Prozess nach tödlicher Attacke auf Zugbegleiter in Zweibrücken: Angeklagter bittet um Verzeihung – Vater berichtet von Herzinfarkt
Rund fünf Monate nach der tödlichen Gewalttat gegen den Zugbegleiter Serkan Çalar hat vor dem Landgericht Zweibrücken der Prozess gegen den mutmaßlichen Angreifer begonnen. Dem 26-jährigen Angeklagten wird Körperverletzung mit Todesfolge vorgeworfen.
Die Staatsanwaltschaft hatte den in Luxemburg lebenden Griechen ursprünglich wegen Mordes angeklagt. Das Gericht sieht derzeit jedoch keine ausreichenden Anhaltspunkte für einen Tötungsvorsatz. Sollte sich das im Verlauf des Verfahrens ändern, will die Kammer einen entsprechenden rechtlichen Hinweis erteilen.
Der Fall hatte bundesweit eine Debatte über den besseren Schutz von Bahnbeschäftigten ausgelöst.
Angeklagter lässt Entschuldigung verlesen
Zu Beginn des Verfahrens bat der Angeklagte die Angehörigen des Opfers um Verzeihung. Über seine Verteidigerin ließ Ioanni V. erklären, er wolle sich „aus der Tiefe meines Herzens“ für eine „nicht zu entschuldigende Tat“ und einen „Moment blinder Wut“ entschuldigen.
Ihm sei bewusst, dass seine Worte das Geschehen nicht ungeschehen machen könnten. Zugleich ließ er mitteilen: „Ich übernehme die volle persönliche Verantwortung.“ Auch wenn seine Worte den Schmerz der Familie nicht lindern könnten, wolle er sich nochmals entschuldigen.
Der Anwalt der Familie als Nebenklägerin, Yalçın Tekinoğlu, reagierte darauf jedoch mit deutlicher Skepsis. Aus seiner Sicht sei das keine aufrichtige Entschuldigung gewesen. Die Erklärung sei „komplett ichbezogen“ gewesen. Wirklich hilfreich für die Angehörigen wäre es nach seiner Einschätzung, wenn der Angeklagte sich auch zur Tat selbst äußern und zur Aufklärung beitragen würde. Das habe er bislang verweigert.
Angehörige zeigen Präsenz im Gericht
Zum Prozessauftakt kamen zahlreiche Angehörige des getöteten Bahnmitarbeiters, darunter sein Vater, seine vier Brüder sowie Cousins, Tanten und Onkel. Die Familie aus Ludwigshafen trug schwarze Kleidung und Buttons mit der Aufschrift „Serkan – Einer von uns“. In den Händen hielten einige Leinwände mit Fotos von Serkan Çalar, später auch ein großes Porträt in Richtung des Angeklagten.
Sein Bruder Eray Çalar sagte, es sei sehr wichtig, Serkan ein Gesicht zu geben. Bruder Ismail erklärte, die Familie wolle zeigen, dass Serkan mit ihnen gekommen sei und seine Seele im Saal präsent sei. Zugleich gehe man mit gemischten Gefühlen in den Prozess, auch weil die Angehörigen den mutmaßlichen Täter nun erstmals persönlich sähen.
Als der Angeklagte in Handschellen in den Saal geführt wurde, gab es aus dem Publikum Zwischenrufe wie „Schäm dich“ und „Drecksmörder“. Beobachter beschrieben die Rufe eher als Ausdruck von Schmerz denn von Aggression.
Großer Andrang im Gerichtssaal
Auch Beschäftigte der Bahn verfolgten den Auftakt des Verfahrens. Wegen des großen Andrangs war das Interesse von Öffentlichkeit und Medien erheblich. Nicht alle Zuschauer fanden einen Platz im Saal. Das Publikum saß dabei hinter einer großen Glaswand.
Der Anwalt der Familie als Nebenklägerin, Yalçın Tekinoğlu, kritisierte, dass nur 30 Zuschauerplätze zur Verfügung standen. Angesichts des großen Interesses hätte aus seiner Sicht geprüft werden müssen, ob ein größerer Saal genutzt werden kann. Für die Familie sei es ein großes Anliegen, an dem Verfahren teilzunehmen.
Ein Cousin aus Ludwigshafen sprach von einem schweren Tag. Den Angeklagten zu sehen, sei bedrückend.
Tat in Regionalexpress zwischen Landstuhl und Homburg
Nach Darstellung der Anklage spielte sich die Tat Anfang Februar in einem Regionalexpress ab, der von Landstuhl in der Westpfalz nach Homburg im Saarland unterwegs war. Der 36-jährige Zugbegleiter hatte den Angeklagten aufgefordert, seinen Fahrschein vorzuzeigen. Demnach besaß dieser kein Ticket und weigerte sich zudem, sich auszuweisen.
Als der Mann daraufhin den Zug verlassen sollte, soll er laut Anklage aus Verärgerung gewalttätig geworden sein. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll er dem Zugbegleiter zuvor auch zugerufen haben: „I’m a boxer. I’m a fighter“.
Demnach versetzte er Serkan Çalar mehrere heftige Schläge mit beiden Fäusten. Laut den nun im Prozess gezeigten Aufnahmen trafen die Schläge Kinn, Brust und vor allem den Kopf. Laut dem Anwalt der Familie soll es insgesamt zwölf Schläge gegeben haben. Der Zugbegleiter brach bewusstlos zusammen und starb zwei Tage später im Krankenhaus in Homburg an den Folgen einer Hirnblutung.
Video der Tat im Gericht gezeigt
Nach einer kurzen Pause wurde im Gerichtssaal ein tonloses Video der Tat gezeigt, das von einer Überwachungskamera im Regionalexpress aufgezeichnet worden war. Die Bilder zeigten, wie schnell und hart die Faustschläge geführt wurden und wie Çalar kurz darauf bewusstlos zu Boden sackte.
Als die Aufnahmen liefen, wurde die emotionale Belastung im Saal deutlich spürbar. Zu hören war lautes Schluchzen. Eine Person sprang auf und schrie „Hurensohn“. Mehrere Zuschauer verließen den Raum, andere weinten. Für den weiteren Tagesverlauf war die Vernehmung von Zeugen vorgesehen.
Angeklagter macht Angaben zu seiner Person
Am ersten Prozesstag wurde zunächst die Anklage verlesen. Danach beantwortete der Angeklagte über eine Übersetzung aus dem Griechischen Fragen zu seiner Person.
Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hat der Beschuldigte das objektive Tatgeschehen im Wesentlichen eingeräumt. Einen Tötungsvorsatz bestreite er jedoch. Teilweise habe er sich zudem auf Erinnerungslücken berufen.
Über seine Dolmetscherin ließ der Angeklagte mitteilen, er habe erst zwei Tage nach seiner Festnahme erfahren, dass der Zugbegleiter gestorben sei. Er habe das zunächst nicht glauben können. Nach eigenen Angaben habe er daraufhin 20 Tage lang nichts gegessen und in der Untersuchungshaft auch Suizidgedanken gehabt.
Der 26-Jährige erschien laut Beobachtern in weißem Hemd und dunklem Sakko, mit zum Dutt gebundenen Haaren, und beantwortete die Fragen ruhig und kontrolliert. Er gab an, Business studiert zu haben, zeitweise in England gewesen zu sein und zuletzt in Luxemburg in der Buchhaltung gearbeitet zu haben. Kampfsport oder Boxen habe er nie betrieben, beteuerte er.
Der Nebenklagevertreter widersprach dieser Darstellung deutlich. In dem Video sehe man aus seiner Sicht „Schläge mit Boxerfahrung“. Der Angeklagte habe gewusst, dass solche Schläge tödlich sein könnten.
Vater des Opfers berichtet von Herzinfarkt
Am Mittag sagte der Vater des Getöteten, Erdal Çalar, vor Gericht aus. Als ihn die Nachricht vom Tod seines Sohnes erreicht habe, habe er einen Herzinfarkt erlitten, schilderte er. Ein Kind zu verlieren, sei das Schlimmste.
Serkan Çalar war der älteste von fünf Brüdern und alleinerziehender Vater von zwei Söhnen im Alter von zehn und zwölf Jahren. Nach Angaben seines Vaters habe er die beiden Kinder allein großgezogen. „Was sollen sie schon sagen? Sie haben ihren Vater verloren“, sagte Erdal Çalar.
Besonders schwer wiegt für ihn, dass die Tat an seinem Geburtstag geschah. „Für mich gibt es keinen Geburtstag mehr“, sagte er mit tonloser Stimme.
Familie hofft auf Gerechtigkeit und ein Signal
Die Angehörigen verbinden mit dem Verfahren die Hoffnung auf Gerechtigkeit. Kein Urteil könne Serkan Çalar zurückbringen, doch aus Sicht der Familie soll von dem Prozess auch ein Signal ausgehen, dass Gewalttaten gegen Beschäftigte im öffentlichen Raum nicht hingenommen werden.
Fall löste Debatte über Sicherheit bei der Bahn aus
Der Fall löste bundesweit eine Debatte über Sicherheit im Bahnverkehr aus. Nach Angaben der Bundesregierung wurden 2025 rund 2.690 Angriffe auf Beschäftigte der Deutschen Bahn von der Bundespolizei registriert. Das waren etwa elf Prozent mehr als im Vorjahr.
Die Deutsche Bahn testet inzwischen beim Personal eine Doppelbesetzung: In mehreren Zügen von DB Regio Mitte sind zwei Kundenbetreuer gemeinsam unterwegs. Alternativ fahren eine Sicherheitskraft und ein Kundenbetreuer zusammen. Nach Angaben eines Bahnsprechers hätten Mitarbeitende zurückgemeldet, dass sich kritische Situationen durch das gemeinsame Auftreten besser entschärfen und Eskalationen eher verhindern ließen. Ein weiteres Pilotprojekt mit stichhemmenden Westen soll im Juli starten.
Acht Verhandlungstage geplant
Derzeit sind vor dem Landgericht insgesamt acht Verhandlungstage vorgesehen. Ein Urteil könnte nach der bisherigen Planung am 9. Juli fallen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber