Wladimir Putin hat ein von Wolodymyr Selenskyj in einem offenen Brief vorgeschlagenes direktes Treffen vorerst zurückgewiesen. Beim Internationalen Wirtschaftsforum in St. Petersburg sagte der russische Präsident, er sehe dafür "noch keinen Sinn". Vor einem Gipfel müssten zunächst Vereinbarungen für eine dauerhafte Lösung des seit 2022 andauernden Krieges erzielt werden.
Zugleich reagierte Putin ungewöhnlich scharf auf das Schreiben aus Kiew. Der Brief enthalte aus seiner Sicht "Elemente von Unverschämtheit". Die beste Antwort darauf sei ein Aufruf an die russischen Streitkräfte: "An die Arbeit, Brüder!" Das ganze Land blicke auf die Armee, sagte der Kremlchef.
Selenskyj drängt auf persönliches Treffen in Drittstaat
Der ukrainische Präsident hatte Putin tags zuvor in einem offenen Brief direkte Friedensgespräche in einem neutralen Drittstaat angeboten. Da weder Putin nach Kiew noch Selenskyj nach Moskau reisen dürfte, brachte der Ukrainer die Schweiz, die Türkei oder einen arabischen Staat als mögliche Orte ins Spiel.
Selenskyj begründete das Angebot damit, dass ein persönliches Treffen nötig sei, um aus seiner Sicht zentrale Schlüsselfragen unmittelbar zwischen den Staatschefs zu klären. In dem Schreiben schlug er zudem nach früheren Angaben zunächst eine Waffenruhe entlang der aktuellen Front vor, überwacht von den USA. Danach könnten ein Gefangenenaustausch nach dem Prinzip "alle gegen alle" sowie die Rückführung von Zivilisten und verschleppten Kindern folgen. Außerdem sollten Vertreter Europas und der Vereinigten Staaten an möglichen Gesprächen beteiligt werden.
Nach Angaben aus Kiew wählte Selenskyj in dem Brief einen ungewöhnlich scharfen Ton. Er verwies auf jüngste ukrainische Drohnenschläge tief im russischen Hinterland und spielte auch auf Putins Alter an.
Berlin begrüßt Vorstoß, Trump sieht Treffen positiv
Die Bundesregierung begrüßte Selenskyjs Initiative. Der stellvertretende Regierungssprecher Sebastian Hille sagte, Berlin teile die Auffassung des ukrainischen Präsidenten, dass an Gesprächen mit Russland auch Vertreter Europas und der USA beteiligt werden sollten.
Auch US-Präsident Donald Trump äußerte sich im Weißen Haus zustimmend. Er sagte vor Journalisten, er fände ein Treffen zwischen Putin und Selenskyj gut.
Putin gibt sich siegesgewiss und hält an Kriegszielen fest
Vor ausländischen Nachrichtenagenturen in St. Petersburg zeigte sich Putin weiter überzeugt von einem russischen Erfolg. Probleme habe vor allem die ukrainische Seite, machte er geltend. Gleichzeitig betonte er, Russland werde an seinen Kriegszielen festhalten.
"Wir haben uns die Befreiung des Donbass zum Ziel gesetzt. Es besteht kein Zweifel – wir werden dies erreichen", sagte der Kremlchef. Nach seiner Darstellung steht die Region Luhansk bereits seit Anfang April vollständig unter russischer Kontrolle. Im benachbarten Gebiet Donezk hielten ukrainische Truppen nur noch weniger als 15 Prozent des Territoriums. Das ukrainische Militär wies diese Angaben zurück.
Putin erneuerte damit auch seine bekannte Forderung, Russland müsse die vollständige Kontrolle über die Gebiete Donezk und Luhansk erhalten, damit es Frieden geben könne. Aus seiner Sicht steht diese Bedingung nicht im Widerspruch zu seiner erklärten Gesprächsbereitschaft.
Kreml verweist weiter auf "Abmachungen von Anchorage"
Inhaltlich blieb Moskau bei seiner bisherigen Linie. Kurz vor der Veröffentlichung von Selenskyjs Brief hatte Putin erklärt, Russland sei grundsätzlich bereit, mit der Ukraine eine Vereinbarung zu treffen. Grundlage dafür seien aus seiner Sicht die "Abmachungen von Anchorage". Damit bezog er sich auf ein Treffen mit Trump im vergangenen Sommer in Alaska. Öffentlich bekannte konkrete Ergebnisse oder Vereinbarungen gibt es dazu allerdings nicht.
Streit über Lage an der Front
Putin behauptete erneut, die russische Armee greife entlang der gesamten Front an, während der Ukraine Soldaten fehlten. Auf dem Schlachtfeld habe Russland die Oberhand und gewinne fortlaufend Gelände hinzu. Seine genannte Zahl von 2.440 eroberten Quadratkilometern seit Jahresbeginn liegt allerdings deutlich über den Angaben aus Kiew.
Regierungsnahe ukrainische Militärbeobachter kommen auf knapp 700 Quadratkilometer, zudem mit nachlassendem Tempo. Die Ukraine verteidigt sich seit mehr als vier Jahren mit westlicher Unterstützung gegen den russischen Angriffskrieg.
Auftritt in St. Petersburg auch unter wirtschaftlichem Druck
Putins Auftritt auf dem Wirtschaftsforum steht nicht nur im Zeichen des Krieges. Viele Russen erwarten von ihm auch Antworten auf wachsende wirtschaftliche Probleme im eigenen Land. Im fünften Kriegsjahr kämpft Russland mit einem deutlichen Wachstumseinbruch und anhaltenden westlichen Sanktionen. Dennoch versucht der Kreml in St. Petersburg, wirtschaftliche Stärke und Stabilität zu demonstrieren.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion