Ukraine

Darum greift Kiew Putins Amazon Wildberries an

Nach Raffinerien trifft Kiew jetzt Wildberries. Warum ausgerechnet Russlands Online-Riese ins Visier gerät, ist brisant.

30.07.2026, 11:27 Uhr

Drohnenangriffe treffen erneut Wildberries-Logistikzentren in Russland

In der Nacht hat die Ukraine nach russischen Berichten zwei weitere große Lager des Online-Händlers Wildberries mit Drohnen attackiert. In Pensa geriet ein Verteilzentrum mit einer Fläche von rund 180.000 Quadratmetern in Brand. Videos von Anwohnern zeigen dichte, weithin sichtbare Rauchwolken. Auch in Sarapul in der Teilrepublik Udmurtien wurde eine Anlage getroffen. Das dortige Lager umfasst etwa 50.000 Quadratmeter und soll laut Medien vollständig brennen.

Bereits einen Tag zuvor war ein Wildberries-Lager in Rjasan Ziel eines Angriffs geworden. Innerhalb von weniger als zwei Wochen wurden damit insgesamt 13 Logistikstandorte des Konzerns attackiert. Mindestens zehn von ihnen wurden zumindest teilweise zerstört. Nach den Schlägen gegen russische Raffinerien rücken damit erneut Schwächen der russischen Luftabwehr in den Fokus.

Enormer wirtschaftlicher Schaden

Die Auswirkungen sind erheblich. Da vor allem große Lagerhallen getroffen wurden, sollen inzwischen mehr als eine Million Quadratmeter Lagerfläche zerstört worden sein. Das entspräche rund einem Fünftel der gesamten Kapazitäten von Wildberries. Das unabhängige Wirtschaftsportal The Bell bezifferte den Schaden schon vor den jüngsten Treffern in Rjasan, Pensa und Sarapul auf umgerechnet rund 400 Millionen Euro allein für die Lagerflächen. Der Wert der vernichteten Waren habe zusätzlich bei knapp 1,7 Milliarden Euro gelegen.

Für Wildberries, das oft als russisches Gegenstück zu Amazon bezeichnet wird, könnten die Angriffe zu einem massiven Problem werden. Das Unternehmen war zuletzt stark auf Expansion ausgerichtet, finanzierte Wachstum mit Krediten, vergrößerte seine Lagerkapazitäten in kurzer Zeit und stieg zudem in neue Geschäftsfelder wie Online-Banking und Reisen ein. Genau diese aggressive Wachstumsstrategie könnte sich nun als Risiko erweisen.

Kiew nennt Militärgüter als Begründung

Die ukrainische Seite erklärte die Angriffe damit, dass über Wildberries auch militärisch nutzbare Produkte verkauft würden. Genannt wurden unter anderem FPV-Drohnen, Glasfaserkabel zur Steuerung, Panzerplatten und Schutzwesten.

Diese Begründung wird jedoch selbst von Beobachtern, die der Ukraine grundsätzlich wohlgesonnen sind, skeptisch gesehen. Der Journalist Wladislaw Gorin sagte in einem Podcast des Exilmediums Meduza, Wildberries sei kein klassisches militärisches Ziel. Er zog einen Vergleich zur russischen Argumentation, mit der Moskau im Winter Angriffe auf ukrainische Kraftwerke rechtfertigte, weil diese angeblich auch das Militär mit Strom und Wärme versorgten.

Viel Schaden mit begrenztem Mitteleinsatz

Tatsächlich dürfte der Anteil militärischer Produkte am Gesamtgeschäft von Wildberries eher klein sein. Größere Bedeutung hat offenbar der ökonomische Effekt. Wildberries ist der größte Online-Händler Russlands und setzte 2025 nach den im Artikel genannten Zahlen umgerechnet rund 67 Milliarden Euro um. Der Gewinn lag bei knapp zwei Milliarden Euro und damit deutlich über dem Vorjahreswert. Konkurrent Ozon kam demnach auf etwas mehr als 50 Milliarden Euro Umsatz und rund 100 Millionen Euro Gewinn.

Etwa die Hälfte des russischen Online-Handels läuft über Wildberries. Für die Ukraine bieten solche Angriffe daher die Möglichkeit, mit vergleichsweise geringem Aufwand hohe wirtschaftliche Verluste auszulösen. Die russische Gesamtwirtschaft dürfte daran nicht zerbrechen, doch betroffen sind vor allem kleine Händler. Schätzungsweise bis zu 400.000 Menschen verkaufen ihre Waren über die Plattform. Viele von ihnen verlieren durch zerstörte Bestände erhebliche Summen, während Entschädigungen offenbar nur einen kleinen Teil abdecken. In sozialen Netzwerken ist der Unmut darüber deutlich spürbar.

Unzufriedenheit als politischer Faktor

Gerade mit Blick auf die bevorstehende Duma-Wahl könnte diese Unzufriedenheit für Kiew ein Mittel sein, zusätzlichen Druck aufzubauen. Das ist zynisch, folgt aber einer Logik, die auch Moskau bei seinen Angriffen auf ukrainische Energieanlagen verfolgt hat.

Allerdings gibt es eine Kehrseite: Für den Kreml haben die Alltagsprobleme der Bevölkerung oft nur begrenzte Priorität. Durch Kontrolle über Medien, Zensur und Sicherheitsapparate verfügt die Führung über viele Möglichkeiten, Unmut einzudämmen oder umzulenken. Möglich ist daher auch, dass die Angriffe eher zu einer weiteren Eskalation des Kriegs beitragen.

Spekulationen über politische Verbindungen

Eine weitere Erklärung für die Auswahl der Ziele betrifft die Eigentümerstruktur des Konzerns. 2024 war Wildberries in einen öffentlich ausgetragenen und teils gewaltsamen Trennungskonflikt seiner Gründer geraten. Firmengründerin Tatjana Kim drängte ihren Ehemann Wladislaw Bakaltschuk aus dem Unternehmen. Dieser suchte danach Unterstützung beim tschetschenischen Machthaber Ramsan Kadyrow und versuchte laut den damaligen Berichten mit bewaffneten Begleitern Zugang zum Hauptquartier von Wildberries zu erhalten. Bei einem Schusswechsel mit dem Sicherheitsdienst kamen zwei Menschen ums Leben.

Später verschmolz Kim das Unternehmen mit der Werbeagentur Russ. Diese Fusion soll im Kreml gebilligt worden sein. Seither gibt es Spekulationen, wonach enge Vertraute von Präsident Wladimir Putin, darunter Präsidialamtschef Anton Waino und dessen Stellvertreter Alexej Gromow, wirtschaftlich mit dem Unternehmen verbunden sein könnten.

Offiziell bestätigt ist das nicht. Auffällig sei laut Artikel jedoch, dass der Staatsapparat bislang keinen sichtbaren Druck auf Wildberries ausübt, geschädigte Kleinhändler umfassender zu entschädigen. Stattdessen soll es Lob aus dem Kreml gegeben haben sowie Überlegungen, das Unternehmen mithilfe einer Staatsbank vor größeren finanziellen Problemen zu bewahren.

Forderungen nach bewaffnetem Schutz für Lager

Unterdessen diskutieren russische Medien über Maßnahmen zum Schutz solcher Anlagen. Die Zeitung Nesawissimaja Gaseta schlug vor, Elemente einer Zivilverteidigung nach sowjetischem Muster wiederzubeleben. Kampfgruppen könnten demnach Lagerkomplexe sichern.

Als Argument wird angeführt, dass die großen Dachflächen der Hallen zwar leicht anzugreifen seien, zugleich aber genug Platz böten, um Flugabwehrsysteme oder Flakgeschütze zu stationieren. Unternehmen sollten solche Waffen demnach selbst finanzieren. Teilweise könnten sie sogar ferngesteuert werden. Dass ein solcher Ansatz die Zivilbevölkerung noch stärker in den Krieg hineinziehen und das Risiko ziviler Opfer erhöhen könnte, bleibt in diesen Vorschlägen weitgehend ausgeblendet.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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