Maximus und der Kampf ums Überleben der Koalas
Maximus ist ein außergewöhnlicher Koala: Rund zehn Kilogramm bringt er auf die Waage und ist mit 18 Jahren für seine Art bereits ein echter Senior. Mit seinen großen Ohren, den dunklen Augen und dem dichten Fell wirkt er beinahe wie ein Stofftier. Doch der Eindruck täuscht – Koalas sind weit mehr als nur niedlich.
Im Lone Pine Koala Sanctuary in Brisbane lebt Maximus gemeinsam mit etwa 100 weiteren Koalas. Das Schutzgebiet wurde 1927 gegründet und gilt als ältestes Koala-Refugium der Welt. Im kommenden Jahr steht dort das 100-jährige Bestehen an – ein Rekord, der sogar im Guinness-Buch verzeichnet ist.
Große Sorge um die Zukunft der Art
Zwischen Eukalyptusbäumen und Besucherpfaden dreht sich die Arbeit der Beschäftigten nicht nur um die Tiere im Gehege. Im Mittelpunkt steht vor allem die Frage, wie Koalas angesichts wachsender Gefahren dauerhaft erhalten werden können. Zum Welttierschutztag rückt damit auch das Schicksal dieser australischen Symboltiere in den Fokus.
Chef-Tierärztin Galit Tzipori warnt eindringlich davor, dass Koalas eines Tages verschwinden könnten. Seit Jahrzehnten arbeitet sie mit den Beuteltieren und kennt ihre Eigenheiten genau.
Jeder Koala hat seinen eigenen Charakter
Nach Tziporis Beobachtung gleicht kein Tier dem anderen. Manche Koalas seien verspielt oder frech, andere eher ruhig und sanft. Eine Koala-Dame namens Tabby sei besonders mitteilsam, Akane gelte als vorbildliche Mutter, und Esmeralda trete recht selbstbewusst auf.

Besonders ans Herz gewachsen ist ihr Maximus. Der alte Koala hat Sehprobleme und auf einem Auge grauen Star, wird von Tzipori aber als äußerst freundliches und gutmütiges Tier beschrieben. Auch er muss allerdings regelmäßig zur Kontrolle, etwa zum jährlichen Zahncheck.
Warum Koalas so viel schlafen
Koalas verbringen bis zu 20 Stunden am Tag ruhend oder schlafend. Das hat einen einfachen Grund: Ihre Nahrung besteht fast ausschließlich aus Eukalyptusblättern, die nur wenig Energie liefern und schwer zu verdauen sind. Um mit diesem kargen Speiseplan auszukommen, sparen sie Energie, wo immer es möglich ist.
Dass Koalas deshalb träge oder gar unintelligent seien, hält Tzipori für ein Vorurteil. Tatsächlich könnten die Tiere im Sprint Geschwindigkeiten von bis zu 30 Stundenkilometern erreichen. Auch ihr Geruchs- und Hörsinn seien bemerkenswert ausgeprägt.
Ein ungewöhnlicher Start ins Leben
Koala-Jungtiere kommen winzig und kaum entwickelt zur Welt. Zunächst verbringen sie rund ein halbes Jahr im Beutel der Mutter. Bevor sie später Eukalyptus fressen können, brauchen sie jedoch Hilfe beim Aufbau ihrer Darmflora: Sie nehmen den sogenannten „Pap“ der Mutter auf, eine spezielle Form von Kot mit wichtigen Mikroorganismen. Erst dadurch wird die Verdauung der Blätter möglich.
Wählerisch beim Futter, abhängig vom Lebensraum
Von Eukalyptus existieren mehr als 700 Arten. Ein einzelner Koala frisst in der Regel aber nur wenige davon – meist jene, die in seiner Heimatregion vorkommen. Laut Tzipori sind das oft nicht mehr als zehn Sorten. Deshalb lassen sich Koalas nach Buschfeuern oder anderen Katastrophen nicht ohne Weiteres irgendwo anders ansiedeln. Anpassung ist zwar möglich, braucht jedoch Zeit.
Bestände unter Druck
Gleichzeitig schrumpft der Lebensraum der Tiere immer weiter. Wälder werden gerodet oder durch Straßen zerschnitten. Hinzu kommen Gefahren durch Hitze, Buschbrände, Hunde und den Verkehr. In Queensland, New South Wales und dem Australian Capital Territory gelten Koalas seit 2022 als stark gefährdet.
Die Australian Koala Foundation geht davon aus, dass höchstens noch 63.600 Koalas in freier Wildbahn leben – womöglich sogar deutlich weniger. Naturschützer drängen deshalb darauf, die Tiere in manchen Regionen bereits als akut vom Aussterben bedroht einzustufen. Sie kritisieren zudem, dass es bislang keine ausreichenden Gesetze gebe, um Koalas und ihre Lebensräume wirksam zu schützen.
Chlamydien als tödliche Bedrohung
Neben dem Verlust ihres Lebensraums setzt den Tieren auch eine Krankheit massiv zu: Chlamydien. Während die Infektion beim Menschen oft ohne große Beschwerden verläuft, kann sie für Koalas verheerend sein. Die Bakterien greifen unter anderem Augen und Harnwege an, können Blindheit verursachen und Weibchen unfruchtbar machen.
Die Tiere in Lone Pine sind frei von Chlamydien, doch das Zentrum spielt dennoch eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Krankheit. Seit rund 25 Jahren arbeitet die Einrichtung gemeinsam mit Universitäten an einem Impfstoff. Verschiedene Impfstoffe wurden dort getestet und verbessert; inzwischen laufen erste Schutz- und Impfprogramme für wildlebende Koalas.
Für Tzipori zeigt das, welche Aufgabe moderne Zoos und Schutzstationen übernehmen können: nicht nur Tiere zu präsentieren, sondern aktiv zum Schutz ihrer wilden Artgenossen beizutragen.
Kein Kuscheln mehr für Besucher
Auch für Gäste hat sich in Lone Pine etwas geändert. Seit 2024 dürfen Besucher Koalas nicht mehr auf den Arm nehmen. Stattdessen können sie einen sogenannten „Koala Moment“ buchen, bei dem sie zusammen mit einem Pfleger ein Tier aus nächster Nähe erleben und Fragen stellen können. Sobald ein Koala signalisiert, dass ihm die Situation zu viel wird, endet die Begegnung.
Tzipori betont, dass es dabei nicht um ein hübsches Foto für soziale Medien gehe, sondern um Aufklärung und Respekt für die Tiere. Denn so niedlich Koalas auch wirken: Sie sind keine Kuscheltiere. Damit sie auch künftig in Australien überleben, brauchen sie vor allem Schutz – und intakte Eukalyptuswälder, in denen sie ungestört leben können.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber