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Wale, Elefanten – und ihre geheime Trauer?

Eine Walmutter weicht stundenlang nicht von ihrem toten Kalb – was Forscher dabei sehen, wirft eine große Frage auf.

02.10.2026, 10:41 Uhr

Buckelwal-Mutter bleibt stundenlang bei totem Kalb – Forscher sehen möglichen Hinweis auf tierische Trauer

Vor der australischen Gold Coast spielte sich an einem ungewöhnlich stillen Wintermorgen eine Szene ab, die selbst erfahrene Walbeobachter tief bewegte. In den flachen Gewässern vor dem Palm Beach Reef wurden zwei Buckelwale beobachtet. Einer der Tiere hielt sich immer wieder über derselben Stelle am Meeresboden auf. Als dort eine kleine Kamera hinabgelassen wurde, zeigte sich der Grund: Auf dem Grund lag ein totes Wal-Kalb.

Die junge Mutter tauchte wiederholt zu dem leblosen Jungtier hinunter. Dabei berührte sie den Körper mehrfach mit dem Kopf und einer Brustflosse und legte sich zeitweise dicht daneben, beinahe Auge in Auge. Fast zwei Stunden blieb sie in unmittelbarer Nähe. Ein weiterer erwachsener Wal schwamm währenddessen bei ihr, zudem waren Lautäußerungen zu hören.

Der deutsch-australische Meeresbiologe Olaf Meynecke von der Griffith University sagte der dpa, ihn habe vor allem die Suche nach Körperkontakt und der Versuch von Augenkontakt mit dem verstorbenen Kalb überrascht. Bemerkenswert sei auch gewesen, wie lange dieses Verhalten anhielt – über Stunden und womöglich sogar über mehrere Tage.

Gemeinsam mit Walretter Andrew Mulville wertete Meynecke die Beobachtung aus und veröffentlichte dazu eine Studie. Nach Angaben der Forscher handelt es sich um den ersten detailliert dokumentierten Fall eines solchen Verhaltens bei einem Buckelwal.

Was geht in Tieren vor?

Die Beobachtung wirft eine grundsätzliche Frage auf: Können Tiere trauern? Eindeutig beantworten lässt sich das nicht. Was im Inneren eines Wals vorgeht, bleibt Forschern verborgen. Sie können nur das Verhalten dokumentieren und daraus vorsichtige Schlüsse ziehen.

Auffällig war in diesem Fall, dass das Weibchen nicht versuchte, sein totes Kalb an die Oberfläche zu bringen. Normalerweise unterstützen Muttertiere ihre neugeborenen Jungen so beim ersten Atemzug. Meynecke nennt dafür zwei mögliche Erklärungen: Entweder war die Mutter dazu nicht in der Lage – dagegen spreche allerdings, dass ein solcher Versuch nicht dokumentiert wurde. Oder aber sie hatte bereits erkannt, dass ihr Jungtier nicht mehr lebte.

Erinnerung an Orca Tahlequah

Das Verhalten erinnert an andere bekannte Fälle bei Meeressäugern. Große Aufmerksamkeit hatte 2018 ein Orca-Weibchen namens Tahlequah erregt. Vor der nordamerikanischen Küste trug es sein totes Kalb 17 Tage lang auf Schnauze und Stirn mit sich und legte dabei mehr als 1.500 Kilometer zurück. Immer wieder hob der Orca den Körper an, wenn dieser zu versinken drohte. Wissenschaftler sprachen damals von einer „Trauerreise“.

Auch bei Grindwalen und Delfinen wurde beobachtet, dass sie tote Jungtiere über längere Zeit mit sich führen. Für Buckelwale gibt es bislang deutlich weniger dokumentierte Fälle.

Meynecke ist überzeugt, dass nicht nur diese Arten auf den Verlust eines Artgenossen reagieren. Aus seiner Sicht nehmen viele Säugetiere einen solchen Verlust wahr und zeigen Verhaltensweisen, die sich als Trauer oder depressive Reaktion deuten lassen. Die Gefühle seien vermutlich nicht mit menschlichen Empfindungen gleichzusetzen, die Folgen könnten aber ähnlich aussehen – etwa durch verweigerte Nahrungsaufnahme.

Schimpanse Flint und der Verlust seiner Mutter

Auch an Land gibt es eindrückliche Beispiele. Besonders bekannt ist der Fall des jungen Schimpansen Flint aus dem Gombe-Nationalpark in Tansania. Nachdem seine Mutter Flo gestorben war, zog sich der damals achtjährige Schimpanse zunehmend zurück. Die Primatenforscherin Jane Goodall beobachtete, dass Flint immer wieder zu seiner toten Mutter zurückkehrte. Schließlich fraß er nicht mehr und starb wenige Wochen später selbst. Goodall sagte später, Flint sei an einem gebrochenen Herzen gestorben.

Umgekehrt fällt es offenbar auch Schimpansenmüttern schwer, sich von ihren toten Jungen zu trennen. Immer wieder wurde beobachtet, dass sie die leblosen Körper noch tagelang mit sich tragen – in einzelnen Fällen sogar über Wochen oder Monate.

Auch Hunde und Katzen verändern ihr Verhalten

Hinweise auf Reaktionen nach Verlust gibt es zudem bei Haustieren. In einer Studie aus Australien und Neuseeland mit 159 Hunden und 152 Katzen berichteten Halter von auffälligen Verhaltensänderungen nach dem Tod eines tierischen Gefährten. Bei Hunden fraßen 35 Prozent weniger als zuvor, 31 Prozent nahmen ihr Futter langsamer auf. Katzen fielen unter anderem dadurch auf, dass sie häufiger und lauter miauten. Bei beiden Arten suchten viele Tiere bevorzugt die Plätze auf, an denen sich der verstorbene Artgenosse oft aufgehalten hatte.

Elefanten „begraben“ ihre Toten

Auch Elefanten zeigen seit Langem ein Verhalten, das Forscher fasziniert. Sie versammeln sich an Kadavern, berühren, beschnuppern und bewachen diese, bleiben in ihrer Nähe und kehren später oft wieder zurück. Beobachtet wurde zudem, dass Elefanten sterbende Tiere stützen oder tote Kälber forttragen wollten. Mitunter bedecken sie Verstorbene mit Erde oder Pflanzenresten. Ob das einer menschlichen Bestattung vergleichbar ist, lässt sich wissenschaftlich allerdings nicht sicher sagen.

Ein besonders eindrücklicher Fall wurde 2013 in Kenia dokumentiert. Nach dem Tod der 55 Jahre alten Elefantenkuh Victoria blieb ihre Familie lange an ihrer Seite. Ihre zehnjährige Tochter Noor wich ihr kaum von der Stelle, während ihr 13-jähriger Sohn Malasso die Mutter mit den Stoßzähnen anstieß – offenbar in dem Versuch, sie wieder aufzurichten. Wochen später beobachtete die Forscherin Shifra Goldenberg, dass sogar Elefanten aus anderen Familien noch immer Victorias Überreste aufsuchten.

Die Wissenschaft kennt Grenzen

Was genau hinter solchem Verhalten steckt, ist bislang offen. Vielleicht entspricht es nicht dem menschlichen Verständnis von Abschied und Trauer. Doch wenn Trauer bedeutet, einen Verstorbenen nicht sofort loslassen zu können, dann kommen viele Tiere diesem Begriff offenbar erstaunlich nahe.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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