Wissen

Wal und Meer: Was wir wissen – und was noch fehlt

Der Wal ist frei – doch wo ist er jetzt? Nach der spektakulären Aktion bleibt vor allem eine brisante Frage offen.

03.05.2026, 04:01 Uhr

Buckelwal nach Freilassung weiter verschwunden: GPS-Sender liefert keine Positionsdaten

Der mehrfach an Ostsee-Küsten gestrandete Buckelwal ist am Wochenende im Skagerrak wieder ins Meer gebracht worden. Wo sich das stark geschwächte Tier seitdem aufhält, bleibt jedoch unklar. Nach Angaben von Karin Walter-Mommert, einer Geldgeberin der privaten Rettungsinitiative, sendet der am Wal befestigte GPS-Tracker entgegen der ursprünglichen Planung keine Ortsdaten.

Damit ist weiter offen, ob der Wal noch lebt, ob er schwimmt und in welche Richtung er sich bewegt. Walter-Mommert erklärte zwar, der Sender übermittle zumindest Vitalzeichen, die für ein Weiterleben des Tieres sprächen. Diese Darstellung ließ sich zunächst nicht unabhängig bestätigen. Zudem widersprach Greenpeace: Der Meeresschutzexperte Thilo Maack sagte, ein GPS-Tracker erfasse und übermittle keine Vitaldaten.

Was bislang bekannt ist

  • Der Wal wurde am Samstagmorgen im Skagerrak freigesetzt, rund 70 Kilometer vor Skagen.
  • Zum Transportkonvoi gehörten die beiden großen Schiffe „Fortuna B“ und „Robin Hood“ sowie der Lastkahn, auf dem das Tier transportiert wurde.
  • Beide Schiffe befanden sich am Sonntag nicht mehr im Freisetzungsgebiet.
  • Das öffentliche Interesse an der Aktion war groß; viele Menschen verfolgten den Transport per Livestream und in sozialen Netzwerken.
  • Fachleute und Tierschutzorganisationen halten die langfristigen Überlebenschancen des Wals weiterhin für sehr gering.

Warum der fehlende GPS-Standort so problematisch ist

Eigentlich sollte der Sender nach der Freilassung Aufschluss darüber geben, wo sich der Buckelwal befindet. Genau das passiert bislang nicht. Aus dem Umfeld der Initiative hieß es, es gebe keine Positionsdaten.

Hinzu kommt: Selbst wenn das Tier inzwischen gestorben oder ertrunken sein sollte, müsste der Sender deshalb nicht zwingend einen Standort liefern. Solche Geräte funken ihre Position in der Regel nur dann, wenn sich das Tier an der Wasseroberfläche befindet. Taucht oder sinkt ein Wal ab, bleiben die Positionssignale aus.

Sollte der geschwächte Wal sterben, würde sein Kadaver nach Einschätzung von Fachleuten in tieferem Wasser wahrscheinlich auch nicht wieder auftreiben. Der Wasserdruck kann die bei der Verwesung entstehenden Gase so stark zusammendrücken, dass ein Aufsteigen ausbleibt. Nur wenn das Tier zuvor wieder in Küstennähe gelangt sein sollte, könnte es später angeschwemmt werden.

Streit um das Absetzen des Wals

Viele Fragen richten sich inzwischen nicht nur auf das Schicksal des Tieres, sondern auch auf die Freisetzung selbst. Öffentliche Bilder oder Videos vom entscheidenden Moment liegen weiterhin nicht vor.

Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus erklärte beim Livestream-Anbieter News5, mit der Initiative sei vereinbart gewesen, auf der Barge ein Videosystem zu installieren. So hätten Tierärzte den Wal weiter beobachten können. Nach Backhaus’ Darstellung geschah das aber nicht.

Für zusätzlichen Ärger sorgte ein Statement der Geldgeber Karin Walter-Mommert und Walter Gunz. Beide distanzierten sich ausdrücklich von den Geschehnissen und von der Art der Aussetzung. Nach ihrer Darstellung war die Initiative an der eigentlichen Freilassung nicht beteiligt und habe diese auch nicht aktiv begleitet. Stattdessen hätten Besatzungsmitglieder der gebuchten Schiffe den Wal ins Wasser gebracht.

Abweichende Darstellungen zum Ablauf

Nach Angaben aus dem Team der Initiative war beim Moment der Freisetzung lediglich Jeffrey Foster vom Whale Sanctuary Project auf dem Lastkahn. Foster, der unter anderem an der gescheiterten Auswilderung des Orcas „Keiko“ beteiligt war, erklärte der dpa, seine Teammitglieder seien an diesem Morgen nicht noch einmal auf die Barge gelassen worden.

Dadurch habe der Gesundheitszustand des Wals entgegen der ursprünglichen Planung vor der Freisetzung nicht noch einmal überprüft werden können.

Unklar bleibt damit weiter,

  • wie der rund zwölf Meter lange Buckelwal konkret von Bord ins Meer gebracht wurde,
  • in welchem körperlichen Zustand er sich zu diesem Zeitpunkt befand,
  • und ob er möglicherweise weitere Verletzungen erlitt.

Bereits am Vortag hatten Aufnahmen den Wal mit einem Seil an der Fluke gezeigt. Ob er auf diese Weise tatsächlich aus dem Lastkahn gezogen wurde, ist bislang nicht unabhängig bestätigt.

Der Walforscher und Meeresbiologe Fabian Ritter warnte, ein solches Vorgehen widerspreche jeder fachlichen Praxis. Bei gestrandeten Walen gelte als oberste Regel, sie niemals an der Fluke zu ziehen. Dort drohten wegen der anatomischen Struktur schnell schwere Verletzungen.

Demgegenüber erklärte die Bereederungsgesellschaft des Begleitschiffs „Robin Hood“, die Freisetzung sei erfolgreich und in Abstimmung mit Jeffrey Foster erfolgt. Dabei seien Schiffssicherheit und Tierwohl berücksichtigt worden. Zugleich hieß es, der Wal sei zuvor wegen des Seegangs mehrfach gegen die Wände des Lastkahns gestoßen. Zudem war von vielen riskanten Manövern während des Transports die Rede.

Wal wirkte im Lastkahn stark entkräftet

In der Region herrschte über viele Stunden deutlicher bis starker Wellengang. Auf verfügbaren Drohnenaufnahmen war zu sehen, dass der Wal im Lastkahn stark hin- und hergeschaukelt wurde. Obwohl das Absperrnetz bereits am Freitagnachmittag entfernt worden war, blieb das Tier in der Barge und lag den Bildern zufolge meist in einer Ecke.

Für Fabian Ritter sprach das eher dafür, dass der Wal so entkräftet war, dass er kaum noch zu stärkeren Reaktionen in der Lage war.

Kurz nach der Freisetzung war auf Drohnenbildern von News5 zwar kurz ein schwimmender Wal im Wasser zu erkennen. Ob es sich dabei tatsächlich um das freigelassene Tier handelte, ließ sich jedoch nicht gesichert sagen.

Wie die Erfolgschancen eingeschätzt werden

Greenpeace und andere Organisationen hatten schon vor der Freisetzung betont, dass die langfristigen Überlebenschancen des Wals äußerst gering seien. Greenpeace wies zudem darauf hin, dass das Tier in einer der meistbefahrenen Schiffsrouten Europas ausgesetzt wurde.

Der vier bis sechs Jahre alte Walbulle war Anfang März erstmals in der Ostsee gesichtet worden. In den rund 60 Tagen bis zum Abtransport hielt er sich nach vorliegenden Angaben ungefähr zwei Drittel der Zeit in Flachwasserzonen auf, zuletzt vor der Insel Poel. Am Dienstag war er in den Lastkahn bugsiert worden, der anschließend Richtung Nordsee geschleppt wurde.

Die Walschutzorganisation WDC betonte, von einer echten Rettung könne erst dann gesprochen werden, wenn der Wal wieder den Nordatlantik erreiche und dort langfristig überlebe, sich seine Haut erhole, er wieder selbstständig Nahrung finde, an Gewicht zunehme und normales Verhalten zeige.

Davon ist derzeit nichts belegt. Ohne funktionierende Positionsdaten des Senders könnte das weitere Schicksal des Buckelwals dauerhaft ungeklärt bleiben.

Was weiterhin offen ist

  • Wo sich der Wal nach der Freilassung tatsächlich aufhält.
  • Ob der Wal noch lebt.
  • Warum der GPS-Sender keine Ortsdaten liefert.
  • Ob die Behauptung über übertragene Vitalzeichen überhaupt zutrifft.
  • In welchem Gesundheitszustand sich das Tier beim Absetzen befand.
  • Wie genau die Freisetzung ablief.
  • Ob der Wal bei Transport oder Aussetzung zusätzliche Verletzungen erlitt.
  • Ob jemals von einer erfolgreichen Rettung gesprochen werden kann.

Fest steht bislang nur: Der Wal ist nicht mehr auf dem Lastkahn, sein weiterer Weg bleibt im Dunkeln.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

Zurück zur Startseite →
Kommentare 0
Hinterlassen Sie Ihren Kommentar

TOP Neueste Meldungen