Burger, Döner, Croissants, Fleischspieße oder Matcha Latte: Wer vor einem Restaurant, Café oder Imbiss steht, schaut oft zuerst auf die Speisekarte oder die Menütafel, um sich ein Bild vom Angebot zu machen. Doch bei manchen Gästen wecken die Darstellungen derzeit eher Ärger als Hunger.
Grund dafür ist der zunehmende Einsatz von Künstlicher Intelligenz bei der Gestaltung von Speisekarten und Werbetafeln. Auch zur bevorstehenden Weihnachtsmarktsaison dürften entsprechend erzeugte Bilder von Glühwein, Crêpes und anderen Klassikern häufiger auftauchen. Damit stellt sich die Frage: Macht KI Essen unappetitlicher?
Zwischen Kritik und praktischer Lösung
Auf Plattformen wie Instagram fällt das Urteil vieler Nutzer deutlich aus: KI-generierte Essensbilder wirken für sie künstlich, austauschbar und wenig einladend. Manche empfinden die ungewöhnlichen Strukturen sogar als unangenehm oder ekelerregend, etwa wenn Oberflächen an Waben oder Löcher erinnern.
Andere zeigen jedoch Verständnis für die Betriebe. Gerade kleinere Restaurants könnten sich professionelles Grafikdesign oder regelmäßige Food-Fotografie oft kaum leisten. Für sie sei KI eine günstige Alternative, um Speisekarten optisch aufzuwerten.
Auch der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband Dehoga nennt aus Sicht der Unternehmen mehrere Gründe für den Einsatz solcher Technik: Neben den Kosten spielten auch Zeitersparnis, Verfügbarkeit und Schnelligkeit eine wichtige Rolle. Besonders bei Angeboten wie einer wöchentlich wechselnden Karte sei klassische Fotografie nur schwer umsetzbar. Verlässliche Daten darüber, wie stark KI-Bilder in Deutschlands Gastronomie bereits verbreitet sind, gibt es bislang allerdings nicht.

Ein Beispiel kommt aus Berlin: Ein Lángos-Stand nutzt KI für seine Speisekarte. Ein Mitarbeiter erklärt, das Erstellen gehe damit deutlich schneller und einfacher. Kunden würden das zwar gelegentlich bemerken, aber weder besonders positiv noch negativ darauf reagieren.
Spott um KI-Bilder bei Lieferando
Für mehr Aufsehen sorgten zuletzt KI-generierte Produktfotos auf der Bestellplattform Lieferando. Im Netz wurden mehrere Beispiele geteilt, bei denen Bild und Beschreibung offenbar nicht zusammenpassten. So war etwa ein Chickenburger zu sehen, dessen Brötchen eher wie Reisklöße als wie Brot wirkten.
Das Unternehmen erklärte auf Anfrage, ein Test mit KI-Bildern habe in einigen Fällen nicht wie gewünscht funktioniert. Man entschuldige sich für ungenaue Darstellungen, entferne entsprechende Bilder und habe die Nutzung des Tools zunächst gestoppt. Gleichzeitig betont Lieferando, dass solche Technologien grundsätzlich hilfreich für Partnerrestaurants seien und weiter verbessert würden. Ziel sei es, Speisen möglichst ansprechend zu präsentieren und den Bestellprozess zu unterstützen.
Studie untersucht Wirkung von KI-Essensbildern
Mit der Frage, wie überzeugend künstlich erzeugte Lebensmittelbilder auf Menschen wirken, beschäftigt sich auch die Wissenschaft. Der Psychologe und Postdoktorand Alexander Diel von der LVR-Universitätsklinik Essen und der Universität Duisburg-Essen veröffentlichte dazu gemeinsam mit einem internationalen Forschungsteam eine Studie im Fachjournal Nature.
An einem Online-Experiment nahmen 87 Personen teil. Ihnen wurden 60 Bildpaare gezeigt, jeweils bestehend aus einem echten Foto und einer KI-generierten Darstellung desselben Lebensmittels, etwa Vanilleeis oder Weintrauben. Die Teilnehmenden wussten nicht, welches Bild echt war und welches künstlich erzeugt wurde. Sie sollten unter anderem bewerten, wie realistisch die Abbildung wirkte, wie groß ihre Bereitschaft wäre, das Gezeigte zu essen, und wie gesund oder kalorienreich sie das Lebensmittel einschätzten.
Das Ergebnis: KI-Bilder wurden im Durchschnitt als weniger realistisch eingestuft und machten etwas weniger Appetit als echte Fotos. Bei der Einschätzung von Gesundheitswert und Kaloriengehalt zeigten sich dagegen keine Unterschiede.
Warum Perfektion unnatürlich wirken kann
Diel erklärt das Ergebnis damit, dass unrealistisch wirkendes Essen oft auch weniger appetitlich erscheine. Ein möglicher Grund sei, dass KI-Bilder mitunter „zu perfekt“ aussehen: Oberflächen seien zu glatt, Formen zu symmetrisch oder es tauchten kleine optische Fehler auf. Gerade bei Lebensmitteln reagieren Menschen besonders sensibel.
Aus evolutionspsychologischer Sicht sei das nachvollziehbar: Neues Essen könne zwar nützlich sein und neue Nährstoffe liefern, gleichzeitig aber auch Risiken bergen. Deshalb seien Menschen vorsichtig, wenn Nahrung ungewohnt aussieht oder ihnen fremd erscheint.
Für Speisekarten bedeutet das laut Diel: KI-generierte Essensbilder werden nicht automatisch so wahrgenommen wie echte Fotos. Zwar könnten sie inzwischen sehr realistisch aussehen, doch das sei keineswegs garantiert. Vor allem dann, wenn auffällige Fehler oder Merkwürdigkeiten enthalten seien, wirkten sie auf viele Betrachter eher abschreckend.
Hinzu kommt ein weiteres Problem: KI-Bilder zeigen oft nicht das tatsächliche Gericht eines Restaurants, sondern eine künstlich erzeugte Idealversion auf Grundlage von Trainingsdaten. Wenn das reale Essen dann deutlich anders aussieht, kann das bei Kunden Enttäuschung auslösen. Auch die Dehoga mahnt daher, dass Authentizität zum Kern des gastronomischen Versprechens gehört.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber