Israel

Israel-Wahl: Shani stellt brisante Forderung

Kurz vor Israels Wahl rechnet Lahav Shani ab: Seine scharfe Kritik an der Regierung und dem Boykott arabischer Parteien überrascht.

22.10.2026, 13:46 Uhr

Der Chefdirigent der Münchner Philharmoniker, Lahav Shani, hat sich vor der Wahl in Israel mit einem ungewöhnlich persönlichen Appell an die Öffentlichkeit gewandt. In seinem Statement fordert der Musiker politische Verantwortung für das Versagen rund um das Hamas-Massaker vom 7. Oktober und plädiert zugleich für die volle politische Gleichstellung arabischer Staatsbürger. Der Text erschien auch in hebräischer Sprache in der Zeitung „Haaretz“.

Kritik am Ausschluss arabischer Parteien

Shani betont, wer das Land regieren wolle, müsse die Interessen aller Bürgerinnen und Bürger vertreten. Dazu gehöre ausdrücklich, arabische Israelis als vollkommen gleichberechtigten Teil der Gesellschaft anzuerkennen. Den pauschalen Ausschluss arabischer Parteien bezeichnet er als beschämend und von Rassismus geprägt.

Arabische Staatsbürger machen etwa 20 Prozent der rund zehn Millionen Einwohner Israels aus. Vor der Parlamentswahl am Dienstag deuteten Umfragen auf ein knappes Rennen zwischen dem Lager von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und dessen Gegnern hin. Damit könnten arabische Parteien eine entscheidende Rolle bei der Mehrheitsbildung spielen. Netanjahu und seine Verbündeten haben ihre Einbindung in Regierungsbündnisse jedoch mehrfach infrage gestellt. Auch Teile der jüdischen Opposition lehnen eine Zusammenarbeit ab.

Als Gründe für diese Ablehnung werden unter anderem Sicherheitsbedenken genannt. Kritiker werfen einzelnen arabischen Abgeordneten vor, sich nicht deutlich genug von palästinensischen Gruppierungen zu distanzieren. Zudem stößt bei manchen arabischen Parteien die Definition Israels als jüdischer Staat auf Ablehnung, weil sie darin eine Benachteiligung der arabischen Minderheit sehen.

Mehr Mitgefühl auf beiden Seiten gefordert

Darüber hinaus wirbt Shani für mehr Empathie gegenüber allen Menschen, die unter dem Konflikt leiden — sowohl auf israelischer als auch auf palästinensischer Seite. Ohne gegenseitiges Mitgefühl, so seine Überzeugung, werde es keine politische Lösung geben.

Mit Blick auf die politischen und geheimdienstlichen Versäumnisse vor dem 7. Oktober erklärt Shani, es sei nicht hinnehmbar, wenn sich Machthaber der öffentlichen Verantwortung entziehen wollten. Ebenso verlangt er eine klare Verurteilung der zunehmenden Siedlergewalt im Westjordanland sowie entschlossenes Handeln dagegen.

Am 7. Oktober 2023 hatten Hamas-Terroristen in Israel rund 1.200 Menschen getötet und mehr als 250 Geiseln in den Gazastreifen verschleppt. Der Angriff löste den Gaza-Krieg aus. Nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde wurden seither im Gazastreifen mehr als 74.000 Palästinenser getötet. Die humanitäre Lage dort bleibt äußerst angespannt.

Auch Kritik an israelischen Politikern

Shani verurteilt zudem Äußerungen israelischer Politiker, die sogar einen Atombombeneinsatz gegen den Gazastreifen ins Spiel gebracht hätten. Solche Aussagen erschwerten es selbst engen Freunden Israels im Ausland, das Land zu verteidigen.

Wachsende Spannungen treffen auch Kulturschaffende

Nach Einschätzung des Dirigenten nimmt der internationale Druck auf Israel stetig zu — und das bekomme auch die israelische Kulturszene zu spüren. Als Beispiel nennt er einen Vorfall bei einem Auftritt des Israel Philharmonic Orchestra in Paris vor etwa einem Jahr: Damals hätten Störer im Saal Feuer gelegt und Gegenstände auf ihn und das Orchester geworfen.

Shani macht deutlich, dass Meinungsäußerung legitim sei. Einschüchterung und Gewalt hingegen überschritten jede Grenze.

Lahav Shani ist Musikdirektor des Israel Philharmonic Orchestra und zugleich Chefdirigent der Münchner Philharmoniker.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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