Männer und psychische Gesundheit: Warum viele zu lange schweigen
Nach Trennung und Scheidung versuchte Schauspieler Martin Luding vor allem, für seine Kinder da zu sein. Gleichzeitig war der 55-Jährige mit seinem Soloprogramm „Caveman“ in ganz Deutschland unterwegs. Freunde hätten ihn damals gewarnt, etwas kürzerzutreten, erzählt er.
Nach dem Umzug von Stuttgart nach Bayern habe sich sein Leben weiter verdichtet: An den Wochenenden habe er sich ganz auf die Kinder konzentriert, während die Corona-Lockdowns zusätzlich belasteten. Auch beruflich traf ihn die Pandemie hart, weil die Theater geschlossen blieben. In einer neuen Beziehung bekam er dann immer wieder gespiegelt, er nehme vieles sofort als Vorwurf wahr.
Für Luding war klar, dass sich etwas ändern musste. Allein, sagt er, sei er nicht weitergekommen. Zugleich habe er seine zweite Partnerschaft nicht aufs Spiel setzen wollen. Auch für seine berufliche Entwicklung suchte er Unterstützung. Weil Freunde bereits gute Erfahrungen mit Therapie gemacht hätten, entschied auch er sich für professionelle Hilfe.
Viele Männer zweifeln selbst bei großer Belastung
Nach Beobachtung der Psychologin Katharina Piekorz aus Oberderdingen ist das jedoch eher untypisch. In ihrer Onlinepraxis erlebe sie oft Männer, die stark unter Druck stünden und dennoch zunächst fragten, ob ihre Situation überhaupt „schlimm genug“ für Hilfe sei. Frauen kämen ihrer Erfahrung nach schneller zu dem Punkt, Unterstützung in Anspruch zu nehmen.
Piekorz sieht darin auch ein Ergebnis klassischer Rollenbilder. Es mache einen großen Unterschied, ob Jungen bei Vätern, Großvätern oder anderen männlichen Bezugspersonen erleben, dass Sorgen, Ängste, Stress und Überforderung offen angesprochen werden. Unterstützung zu suchen müsse dabei nicht sofort eine Therapie bedeuten.

Eine Forsa-Umfrage für die hkk Krankenkasse zeigt, wie zurückhaltend viele Männer beim Thema Gefühle bleiben: Nur 57 Prozent sprechen demnach mit Partnerin oder Familie über ihre Sorgen, im Freundeskreis sind es 45 Prozent. Mehr als jeder Dritte versucht demnach, Probleme allein zu lösen.
Tabus rund um Männergesundheit
Das Thema Männergesundheit sei weiterhin von vielen Hemmungen geprägt, sagt Piekorz. Aufklärungskampagnen wie Movember, bei denen der Schnurrbart als Symbol dient, wollen im November darauf aufmerksam machen. Die psychische Gesundheit ist dabei nur ein Teil eines größeren Problems.
Wie relevant das Thema ist, zeigen auch Gesundheitsdaten: Männer sterben im Durchschnitt rund fünf Jahre früher als Frauen. Nach Angaben der Uni Tübingen geschieht das vielfach aus Gründen, die grundsätzlich vermeidbar wären. Dennoch werde darüber noch immer zu wenig gesprochen.
Im Psychreport 2025 der DAK entfielen auf 100 Versicherte bei Frauen 431 Fehltage wegen psychischer Erkrankungen, bei Männern 266. Für Piekorz ist das ein Hinweis darauf, dass Männer es sich seltener zugestehen, sich wegen psychischer Belastungen krankschreiben zu lassen. Bleibt Hilfe über längere Zeit aus, kann sich das Suizidrisiko erhöhen. Männer stellen hier mit knapp 70 Prozent einen besonders hohen Anteil.
Das Bild vom „starken Geschlecht“ wirkt nach
Noch immer gelte in der Gesellschaft das Bild des Mannes als stark, belastbar und gesund, heißt es auch in einer Broschüre des Bundesgesundheitsministeriums. Gleichzeitig nimmt die Zahl psychischer Erkrankungen zu. Als Ursache werden häufig gesellschaftliche Erwartungen und geschlechtsspezifische Zwänge in der Arbeitswelt genannt. Gerade wirtschaftliche und finanzielle Krisen können Männer besonders stark belasten und Burn-out oder Depressionen begünstigen.
Warnzeichen ernst nehmen
Nach Einschätzung von Piekorz können anhaltende Schlafprobleme, exzessiver Sport, hoher Alkoholkonsum oder übermäßiges Sich-Hineinstürzen in die Arbeit Warnsignale sein. Männer neigten in solchen Phasen oft dazu, zu schweigen oder sich zurückzuziehen. Viele übergingen diese Anzeichen lange Zeit.
Die Psychologin vergleicht das mit einer Warnleuchte im Auto: Wenn sie aufleuchtet, fahren die meisten Menschen bald in die Werkstatt. Eigene psychische Warnsignale würden dagegen oft verdrängt, während man weiter funktioniere – bis irgendwann nichts mehr gehe.
Ihre Faustregel: Wenn Belastungssymptome nicht verschwinden, andere Menschen einen darauf ansprechen oder Erholungsphasen wie Urlaub und Wochenende keine Entlastung mehr bringen, sollte professionelle Hilfe gesucht werden.
Therapie als wichtige Erfahrung
Für Luding war der Schritt nach außen notwendig. Er sagt von sich selbst, dass er andere nur ungern mit seinen Problemen belaste. An Freunde oder Familie habe er sich deshalb nicht wenden wollen. Außerdem seien Menschen aus dem eigenen Umfeld selten wirklich unvoreingenommen.
Er habe kein bloßes Verständnis für seine Lage gesucht, sondern Orientierung, wie er aus der Situation herausfinden könne, sagt der Schauspieler. Dafür brauche es jemanden, der nicht persönlich verstrickt sei und auch unangenehme Fragen stelle.
Piekorz betont, psychologische Hilfe anzunehmen sei weder Schwäche noch Niederlage. Es gehe vielmehr um Verantwortung für das eigene Leben und die eigene Gesundheit. Ein solcher Perspektivwechsel könne durchaus Ausdruck von Stärke sein.
Luding beschreibt die rund anderthalb Jahre Therapie als wertvolle und prägende Zeit. Er sei froh, diesen Schritt gegangen zu sein. Besonders hilfreich sei für ihn gewesen zu verstehen, was aus früheren Prägungen komme und was aus eigenen Erfahrungen entstanden sei. Für die Zukunft ist für ihn klar: Wenn er merkt, dass ihm wieder alles über den Kopf wächst, will er erneut das Gespräch suchen.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber