Politik

EU-Deal: Diese Medikamente sollen jetzt aus Europa kommen

EU will Medikamenten-Engpässe stoppen: Neue Brüsseler Regeln sollen Hilfen für die Arznei-Produktion erleichtern.

12.05.2026, 06:22 Uhr

Wer für ein Kind Fiebersaft, ein Schmerzmittel oder ein bestimmtes Krebsmedikament braucht, bekommt in der Apotheke mitunter die ernüchternde Antwort: Das Präparat ist gerade nicht verfügbar. Häufig gibt es zwar Ersatz, doch dieser ist nicht immer die bevorzugte Therapie. Um solche Engpässe bei wichtigen Arzneimitteln seltener werden zu lassen, setzt die Europäische Union auf neue Regeln.

Unterhändler des Europaparlaments und der Mitgliedstaaten haben sich in der Nacht auf Dienstag auf Vorgaben verständigt, mit denen kritische Medikamente stärker in der EU hergestellt werden sollen. Europa soll dadurch unabhängiger von einzelnen Lieferanten und von Produktionsstandorten außerhalb des Kontinents werden.

Auch in Deutschland kommt es immer wieder zu Lieferproblemen, etwa bei Schmerzmitteln, Antibiotika oder Diabetesmedikamenten. Im Januar stellte das Bundesgesundheitsministerium für bestimmte Antibiotika sogar einen Versorgungsmangel fest. In solchen Fällen können Behörden befristet erleichtern, auf importierte Arzneimittel auszuweichen.

Schon 2022 waren Paracetamol-Fiebersäfte für Kinder knapp. Danach wurden unter anderem Preisregeln für Kinderarzneien gelockert und größere Vorräte vorgeschrieben. Nach einer im Dezember veröffentlichten Auswertung des Pharmaverbands Pro Generika ging die Zahl der Engpässe bei Kinderarzneien danach zurück.

Stärkere Produktion in Europa geplant

Ein Grundproblem bleibt die Abhängigkeit von Asien: Viele Wirkstoffe für den europäischen Markt werden vor allem in China und Indien produziert, wo die Herstellung oft günstiger ist. Kommt es dort zu Fertigungsproblemen, Verunreinigungen oder Transportstörungen, kann sich das direkt auf die Versorgung in Europa auswirken. Schon in der Corona-Pandemie wurden diese Schwächen der Lieferketten deutlich sichtbar. Nach Angaben der EU-Kommission arbeiten rund 800.000 Menschen im Arzneimittelsektor der EU.

Ein Kernpunkt der Einigung betrifft öffentliche Aufträge. Bei wichtigen Arzneimitteln, bei denen eine starke Abhängigkeit von einem oder wenigen Ländern besteht, sollen künftig grundsätzlich in Europa hergestellte Medikamente bevorzugt werden. Damit will die EU Anreize für stabilere und sicherere Lieferketten schaffen.

Nach Angaben des Europaparlaments sind dafür mehrere Instrumente vorgesehen. So können Lieferanten etwa danach vergütet werden, zu welchem Anteil Arzneimittel und deren pharmazeutische Wirkstoffe in der EU hergestellt werden.

Gemeinsame Beschaffung wichtiger Medikamente

Zudem sollen sogenannte strategische Projekte schneller genehmigt werden und leichter Zugang zu Fördermitteln erhalten. Mehrere Mitgliedstaaten sollen sich außerdem zusammenschließen können, um wichtige Arzneimittel gemeinsam zu beschaffen. Das betrifft unter anderem Medikamente gegen seltene Erkrankungen, bei denen der Markt aus Sicht der EU-Kommission häufig nicht ausreichend funktioniert.

Als kritische Arzneimittel gelten laut Kommission Medikamente, für die es nur wenige oder gar keine Alternativen gibt und bei denen Versorgungsengpässe Patientinnen und Patienten ernsthaft schaden könnten. Auf der EU-Liste stehen unter anderem Antibiotika, Antithrombotika, Krebstherapien und Herz-Kreislauf-Mittel.

Eine verpflichtende Umverteilung solcher Arzneimittel zwischen den Mitgliedstaaten wird entgegen zwischenzeitlichen Überlegungen nicht eingeführt. Möglich bleiben freiwillige Umverteilungen. Zudem wollen die Länder Informationen über Notfallbestände austauschen. Nach Angaben des Europaparlaments gibt es bislang deutliche Unterschiede bei der Verfügbarkeit einzelner Medikamente in den Mitgliedstaaten.

Bevor die neuen Regeln in Kraft treten können, müssen sie noch formell vom Europaparlament und den EU-Staaten bestätigt werden. Nach einer vorläufige Einigung der Unterhändler gilt dieser Schritt üblicherweise als Formsache.

Ersatz zu beschaffen kostet viel Zeit

Der CDU-Gesundheitspolitiker Peter Liese bezeichnete die Einigung als extrem wichtigen Schritt zur Lösung eines sehr großen Problems. Viele Patientinnen und Patienten litten darunter, dass ihre vorgesehenen Medikamente nicht lieferbar seien. Medizinisches Personal verbringe unzählige Stunden damit, Ersatz zu beschaffen.

Auch Apotheken verweisen auf die Belastung. Nach Angaben der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände liegt der Zeitaufwand für das Management von Lieferengpässen in Deutschland im Schnitt bei mehr als 20 Stunden pro Woche und Apotheke.

Der gesundheitspolitische Sprecher der Europa-SPD, Tiemo Wölken, begrüßte unter anderem, dass die EU Risiken künftig früher erkennen und koordinierter gegen drohende Engpässe vorgehen könne.

Der zyprische Gesundheitsminister Neophytos Charalambides erklärte, Patientinnen und Patienten in Europa sollten sich keine Sorgen machen müssen, ob wichtige Arzneimittel in ihrer Apotheke oder im Krankenhaus verfügbar seien. Zypern hat derzeit die rotierende EU-Ratspräsidentschaft und organisierte zentrale Beratungen zu dem Thema.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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