Bahnchefin fordert klare Regeln vor möglichem neuen Wettbewerb im Fernverkehr
Mit Blick auf neue Konkurrenz auf der Schiene hat Bahnchefin Evelyn Palla die Politik zu besseren Rahmenbedingungen aufgefordert. Ohne klare Vorgaben drohe ein ungesteuerter Wettbewerb, dessen Folgen am Ende für viele Fahrgäste nachteilig sein könnten, sagte sie in Berlin.
Hintergrund ist der Vorstoß des italienischen Anbieters Italo, der deutlich offensiver als frühere Konkurrenten auf den deutschen Markt drängt. Im Fernverkehr hält die Deutsche Bahn bislang einen Marktanteil von rund 95 Prozent. Italo will zunächst erreichen, dass sich die Wettbewerbsbedingungen ändern, bevor das Unternehmen teure Investitionen in neue Züge fest zusagt.
Streitpunkt Trassenvergabe
Im Zentrum steht die Vergabe von Trassen, also Fahrrechten für bestimmte Strecken zu festgelegten Zeiten. Zuständig ist die Bahn-Tochter DB InfraGo, überwacht wird das Verfahren von der Bundesnetzagentur.
Bislang werden die Trassen in Deutschland Jahr für Jahr im Rahmen der Fahrplanerstellung neu angemeldet und vergeben. Italo fordert dagegen mehr Planungssicherheit durch langfristige Vereinbarungen. Solche Rahmenverträge gibt es hierzulande allerdings seit 2017 nicht mehr.
Außerdem verlangt das Unternehmen, dass ein fester Mindestanteil der verfügbaren Kapazitäten für neue Anbieter reserviert wird. Über beide Forderungen muss die Bundesnetzagentur noch entscheiden.
Italo plant Verbindungen zwischen Metropolen
Nach den bisherigen Plänen möchte Italo zunächst die Strecke München–Frankfurt–Köln–Dortmund im Stundentakt bedienen. Zudem ist eine Verbindung München–Berlin–Hamburg vorgesehen, die alle zwei Stunden fahren soll.
Für den Start ab dem Frühjahr 2028 will das Unternehmen nach eigenen Angaben 30 Hochgeschwindigkeitszüge einsetzen und damit 56 tägliche Zugverbindungen anbieten. Italo-Chef Gianbattista La Rocca stellt einen deutlichen Nachfrageschub in Aussicht: Fiele das Monopol der Deutschen Bahn im Fernverkehr, könnte die Nachfrage nach seiner Einschätzung um mindestens 40 Prozent wachsen.
Italo wirbt zudem mit möglichen Vorteilen für Reisende wie niedrigeren Preisen, mehr Komfort, höherer Geschwindigkeit und besserer Pünktlichkeit. Ob sich diese Versprechen im deutschen Netz einlösen lassen, ist allerdings offen.
Deutsche Bahn warnt vor Nachteilen außerhalb der Ballungsräume
Die Deutsche Bahn betont seit Längerem, dass sie Wettbewerb grundsätzlich nicht ablehne. Sie verweist jedoch darauf, dass Verbindungen abseits der großen Zentren unter Druck geraten könnten, wenn besonders profitable Trassen an Konkurrenten gehen.
Palla machte deutlich, dass Wettbewerb kein Selbstzweck sei. Entscheidend sei, dass mögliche Vorteile allen Menschen in Deutschland zugutekämen und nicht nur Fahrgästen in Metropolen, die schon heute ein dichtes Verkehrsangebot hätten.
Aus Sicht der Bahn könnte ein verschärfter Wettbewerb dazu führen, dass lukrative Hauptachsen für Wettbewerber attraktiver werden, während weniger gefragte Fernverkehrsverbindungen in der Fläche wegfallen. Zudem befürchtet der Konzern, dass neue Anbieter auf schnellen Direktverbindungen eher weniger Interesse an zusätzlichen Unterwegshalten haben könnten.
Problempunkt überlastetes und marodes Netz
Offen ist auch, wie stark mehr Wettbewerb die Qualität im Betrieb tatsächlich verbessern kann. Die Deutsche Bahn verweist regelmäßig darauf, dass ein großer Teil der Verspätungen auf die Infrastruktur zurückgeht – also auf marode Anlagen und zahlreiche Baustellen, die für die Sanierung des Netzes nötig sind.
Damit wären alle Anbieter gleichermaßen konfrontiert. Experten warnen zudem, dass zusätzliche Fernverkehrsangebote in einem ohnehin stark ausgelasteten Netz entweder die Betriebsqualität verschlechtern oder andere Verkehre verdrängen könnten.
Wie angespannt die Lage ist, zeigen die aktuellen Pünktlichkeitswerte: Im Mai lag die Pünktlichkeit im Fernverkehr bei 61,3 Prozent. Damit erreichte gut ein Drittel aller ICE- und IC-Halte das Ziel mit mehr als 5:59 Minuten Verspätung.
Auch Flix plant 2028 eine Offensive
Italo ist nicht der einzige Herausforderer für die Deutsche Bahn. Auch Flix will ab 2028 im Fernverkehr stärker angreifen. Das Münchner Unternehmen hat dafür erstmals neue Züge bestellt.
Nach Firmenangaben wurden 65 Züge beim spanischen Hersteller Talgo geordert. Die Investition beläuft sich demnach auf 2,4 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Die bestehende Flix-Flotte umfasst nach Unternehmensangaben derzeit 15 Züge.
Damit könnte der Wettbewerb auf der Schiene in den kommenden Jahren deutlich zunehmen – vorausgesetzt, die regulatorischen Fragen werden geklärt und das Netz lässt zusätzliche Angebote überhaupt zu.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Topaktuell Redaktion