Israel

Kugel im Kopf: Deutsche Ärzte retten Patienten aus Gaza

Früher tanzte Ahmed durchs Leben. Jetzt steckt eine Kugel in seinem Kopf. Deutsche Ärzte halfen ihm – doch was wird aus ihm?

26.10.2026, 04:00 Uhr

Ein junger Patient aus Gaza kämpft in Kairo um seine Zukunft

Ahmed al-Chair aus dem Gazastreifen hat derzeit vor allem einen Wunsch: wieder lernen zu können. Der 21-Jährige liegt in einem Krankenhaus in Kairo, mit einer Kugel im Kopf, die nach Angaben der Ärzte nicht gefahrlos entfernt werden kann. Sein rechter Arm und sein rechtes Bein sind gelähmt, zudem hat sich die Kopfverletzung entzündet. Ein dicker weißer Verband umschließt seinen Schädel.

Ärzte von Malteser International haben Ahmed operiert. Insgesamt behandelte das Team 34 Kriegsverletzte aus dem Gazastreifen. Der Freiburger Internist Oliver Mohr sagt, der Einsatz könne das Leid nicht beenden, aber zumindest einzelnen Menschen helfen. Jeder Fall sei wichtig.

Ärzte berichten von schwersten Kriegsfolgen

Mohr ist seit rund zehn Jahren für die Hilfsorganisation im Einsatz. Patienten aus Gaza hatte er zuvor jedoch noch nie betreut. Nach seinen Worten sei ihm hier besonders deutlich geworden, wie massiv Kriege auch die Zivilbevölkerung treffen.

Die Mediziner schildern Verletzungen wie Verbrennungen, Amputationen sowie Schuss-, Splitter- und Explosionswunden. Hinzu kämen Infektionen, die durch schlechte hygienische Bedingungen, verspätete Behandlungen, Unterernährung und geschwächte Immunsysteme verschärft würden.

Ahmeds Vater berichtet, sein Sohn sei im Juni 2025 im Gazastreifen auf offener Straße von einer Kugel getroffen worden, die aus einem Maschinengewehr auf einem israelischen Panzer abgefeuert worden sei. Ahmed habe damals Lebensmittel an einem von den USA geführten Verteilzentrum holen wollen.

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Das Foto zeigt Ahmed auf dem Gelände des Krankenhauses des Roten Halbmondes im Gazastreifen im Februar 2026. Lange habe er sich um die Evakuierung seines Sohnes bemüht. Es sei eine sehr schwierige Zeit gewesen, sagt Ahmeds Vater. Quelle: Abed Rahim Khatib/dpa

Israel betont regelmäßig, Angriffe im Gazastreifen richteten sich gegen die Hamas und andere militante Gruppen. Die Armee erklärt zudem, sie bemühe sich, zivile Opfer zu vermeiden, und bedaure den Tod Unbeteiligter.

Schwierige Evakuierungen und Mangel an Versorgung

Bis Schwerverletzte wie Ahmed in Kairo behandelt werden können, sind laut Helfern bereits Transporte innerhalb des Gazastreifens äußerst kompliziert. Peter Dischler von der Berliner Hilfsorganisation Cadus, der im Gazastreifen eine Mission leitet und an der Evakuierung schwer kranker Menschen nach Ägypten beteiligt ist, beschreibt die Lage als extrem dynamisch.

Ein Liter Motorenöl koste etwa 1.000 US-Dollar, sagt Dischler. Es fehle außerdem an Ersatzteilen für Fahrzeuge und medizinische Geräte. Auch UN-Organisationen haben wiederholt vor einer dramatischen humanitären Situation im Gazastreifen gewarnt. Sie verweisen auf massive Engpässe bei der Versorgung, die unter anderem mit israelischen Beschränkungen und weiteren administrativen Hürden zusammenhingen.

Die israelische Behörde Cogat, die für palästinensische Angelegenheiten zuständig ist, weist solche Vorwürfe zurück. Israel ermögliche die uneingeschränkte Lieferung von Medikamenten nach Gaza. Seit Beginn der Waffenruhe im Oktober 2025 seien nach Cogat-Angaben mehr als 24.000 Tonnen medizinischer Ausrüstung und Arzneien in das Gebiet gebracht worden. Auch Motorenöl für Rettungswagen werde regelmäßig geliefert, Anträge internationaler Hilfsorganisationen würden schnell koordiniert.

Nach israelischer Darstellung müssen einige Güter bei der Einfuhr kontrolliert werden, um zu verhindern, dass sie von der Hamas missbraucht werden. Auslöser des Krieges war das Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 in Israel. Damals töteten Kämpfer der Hamas und anderer extremistischer Gruppen rund 1.200 Menschen und verschleppten mehr als 250 weitere Geiseln in den Gazastreifen. Israel reagierte mit massiven Luftangriffen und militärischen Operationen. Nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde wurden dabei mehr als 74.500 Palästinenser getötet und über 175.000 verletzt.

Hilfsorganisationen kämpfen mit Geldmangel

Nach Angaben von Malteser International wurden bereits Tausende Menschen aus Gaza evakuiert, die medizinische Versorgung außerhalb des Gebiets brauchen. Gleichzeitig warteten noch viele weitere auf eine Ausreise zur Behandlung. Die Einsätze in Kairo seien zunächst als zweiwöchiges Pilotprojekt angelegt gewesen, sagt Einsatzleiter Edo Lihic.

Ob solche Programme fortgesetzt werden können, hängt demnach von zusätzlichen Spenden ab. Das gilt auch für mögliche Rehabilitationsmaßnahmen für Ahmed. Vorerst soll in Ägypten vor allem die Infektion seiner Kopfverletzung weiter behandelt werden. Hintergrund sind Kürzungen bei der humanitären Hilfe durch die deutsche und die US-amerikanische Regierung.

Oliver Mohr und seine Kollegen haben sich für den Einsatz ehrenamtlich freigenommen. Der 61-Jährige kritisiert, dass der Westen insgesamt nicht genug gegen die Krise unternehme und auch Deutschland mehr tun könne.

Ein Tänzer im Rollstuhl

Im Krankenzimmer zeigt Ahmeds Vater Aufnahmen aus früheren Tagen. Darauf ist zu sehen, wie sein Sohn noch auf Bühnen im Gazastreifen tanzte. Wenn Ahmed den Ton der Videos hört, lächelt er. Besonders palästinensische Volkstänze seien seine große Leidenschaft gewesen. Heute sitzt er im Rollstuhl und kann kaum sprechen.

Sein Vater versucht dennoch, am Krankenbett Zuversicht auszustrahlen. Doch sobald er sich abwendet, ist seine Verzweiflung spürbar. Seine Frau und die fünf weiteren Kinder leben weiterhin im Gazastreifen in einem Zelt, während der Winter näher rückt.

Der Vater hofft, dass der Krieg vorbei und Frieden eingekehrt ist, wenn sie nach Gaza zurückkehren können. Vor dem Krieg betrieb er im Zentrum von Rafah im Süden des Küstenstreifens ein Café und ein Geschäft für Süßwaren. Heute, sagt er, sei davon nichts mehr übrig.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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