für zwei Bildungsprojekte überreicht werden. Danach reist er weiter zur Eröffnung des German House of Soccer in Manhattan, bevor er in Houston wieder bei der Nationalmannschaft erwartet wird.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber