Ukraine

Oleschky fällt – so retteten sich Ukrainer und Russen

Nach Melania Trumps Waffenruhe geschieht in Oleschky Unerwartetes: Russen und Ukrainer retten gemeinsam Leben. Beginnt so Frieden?

01.11.2026, 09:25 Uhr

Dutzende Menschen aus Oleschky in großangelegter Hilfsaktion evakuiert

Bei einer von beiden Kriegsseiten als historisch bezeichneten Rettungsaktion haben zahlreiche Menschen die umkämpfte, von Russland kontrollierte Frontstadt Oleschky verlassen können. Viele nahmen nur wenige Taschen und ihre Haustiere mit, als sie die abgeriegelte Zone im von Moskau annektierten Teil des Gebiets Cherson verließen. Unter den Evakuierten waren entkräftete, verletzte und behinderte Menschen, darunter Personen an Krücken oder im Rollstuhl. Die Aktion erfolgte noch vor dem Winter.

Schon bei der Abfahrt aus der schwer zerstörten und verminten Stadt flossen Tränen. Nach der Ankunft in Gebieten unter ukrainischer oder russischer Kontrolle reagierten viele emotional. In der Ukraine wurden die Ankommenden empfangen wie Heimkehrer aus Gefangenschaft. Wer sich für die Ausreise in russisch kontrolliertes Gebiet entschied, sieht sich dagegen ebenfalls als Leidtragender des Krieges und ukrainischer Angriffe. Offizielle Zahlen zu den Evakuierten wurden nicht genannt.

Vermittelt von Melania Trump und Papst Leo XIV.

Nach Angaben der Beteiligten wurde die bislang längste und störungsfreie Feuerpause mitsamt Evakuierung von US-First Lady Melania Trump und Papst Leo XIV. vermittelt. Der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte Dmytro Lubinez sprach von einer außergewöhnlichen Kraftanstrengung. Er begleitete die Hilfsmission gemeinsam mit seiner russischen Kollegin Jana Lantratowa. Beide zeigten sich im Anschluss so zufrieden, dass sie ähnliche Einsätze auch in anderen Frontregionen für denkbar halten.

Ukraine-Krieg - Oleschky
Viele Menschen in der von russischen Truppen besetzten Frontstadt haben sich für die Ausreise in von der Ukraine kontrolliertes Gebiet entschieden. Quelle: Ulf Mauder/dpa

Lubinez sagte sogar, solche Schritte könnten den Weg zu einem späteren Frieden ebnen. Beide Ombudsleute dankten Melania Trump mehrfach für ihren Einsatz rund um Oleschky. Zugleich hoben sie hervor, dass beide Seiten die Vereinbarungen eingehalten hätten – ein ungewöhnlicher Ton angesichts der sonst scharfen gegenseitigen Vorwürfe aus Moskau und Kiew.

Weitere Einsätze geplant

Lubinez und Lantratowa ließen sich mit geretteten Kindern fotografieren und begrüßten die Geflüchteten. Lantratowa erklärte, die Mission sei zwar abgeschlossen, doch die Lebensumstände in Oleschky blieben äußerst schwierig. Man werde weiterhin alles tun, um die Bewohner zu unterstützen. Mit Lubinez seien deshalb weitere regelmäßige Hilfsaktionen vereinbart worden.

Vor dem Krieg lebten in Oleschky rund 24.000 Menschen. Heute sollen es nur noch etwas mehr als 1.000 sein. Dennoch bleiben viele in der schwer zerstörten Stadt.

Warum viele trotz Gefahr bleiben

Dank großer Lieferungen mit Lebensmitteln, Medikamenten, Hygieneartikeln und Treibstoff hat sich die Lage für die Zurückgebliebenen etwas entspannt. Einige sind stark abgemagert, andere kommen vergleichsweise besser zurecht – etwa durch Ernten auf fruchtbarem Boden oder aus Gewächshäusern. Strom liefern vielerorts Solaranlagen, die oft neben den Häusern stehen, weil Dächer durch Drohnenangriffe zerstört wurden.

Eine 71-jährige Frau berichtete, sie bleibe, weil sie sich in ihrem Alter einen Neuanfang nicht mehr zutraue. Außerdem versorge sie ihren 22-jährigen Enkel, der ein Bein verloren habe. Hinzu komme eine aus ihrer Sicht gute russische Rente von 31.000 Rubel im Monat, umgerechnet etwa 344 Euro, und damit mehr als in der Ukraine.

Andere harren aus, weil sie pflegebedürftige Menschen, Kranke oder Nachbarn nicht zurücklassen wollen. Doch auch Zweifel wachsen. Der frühere Lehrer Oleh sagte, das Leben werde nicht leichter, wenn immer mehr Menschen gingen. Zugleich zeigte er sich dankbar für die internationale Aufmerksamkeit, die Oleschky durch Melania Trumps Engagement erhalten habe. Das russische Außenministerium hatte zu der vom Verteidigungsministerium organisierten Reise in die Frontstadt auch ausländische Medien eingeladen, darunter die Deutsche Presse-Agentur.

Umweg über Russland und Belarus

Wer Oleschky verließ, konnte zwischen weißen Bussen mit den Aufschriften "Ukraine" oder "Russland" wählen. Für jene, die in von Kiew kontrolliertes Gebiet wollten, war der kurze Weg über den Dnipro wegen Verminung nicht möglich. Stattdessen führte die Route über die Krim und die russische Schwarzmeerstadt Anapa.

Auf dem Weg aus der Frontstadt prägen vor allem Ruinen das Bild. Über Straßen sind Netze gespannt, die Drohnen abfangen sollen. Darin hingen teils auch tote Vögel, die sich in dem feinen Material verfangen hatten.

Vier russische Militärflugzeuge brachten Lubinez und die Evakuierten schließlich nach Gomel in Belarus. Von dort ging es mit Bussen weiter in die Ukraine. Laut Lubinez war der älteste Flüchtling 94 Jahre alt, der jüngste erst ein Jahr. Mit den Menschen reisten auch Hunde, Katzen, ein Papagei und sogar ein Waschbär.

Hoffnung auf Neuanfang – doch Oleschky bleibt in Gefahr

Die 50-jährige Wera sagte noch in Oleschky, sie freue sich vor allem darauf, ihren 30-jährigen Sohn wiederzusehen, der in Polen lebt. Seit Beginn des Krieges habe sie ihn nicht mehr getroffen. Sie und ihr Mann Sascha wollen nun in Mykolajiw ein neues Leben beginnen. Dort gebe es endlich wieder Arbeit, sagte der 60-Jährige.

Für die Menschen, die in Oleschky geblieben sind, endet das Leid jedoch nicht. Nach dem bis Sonntagabend vereinbarten Waffenstillstand drohen neue Kämpfe. Neben Versorgungsengpässen bleibt vor allem die Gefahr allgegenwärtig, durch Drohnenangriffe verletzt zu werden oder auf Minen zu treten.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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