Allgemein

TikTok und Co.: Droht Kindern jetzt das Social-Media-Aus?

Kommt jetzt der Social-Media-Hammer für Kinder? Experten liefern ihre Empfehlungen – die Regierung steht unter Druck.

24.06.2026, 05:00 Uhr

Debatte um Social-Media-Regeln für Minderjährige: Kommt ein Verbot auch in Deutschland?

Australien hat bereits Fakten geschaffen, in Großbritannien und Frankreich liegen konkrete Vorhaben auf dem Tisch. Nun stellt sich auch in Deutschland die Frage, ob Kinder und Jugendliche künftig stärker vom Zugang zu sozialen Netzwerken eingeschränkt werden sollen. An diesem Tag legt die Expertenkommission „Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt“ ihre Empfehlungen an Familienministerin Karin Prien (CDU) vor. Ob und in welchem Umfang daraus politische Maßnahmen werden, ist allerdings offen. In der schwarz-roten Koalition gibt es bislang keine einheitliche Linie.

Warum überhaupt über Altersgrenzen gesprochen wird

Hintergrund der Debatte sind Sorgen um die Gesundheit und Entwicklung junger Menschen. Kritiker verweisen auf Risiken durch problematische Inhalte wie Pornografie, Hassbotschaften oder extremistische Beiträge. Hinzu kommen Gefahren wie Cybermobbing, zweifelhafte psychologische Ratschläge im Netz oder sogenanntes Cybergrooming. Besonders häufig wird außerdem die ausufernde Nutzung von Plattformen wie TikTok, Instagram, Snapchat oder YouTube kritisiert.

Die Expertenkommission hatte diese Risiken bereits in einem Zwischenbericht benannt. Demnach gehen rund eine Million Jugendliche problematisch mit digitalen Medien um, etwa 300.000 sollen bereits ein suchtähnliches Verhalten zeigen.

Auch viele junge Menschen selbst nehmen negative Folgen wahr, wenn auch seltener als Erwachsene. In einer Umfrage im Auftrag der EU-Kommission berichteten 18 Prozent der befragten 13- bis 18-Jährigen von negativen Auswirkungen sozialer Netzwerke. Unter Eltern lag dieser Anteil mit 36 Prozent deutlich höher. Fast die Hälfte der Jugendlichen sah zugleich auch positive Seiten der Plattformen.

Was von der Expertenkommission erwartet wird

Schon im Zwischenbericht machte die Kommission deutlich, dass ein pauschales Social-Media-Verbot aus ihrer Sicht keine einfache Lösung ist. Vorsitzender Olaf Köller warnte davor, die Diskussion allein auf Altersgrenzen zu verengen. Das Smartphone sei heute längst mehr als nur ein Freizeitgerät: Es diene als Zugang zu Kommunikation, Unterhaltung, Information, sozialer Teilhabe und zunehmend auch zu KI-Anwendungen.

Zudem gelten soziale Netzwerke für viele junge Menschen als wichtige digitale Räume, etwa auch für queere Jugendliche. Nach Ansicht der Kommission können digitale Medien bei der Identitätsfindung eine Rolle spielen. Entsprechend gehe es darum, Schutz und Teilhabe miteinander zu verbinden. Welche konkreten Vorschläge nun im Abschlussbericht stehen, wird erst im Laufe des Tages bekannt.

Welche Position Familienministerin Prien vertritt

Karin Prien hat sich vorab nicht eindeutig festgelegt, aber signalisiert, dass sie sich Altersgrenzen grundsätzlich vorstellen kann. Ein konkretes Mindestalter nannte sie bisher nicht. Entscheidend sei aus ihrer Sicht, die Plattformen selbst stärker in die Verantwortung zu nehmen und den Jugendschutz wirksam durchzusetzen. Dafür brauche es gesetzliche Regeln, möglichst auf europäischer Ebene.

Gleichzeitig setzt die Ministerin auf einen umfassenderen Ansatz. Neben den Jugendlichen selbst sollen auch Eltern, Schulen, Lehrkräfte und Ärzte einbezogen werden. Mit zunehmendem Alter müsse es stärker darum gehen, Kinder und Jugendliche dazu zu befähigen, sich eigenständig im digitalen Raum zu schützen.

Wie CDU, CSU und SPD das Thema sehen

Innerhalb der Bundesregierung gibt es unterschiedliche Akzente.

Die CDU fordert nach einem Parteitagsbeschluss eine gesetzliche Altersgrenze von 14 Jahren für soziale Netzwerke. Darüber hinaus soll es bis zum 16. Lebensjahr einen besonders ausgeprägten Schutz im digitalen Raum geben.

Auch die SPD geht in eine ähnliche Richtung. In einem Impulspapier sprach sie sich für ein Verbot sozialer Netzwerke für Kinder unter 14 Jahren aus. Zusätzlich fordert sie eine verpflichtende Alterskontrolle und eine spezielle Jugendversion der Plattformen für Nutzer bis 16 Jahre. Für die Altersprüfung könnte nach Vorstellung der SPD die EUDI-Wallet zum Einsatz kommen, eine digitale Brieftasche auf dem Smartphone, die Anfang Januar starten soll.

Zurückhaltender zeigt sich die CSU. Parteichef Markus Söder bezweifelte unter anderem den Nutzen des australischen Modells. CSU-Politikerin Anja Weisgerber brachte in dieser Woche stattdessen ein Konzept mit variablen Altersgrenzen ins Gespräch, also unterschiedliche Vorgaben je nach Plattform.

Erfahrungen aus Australien

Australien war weltweit das erste Land, das Ende 2025 ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige eingeführt hat. Nach etwa einem halben Jahr fällt die Bilanz unterschiedlich aus.

Viele Eltern berichten von einem entspannteren Alltag. Eine Mutter aus Melbourne sagte australischen Medien kürzlich, ihre beiden Kinder im Alter von 12 und 14 Jahren verbrächten inzwischen weniger Zeit in sozialen Netzwerken. Ihr Urteil: Das Gesetz funktioniere nicht perfekt, sei aber dennoch sinnvoll.

Jugendliche schildern dagegen, dass sich sowohl das Verbot als auch die Alterskontrollen leicht umgehen ließen, etwa durch das Anlegen neuer Accounts. Auch Behörden räumen ein, dass die Durchsetzung schwierig bleibt und Plattformen Minderjährige nicht lückenlos ausschließen können.

Entwicklung in Europa

Auch in Europa wächst der politische Druck.

Großbritannien plant, ab Anfang 2027 bestimmten Social-Media-Diensten für alle unter 16 Jahren den Zugang zu verbieten. Betroffen wären unter anderem Snapchat, TikTok, YouTube, Instagram, Facebook und X. Messenger wie WhatsApp oder Signal sollen davon ausgenommen bleiben.

Griechenland will Kinder unter 15 Jahren ab 2027 vollständig von sozialen Netzwerken fernhalten. Auch Frankreich, Spanien, Dänemark, Tschechien und Österreich prüfen ähnliche Modelle oder arbeiten an eigenen Konzepten.

Auf Ebene der EU gibt es bislang kein geplantes generelles Verbot. Zwar sprach sich das Europäische Parlament für ein Mindestalter von 16 Jahren aus, wobei Jugendliche ab 13 Jahren soziale Netzwerke unter Aufsicht der Eltern nutzen könnten. Diese Position ist jedoch nicht verbindlich. Die EU-Kommission erwartet am 13. Juli Empfehlungen einer eigenen Expertengruppe.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen