Trotz tödlicher Angriffe und gegenseitiger Cyberattacken könnte in die festgefahrenen Bemühungen um ein Ende des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine wieder Bewegung kommen. Vertreter aus Kiew, Moskau und Washington sollen in der kommenden Woche zu zweitägigen Gesprächen in Abu Dhabi zusammenkommen. Das teilte der US-Sondergesandte Steve Witkoff auf X mit.
Die Verhandlungen auf Arbeitsebene sind für Dienstag und Mittwoch in der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate angesetzt. Im Mittelpunkt stehen nach Angaben Witkoffs Sicherheitsvereinbarungen für die Zeit nach dem Krieg, Deeskalation, humanitäre Hilfen und die nächsten Schritte auf dem Weg zu einem Friedensprozess. In diesem Format hatte es zuletzt im Februar Gespräche in Genf gegeben, zuvor bereits zweimal in Abu Dhabi.
Kremlsprecher Dmitri Peskow bestätigte laut der russischen Staatsagentur Tass, dass eine Delegation aus Moskau teilnehmen werde. Angeführt wird das Team demnach erneut vom früheren Kulturminister Wladimir Medinski, der Russland schon bei früheren Verhandlungsrunden vertreten hatte.
Bereits an diesem Mittwoch wollen US-Gesandte in Brüssel mit Vertretern europäischer Staaten, der Nato und der EU beraten. Nach Angaben Witkoffs geht es dabei um Sicherheitsgarantien für die Ukraine, die europäische Sicherheitsordnung nach dem Krieg sowie den Wiederaufbau.
Nato-Sprecherin Allison Hart bestätigte zudem Beratungen in Brüssel mit Vertretern aus Frankreich, Deutschland, Großbritannien und den USA über das weitere Vorgehen. Nach Angaben der EU-Kommission wird das Treffen von der Kommission ausgerichtet.
Kämpfe und Luftangriffe gehen unvermindert weiter
Während neue diplomatische Kontakte vorbereitet werden, dauern die Kämpfe an. Russland griff die Ukraine in der Nacht zum Dienstag nach ukrainischen Angaben massiv mit Raketen, Marschflugkörpern und Drohnen an. Umgekehrt attackierte die Ukraine in derselben Nacht das russische Hinterland mit großen Drohnenschwärmen.
29 Tote nach Angriff nahe Saporischschja
Nach einem russischen Luftangriff auf das Dorf Komyschuwacha in der Region Saporischschja ist die Zahl der Todesopfer auf 29 gestiegen. Nach ukrainischen Angaben wurde eine Schule getroffen, in der humanitäre Hilfe verteilt wurde. Mindestens fünf Menschen wurden verletzt. In den Trümmern wurde weiter nach Opfern gesucht, zudem galten laut örtlichen Behörden noch 48 Menschen als vermisst.
Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von einem gezielten Schlag. Russland habe wissen müssen, dass die verbliebenen Bewohner von Komyschuwacha dort regelmäßig humanitäre Hilfe erhielten. Er bezeichnete den Angriff als „hinterhältigen Terroranschlag“ und als „absolut schrecklichen Angriff“.
Komyschuwacha liegt rund 25 Kilometer östlich von Saporischschja und etwas mehr als ein Dutzend Kilometer von der Frontlinie entfernt. Die Region ist seit Monaten immer wieder Ziel schwerer russischer Luftangriffe.
Selenskyj nennt Hack auf russische Warn-App Gegenangriff
Auch im Cyberraum verschärfte sich die Lage. Das Hacken des russischen Warnsystems vor Luftangriffen stellte Selenskyj als ukrainische Reaktion auf einen vorangegangenen russischen Cyberangriff dar. Dem US-Sender PBS sagte er, die Ukraine reagiere nur auf russische Attacken. Das eigene Warnsystem sei zuerst angegriffen worden, daher habe sich sein Land verteidigt.
Russland greife mit Cyberattacken immer wieder Ziele an, um der Zivilbevölkerung zu schaden, sagte Selenskyj weiter. Die Warn-Apps beider Kriegsparteien informieren ihre Bürger unter anderem über drohende Luftangriffe.
Am späten Sonntagabend war zunächst die ukrainische App „Air Alert“ kompromittiert worden. Nutzer erhielten dabei unter anderem gefälschte Warnungen vor angeblichen Atomangriffen. Wenige Stunden später wurde am frühen Montagmorgen die App des russischen Zivilschutzes gehackt und verschickte ebenfalls falsche Alarmmeldungen.
2.800 Soldaten aus elf Ländern bei Übung in Polen
Parallel dazu beginnt in Polen das erste Militärmanöver der sogenannten „Koalition der Willigen“ zur Unterstützung der Ukraine. Nach britischen Angaben nehmen ab Montag rund 2.800 Soldaten aus elf Ländern an der Übung teil. Getestet werden soll, wie nach einem möglichen Kriegsende ein dauerhafter Frieden abgesichert werden kann.
Großbritannien und Frankreich führen das Manöver, das bis zum 22. November dauern soll. London entsendet dafür rund 300 Militärangehörige sowie mehrere Kampfjets. Die Bundeswehr beteiligt sich nach früheren Angaben mit etwa zehn Stabsoffizieren, Tankflugzeugen und Logistik.
Putin hatte nach Gespräch mit Witkoff Bereitschaft signalisiert
Russlands Präsident Wladimir Putin hatte sich bereits im Oktober nach einem Gespräch mit Witkoff offen für neue Verhandlungen über ein Ende des Ukraine-Kriegs gezeigt. Damals sagte er, man habe vereinbart, die trilateralen Kontakte zwischen den USA, Russland und der Ukraine wieder aufzunehmen.
Hinweise aus dem Kreml hatten zuletzt bereits nahegelegt, dass sich die Delegationen der drei Länder Mitte November erneut in Abu Dhabi treffen könnten.
Die Ukraine verteidigt sich seit mehr als viereinhalb Jahren mit westlicher Unterstützung gegen den russischen Angriff.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber