Politik

Brief nach Berlin: So landen Sie direkt bei der Politik

Mieten, Pflege, Nahverkehr: Dieses KI-Tool schreibt Ihren Brief an Politiker – und könnte mehr bewirken, als viele denken.

24.06.2026, 05:00 Uhr

KI-Hilfe für den Draht zur Politik

Ein Entwickler aus Bremen will es Bürgerinnen und Bürgern erleichtern, ihre Anliegen an politische Vertreter heranzutragen. Über das Portal „Brief nach Berlin“ können Nutzer mit Unterstützung von Künstlicher Intelligenz einen Briefentwurf erstellen lassen und zugleich die Kontaktdaten des zuständigen Bundestagsabgeordneten erhalten.

Laut Initiator Thomas Lorenz haben in den ersten Wochen bereits mehr als 800 Menschen aus ganz Deutschland den Dienst genutzt. Besonders bewegt ihn, dass sich manche Nutzer zum ersten Mal überhaupt trauen, einen politischen Brief zu verfassen. Aufmerksamkeit bekam das Projekt unter anderem durch den Podcast „Lage der Nation“ sowie durch Berichte in mehreren Medien.

Idee aus einem Familiengespräch

Der Anstoß für das Projekt kam Lorenz nach einem Gespräch mit seinen Eltern in Duisburg. Seine Mutter habe sich über Müllprobleme und randalierende Menschen in ihrer Umgebung geärgert. Für Lorenz lag die Antwort nahe: Sie solle doch ihrem Abgeordneten schreiben. Doch seine Mutter habe gezweifelt – ob sich überhaupt jemand für ihr Anliegen interessiere, wie man so einen Brief formuliere und wann man dafür Zeit finden solle.

Für den 34-Jährigen war klar: Der Zugang müsse einfacher werden. Kurzerhand entwickelte der Politikwissenschaftler mit Hilfe von KI einen ersten Prototypen. Seine Mutter probierte das Angebot aus, formulierte ein Schreiben an einen Abgeordneten und schickte es schließlich tatsächlich ab.

So funktioniert das Portal

Die kostenlose Seite ist auf Smartphone, Tablet und Computer nutzbar. Nutzer können ihr Anliegen eintippen oder per Sprachnachricht schildern. Nach wenigen Schritten erhalten sie per E-Mail einen Textvorschlag sowie die passenden Kontaktdaten des zuständigen Politikers.

Website brief-nach-berlin.de
Die Seite lässt sich mit dem Handy oder am Rechner öffnen. Quelle: Moritz Frankenberg/dpa

Lorenz empfiehlt, den Entwurf anschließend handschriftlich zu übernehmen und persönlich anzupassen. Aus seiner Sicht fällt ein handgeschriebener Brief im politischen Alltag deutlich stärker auf als standardisierte Zuschriften. Durch seine früheren Praktika bei zwei SPD-Bundestagsabgeordneten weiß er, dass persönliche Briefe oft als besonders ernst gemeintes Engagement wahrgenommen werden.

Datenschutz und Finanzierung

Nach Angaben des Entwicklers ist für die Nutzung kein Benutzerkonto nötig. Persönliche Daten würden nicht gespeichert. Für die Texterstellung setzt Lorenz auf KI-Technologie aus Frankreich. Rückmeldungen erhält er nur, wenn Nutzer freiwillig Feedback geben. So werde sichtbar, welche Themen viele Menschen gerade beschäftigen – derzeit etwa die geplante Gesundheitsreform.

Mit dem Projekt verdient Lorenz kein Geld. Im Gegenteil: Die laufenden Kosten trägt er selbst und investiert viel Freizeit in die Weiterentwicklung. Sein Ziel ist es, Menschen zu ermutigen, sich politisch einzubringen, statt sich machtlos zu fühlen. Einen direkten politischen Erfolg könne das Angebot zwar nicht garantieren, aber es erleichtere den ersten Schritt.

Ausbau geplant

Das Portal soll in den kommenden Wochen weiter verbessert werden. Lorenz arbeitet daran, die von der KI vorgeschlagenen Formulierungen alltagsnäher zu gestalten. Außerdem soll das Eingabefeld für das eigene Anliegen direkt auf der Startseite erscheinen.

Bis Ende Juni soll es zudem möglich sein, nicht nur an Bundestagsabgeordnete, sondern auch an Landesregierungen und Kommunen zu schreiben. Perspektivisch soll die KI sogar dabei helfen, das richtige Anliegen an die passende Stelle zu adressieren. Beim Thema Müll etwa könne ein Schreiben an die Kommune oft sinnvoller sein als an die Bundespolitik.

Blick über Deutschland hinaus

Langfristig hofft Lorenz, dass auch Entwickler in anderen Ländern die Idee aufgreifen. Der Quellcode des Projekts ist öffentlich einsehbar. Allerdings müsse das Angebot an die jeweiligen politischen und sprachlichen Bedingungen angepasst werden. Für europäische Sprachen sei die derzeit genutzte französische KI gut geeignet, in anderen Regionen könnten jedoch andere technische Lösungen besser passen.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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