Politik

AfD vorn, Linke jubeln: Was der CDU-Abend verdeckt

Doppelte Wahl-Schlappe für den Kanzler? Warum zwei unerwartete Sieger jetzt plötzlich die Politik in Berlin verändern könnten.

20.09.2026, 19:14 Uhr

Als um 18 Uhr die Wahllokale schließen, richtet sich der Blick vieler zunächst auf die CDU und auf die ersten Reaktionen von Kanzler Friedrich Merz. Doch jenseits der Union erzählen die Wahlergebnisse an diesem Abend noch andere wichtige Geschichten.

AfD setzt ihren Erfolgskurs fort

Für die AfD verläuft dieser Wahlsonntag erneut erfolgreich. In Berlin legt die Partei nach ersten Hochrechnungen deutlich zu und verbessert sich gegenüber der Wiederholungswahl 2023 um mehrere Punkte. Noch größer ist der Jubel allerdings in Mecklenburg-Vorpommern: Dort hat sie ihr Ergebnis mehr als verdoppelt.

Damit wird die AfD nach Thüringen und Sachsen-Anhalt nun auch in einem dritten Bundesland stärkste Kraft. Auch wenn eine Regierungsbeteiligung derzeit kaum realistisch erscheint, bedeutet das für die Partei den nächsten politischen Schub. Co-Parteichef Tino Chrupalla sprach im ARD-Fernsehen von einem „sensationellen Ergebnis“.

Eine zentrale Rolle spielt für die AfD dabei auch das Abschneiden der CDU. Aus Sicht der Partei gilt: Je schwächer die Union, desto besser für die eigenen langfristigen Ambitionen. In Mecklenburg-Vorpommern kommt die CDU ersten Zahlen zufolge nur knapp über fünf Prozent, in Berlin verliert sie deutlich und könnte sogar das Amt des Regierenden Bürgermeisters einbüßen.

AfD-Chefin Alice Weidel zeigte sich besonders mit Blick auf Mecklenburg-Vorpommern zufrieden. Dass die CDU dort an der Fünf-Prozent-Hürde kratze, sei aus ihrer Sicht ein schwerer Schlag für Friedrich Merz. Schon nach dem starken AfD-Ergebnis in Sachsen-Anhalt hatte Weidel erklärt, die Union werde künftig keine Bundestagswahl mehr gewinnen. Bei der Bundestagswahl im Februar des Vorjahres hatte die AfD ihr Ergebnis bereits von 10,4 auf 20,8 Prozent verdoppelt; in Umfragen liegt sie inzwischen teils bei 29 Prozent, während die Union nur noch auf etwa 20 Prozent kommt.

Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern - Wahlparty AfD
AfD-Co-Chef Tino Chruppalla (links) spricht von einem «sensationellen Ergebnis» für seine Partei und feiert mit Mecklenburg-Vorpommerns AfD-Wahlsieger Leif-Erik Holm. Quelle: Jens Büttner/dpa

Die Linke feiert historischen Erfolg in Berlin

In Berlin deutet sich ein außergewöhnlicher Wahlsieg der Linken an. Für die Partei wäre es das erste Mal, dass sie die Hauptstadt gewinnt. Spitzenkandidatin Elif Eralp sprach auf der Wahlfeier von einem Signal des sozialen Zusammenhalts: Berlin werde nun gemeinsam verändert und gerechter gemacht.

Noch Ende 2024 lag die Linke in Berliner Umfragen lediglich bei sechs bis sieben Prozent, bundesweit sogar nur bei zwei bis drei Prozent. Nun landet sie nach ersten Zahlen bei rund 25 Prozent und hat damit gute Chancen, mit Eralp erstmals die Regierende Bürgermeisterin zu stellen.

Ein solcher Erfolg dürfte auch das Gewicht der Partei auf Bundesebene erhöhen. Das könnte sich nicht nur in anderen Ländern, sondern womöglich auch im Bundesrat bemerkbar machen. Für kommende Landtagswahlen, etwa 2027 in Bremen oder Nordrhein-Westfalen, könnte das zusätzlichen Rückenwind geben.

Der Düsseldorfer Politikwissenschaftler Stefan Marschall sieht in dem Berliner Ergebnis auch ein Zeichen für die grundlegende Erneuerung der Linken seit der Trennung von Sahra Wagenknecht im Jahr 2024. Die Partei sei urbaner, jünger, weiblicher und akademischer geworden, außerdem in Teilen stärker im Westen verankert. Besonders das Thema hohe Mieten habe ihr in Berlin geholfen, weil es genau das städtische Milieu anspreche.

Gleichzeitig warnt Marschall vor möglichen Risiken eines Regierungseintritts. Ausgerechnet beim zentralen Wahlversprechen, große Wohnungskonzerne zu vergesellschaften, könnte die Linke in Verhandlungen mit SPD und Grünen schmerzhafte Zugeständnisse machen müssen. Gerade unter neuen und sehr engagierten Mitgliedern könnte das später für Enttäuschung sorgen.

Schwesig holt auf, verpasst den Sieg aber wohl knapp

In Mecklenburg-Vorpommern hat Ministerpräsidentin Manuela Schwesig einen bemerkenswerten Endspurt hingelegt. Noch vor einem Jahr lag die SPD-Politikerin in Umfragen beinahe 20 Prozentpunkte hinter der AfD. Nun ist der Abstand nach ersten Zahlen auf weniger als zwei Punkte zusammengeschmolzen.

Für den Wahlsieg reicht es demnach dennoch knapp nicht. Schwesig, die im Wahlkampf als „Frau gegen Blau“ auftrat und damit offenbar auch Wähler anderer Parteien mobilisieren konnte, dürfte aber wohl trotzdem Regierungschefin bleiben können – etwa in einem Bündnis mit Linken und Grünen.

Auch ohne eigenen Wahlsieg dürfte ihr Einfluss in der Bundes-SPD wachsen. Für die Parteivorsitzenden Bärbel Bas und Lars Klingbeil ist Schwesig seit längerem eine unbequeme Stimme, weil sie sich immer wieder gegen Entscheidungen der Berliner Koalition stellt. Zuletzt kritisierte sie die umstrittene Abschaffung der Rente mit 63.

Bas und Klingbeil stehen wegen der schwachen Umfragewerte ihrer Partei unter Druck. Dass Schwesig nun nach der Parteiführung greift, gilt zwar als unwahrscheinlich. Sie hat zuletzt selbst betont, auch als Ministerpräsidentin genügend Einfluss auf die Bundespolitik zu haben. Doch ihre Haltung zeigt klar, dass sie sich nicht einfach an Vorgaben aus Berlin orientieren will, sondern daran, was sie für richtig hält.

Damit könnte Schwesig in den kommenden Jahren zu einer Art inoffizieller Gegenstimme innerhalb der SPD werden, die ihre Partei vor sich hertreibt und die Politik der Bundesregierung indirekt mitprägt. Perspektivisch könnte sie sogar für eine Kanzlerkandidatur 2029 ins Gespräch kommen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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