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Leopoldina warnt: EU-Pestizide gefährden uns alle

Weniger strenge Pestizid-Regeln in der EU? Die Leopoldina warnt: Die Pläne könnten Mensch und Umwelt gefährden.

02.06.2026, 10:00 Uhr

Leopoldina warnt vor EU-Plänen zur Lockerung bei Pestizid-Zulassungen

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina kritisiert die von der EU-Kommission angestrebten Änderungen bei der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln scharf. In einer Stellungnahme erklärt die Akademie, die Vorschläge würden den Schutz von Menschen und Umwelt schwächen. Zugleich fordert sie die Bundesregierung auf, sich in Brüssel für die Beibehaltung der bisherigen Regeln einzusetzen.

Geplant ist unter anderem, die bislang befristeten Genehmigungen für Wirkstoffe in Pflanzenschutzmitteln aufzuheben. Betroffen wären etwa Insektizide, Fungizide und Herbizide wie Glyphosat. Nach Angaben des Umweltbundesamtes gelten Zulassungen derzeit in der Regel für sieben bis 15 Jahre und müssen anschließend unter Berücksichtigung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse erneut überprüft werden. Die EU-Kommission begründet ihre Pläne damit, Behörden entlasten, Verfahren beschleunigen und die Wettbewerbsfähigkeit Europas stärken zu wollen.

Leopoldina sieht zentrale Schutzmechanismen in Gefahr

Aus Sicht der Wissenschaftsakademie ist jedoch unklar, ob bei einer unbefristeten Zulassung das bisherige Sicherheitsniveau erhalten bliebe. Seit 2009 hätten mindestens 165 zuvor genehmigte Wirkstoffe ihre Zulassung verloren, teils wegen neuer Forschungsergebnisse, teils wegen verschärfter Bewertungsstandards.

Gerade befristete Genehmigungen und regelmäßige Neubewertungen seien ein Kern eines lernfähigen Regulierungssystems, betont die Leopoldina. Nur so könnten neue Daten, veränderte Belastungslagen und verbesserte Bewertungsmethoden systematisch berücksichtigt werden. Fielen diese Überprüfungen weg, würden wichtige neue Erkenntnisse außen vor bleiben.

Pflanzenschutz auf Rapsfeld
Ein Traktor zieht eine Spritzmaschine über ein Rapsfeld Quelle: Jens Büttner/dpa

Besonders problematisch sei das mit Blick auf sensible Bevölkerungsgruppen. Die Akademie verweist auf Kinder, Schwangere und chronisch kranke Menschen, deren Schutz bei den Vorschlägen nicht ausreichend berücksichtigt werde. Auch neue Erkenntnisse über das Verhalten von Stoffen in der Umwelt und deren Auswirkungen würden dann nicht mehr konsequent in die Bewertung einfließen. Viele wissenschaftliche Befunde zu unerwünschten Effekten auf Nichtzielorganismen entstünden zudem oft erst nach der Zulassung.

Kritik auch an längeren Abverkaufsfristen

Skeptisch äußert sich die Leopoldina auch zu dem Plan, Pestizidprodukte nach dem Ende ihrer Zulassung künftig noch drei Jahre lang verkaufen und aufbrauchen zu dürfen. Bislang liegt diese Frist bei eineinhalb Jahren. Nach Einschätzung der Akademie verlängert eine solche Regelung vermeidbare Belastungen mit Stoffen, deren Risiken bereits als nicht akzeptabel eingestuft wurden.

Darüber hinaus verweist die Stellungnahme auf bestehende Mängel im aktuellen Zulassungssystem. So würden Wechselwirkungen verschiedener Pflanzenschutzmittel nach ihrer Ausbringung sowie zusätzliche Belastungsfaktoren, etwa durch klimatische Bedingungen, schon heute nicht ausreichend einbezogen.

Glyphosat als prominentes Beispiel

Als Beispiel nennt der Bericht Glyphosat. Das seit Jahrzehnten eingesetzte Totalherbizid, bekannt vor allem durch den Handelsnamen „Roundup“, ist in zahlreichen Produkten verschiedener Hersteller enthalten. Die EU hatte die Genehmigung zuletzt bis Ende 2033 verlängert. In einigen Mitgliedstaaten, darunter Deutschland, sind Anwendungen in Haus- und Kleingärten sowie auf bestimmten öffentlichen Flächen jedoch verboten oder stark eingeschränkt.

Brisant ist Glyphosat auch wegen einer Studie aus dem Jahr 2000, die in der Debatte um die Sicherheit des Wirkstoffs lange eine wichtige Rolle spielte. Die Fachzeitschrift Regulatory Toxicology and Pharmacology zog die Arbeit Ende 2025 formell zurück. Das Papier war zuvor als wesentliches Argument dafür angeführt worden, dass Glyphosat und das Produkt Roundup nicht krebserregend seien.

Der Verlag Elsevier erklärte dazu, es sei unklar, ob diese Schlussfolgerung tatsächlich haltbar sei. Zudem seien Fragen zur Urheberschaft, zur korrekten Darstellung der Beiträge von Autoren und Studiensponsor sowie zu möglichen Interessenkonflikten aufgekommen, erläuterte Chefredakteur Martin van den Berg.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion

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