Linke liegt bei der Berlin-Wahl vorn
Gut zwei Wochen nach dem deutlichen AfD-Erfolg in Sachsen-Anhalt zeichnet sich nun auch in Berlin eine besondere politische Konstellation ab: Nach den Hochrechnungen von ARD und ZDF liegt die Linke überraschend klar vor der CDU. Damit hätte sie erstmals die Chance, mit Spitzenkandidatin Elif Eralp ins Rote Rathaus einzuziehen und die Regierende Bürgermeisterin zu stellen.
"Wir haben Geschichte geschrieben", rief Eralp ihren jubelnden Anhängern am Wahlabend zu. Bei der Wahlparty der Linken wurde mit Konfetti gefeiert. Eralp sagte dort auch: "Ab heute verändern wir gemeinsam unser Berlin und machen daraus einen besseren Ort."
CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers war mit dem erklärten Ziel angetreten, genau das zu verhindern und das Rote Rathaus für die Union zu verteidigen. Rechnerisch wäre auch weiterhin ein Bündnis aus CDU, Grünen und SPD möglich. Politisch bekam diese Option am Abend jedoch einen Dämpfer: Die Grünen kündigten an, ein rot-grün-rotes Bündnis anzustreben. Der bisherige schwarz-rote Senat sei abgewählt, hieß es aus der Partei. Ein solches Bündnis hatte Berlin bereits von 2016 bis 2023 erlebt – damals allerdings unter Führung der SPD.
Linke verdoppelt ihr Ergebnis, CDU verliert deutlich
Den Hochrechnungen zufolge kommt die Linke auf rund 25 Prozent und würde ihr Ergebnis von 2023 damit etwa verdoppeln. Die CDU, die seit ihrem Wahlsieg 2023 gemeinsam mit der SPD regiert, liegt bei etwa 20 Prozent und verliert damit rund acht Prozentpunkte.
Um Rang drei kämpfen die Grünen mit etwa 15 Prozent und die AfD, die auf 14 bis 16 Prozent kommt. Damit bleibt sie zwar stark, dürfte aber schwächer abschneiden, als es manche Umfragen zuletzt erwarten ließen. Als Koalitionspartner kommt sie für die übrigen Parteien nicht infrage.
Die SPD fällt auf 12 Prozent zurück. Das wäre nicht nur ihr schlechtestes Ergebnis in Berlin seit der Wiedervereinigung, sondern überhaupt ein historischer Tiefstand in der Hauptstadt. Das Bündnis Sahra Wagenknecht könnte mit etwa 5 Prozent den Sprung ins Abgeordnetenhaus schaffen, sicher war das am frühen Abend aber noch nicht.
Wohnen und Mieten als zentrales Wahlkampfthema
Im Mittelpunkt des Wahlkampfs der Linken standen der angespannte Wohnungsmarkt und die hohen Mieten. Eralp kündigte an, den Volksentscheid von 2021 zur Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen gegen Entschädigung nun ohne Abstriche umzusetzen.
Nach Vorstellung der Linken könnte Berlin so rund 220.000 zusätzliche kommunale Wohnungen erhalten und damit mehr Einfluss auf den Mietmarkt gewinnen. Eralp stellte zudem einen Mietendeckel für kommunale Wohnungen sowie ein schärferes Vorgehen gegen illegale Mieterhöhungen in Aussicht.
Stefan Evers wies diesen Kurs scharf zurück. Er sprach von Populismus und warnte vor aus seiner Sicht unbezahlbaren Entschädigungskosten in zweistelliger Milliardenhöhe. Stattdessen müsse vor allem mehr gebaut werden. Zugleich griff er die Linke politisch frontal an, nannte sie "durch und durch radikal" und warf ihr vor, nicht entschieden genug gegen Antisemitismus in den eigenen Reihen vorzugehen. Eine solche Partei dürfe Berlin nicht regieren, so seine Linie.
Polarisierung könnte Grüne und SPD geschwächt haben
Die starke Zuspitzung zwischen Linken und CDU dürfte nach Einschätzung vieler Beobachter zulasten von Grünen und SPD gegangen sein. Die Grünen schneiden nach den Hochrechnungen einige Punkte schwächer ab als 2023, als sie 18,4 Prozent erreicht hatten. Spitzenkandidat Werner Graf setzte eher auf einen sachlichen und ruhigeren Wahlkampf.
Die SPD wiederum konnte sich offenbar nicht vom negativen Bundestrend infolge der Reformagenda der schwarz-roten Bundesregierung absetzen. Spitzenkandidat Steffen Krach sprach am Wahlabend selbst von einem "katastrophalen" Ergebnis.
Schwierige Gespräche über eine neue Regierung
Trotz ihrer Verluste kommt Grünen und SPD nun die Schlüsselrolle zu. Beide Parteien können rechnerisch entweder mit der Linken oder mit der CDU regieren und werden damit zu den entscheidenden Kräften bei der Regierungsbildung.
Eralp wäre im Fall einer Einigung nicht nur die erste Regierungschefin der Linken in Berlin. Sie wäre nach Bodo Ramelow in Thüringen auch erst die zweite linke Regierungschefin beziehungsweise der zweite linke Regierungschef eines Bundeslandes überhaupt – und zudem die erste Berliner Regierungschefin mit Migrationshintergrund. Sie hat türkische Wurzeln.
Ob nun tatsächlich über Rot-Grün-Rot verhandelt wird, hängt nach dem positiven Signal der Grünen vor allem von der SPD ab. In der Frage der Vergesellschaftung liegen Grüne und Linke grundsätzlich näher beieinander. Krach hatte allerdings schon vor der Wahl mehrfach klargemacht, dass es mit ihm keine Enteignung großer Wohnungsunternehmen geben werde. Das könnte Gespräche mit der Linken erheblich erschweren.
Davon könnte am Ende doch noch die CDU profitieren – auch wenn die Grünen sich zunächst auf ein linkes Bündnis festgelegt haben. Bei der SPD wiederum hängt vieles davon ab, wie die Partei ihre Niederlage bewertet, ob Krach als Parteichef im Amt bleibt und welche personellen oder politischen Konsequenzen sie aus dem Debakel zieht.
Zusätzlicher Druck auf die SPD
Für Steffen Krach ist das Ergebnis besonders bitter. Er war seit 2021 Regionspräsident in Hannover und wechselte 2025 nach Berlin, um dort als Spitzenkandidat der SPD anzutreten. Die Hoffnungen, die mit seiner Kandidatur verbunden waren, konnte er nicht erfüllen.
Hinzu kam Gegenwind aus seiner früheren Tätigkeit: Während der heißen Phase des Wahlkampfs wurde bekannt, dass die Staatsanwaltschaft Hannover in einem Zusammenhang mit seiner Zeit als Regionspräsident ermittelt. Krach wies alle Vorwürfe zurück.
Auch die CDU hatte Turbulenzen im Wahlkampf
Probleme gab es allerdings auch bei der Berliner CDU. Im Juli zog sich der bisherige Regierungschef und Parteivorsitzende Kai Wegner von der Spitzenkandidatur zurück. Auslöser waren anhaltende Debatten über fehlerhafte Angaben zu seinem Krisenmanagement während eines Stromausfalls im Januar. Auch ein Tennistermin in dieser Zeit hatte Kritik ausgelöst.
Kurzfristig übernahm daraufhin Finanzsenator Stefan Evers die Spitzenkandidatur. Trotz des Rückstands auf die Linke bemühte er sich am Wahlabend um Zuversicht und sagte, seine Partei habe "für die Ausgangslage ein ganz ordentliches Ergebnis erzielt". Nun wird sich zeigen, ob ihm dennoch der Weg in eine neue Regierungskoalition gelingt.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber