Abnehmspritzen für Minderjährige: Was sie leisten können und wo Grenzen liegen
In Deutschland leben schätzungsweise knapp zwei Millionen Kinder und Jugendliche mit Übergewicht. Rund 800.000 von ihnen sind adipös, etwa 200.000 sogar stark adipös. Vor diesem Hintergrund rückt die Frage in den Fokus, ob sogenannte Abnehmspritzen auch jungen Patienten helfen können.
Für wen kommen die Medikamente infrage?
Für Kinder und Jugendliche mit Adipositas sind derzeit zwei Medikamente aus der Gruppe der GLP-1-Rezeptor-Agonisten zugelassen. Semaglutid wird einmal pro Woche gespritzt und darf ab einem Alter von zwölf Jahren eingesetzt werden. Liraglutid muss täglich verabreicht werden und ist unter bestimmten Bedingungen bereits ab sechs Jahren zugelassen. Die neuere Abnehmtablette darf bei Minderjährigen bislang nicht verwendet werden.
Fachleute betonen jedoch, dass solche Mittel bei jungen Menschen nicht allein eingesetzt werden sollten. Sie kommen nur zusätzlich zu einer strukturierten Behandlung infrage, die Ernährung, Bewegung und Verhaltensänderungen umfasst. Nach Einschätzung von Kinderärztin Susann Weihrauch-Blüher sollte eine solche Therapie vor allem bei extremer Adipositas in spezialisierten Zentren und nach klaren medizinischen Vorgaben geprüft werden.
Wie verbreitet ist Übergewicht bei Kindern?
Nach Zahlen der KiGGS-Studie sind in Deutschland etwa 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen übergewichtig, 6 Prozent leiden an Adipositas. Umgerechnet entspricht das knapp zwei Millionen jungen Menschen mit Übergewicht, darunter rund 800.000 mit Adipositas und etwa 200.000 mit besonders schwerer Form.

Die zugrunde liegenden Daten stammen allerdings aus den Jahren 2015 bis 2017. Untersuchungen aus der Corona-Zeit deuten darauf hin, dass die Zahlen zwischenzeitlich gestiegen sind. Inzwischen zeigt sich laut Weihrauch-Blüher eher eine Stabilisierung – allerdings auf weiterhin hohem Niveau.
Wie wirken Abnehmspritzen?
Die Präparate enthalten Wirkstoffe, die im Körper Sättigungssignale verstärken. Sie senden dem Gehirn das Signal, dass bereits Nahrung aufgenommen wurde. Gleichzeitig wird die Magenentleerung verlangsamt, sodass das Sättigungsgefühl länger anhält. In der Folge essen Betroffene meist weniger und können an Gewicht verlieren.
Welche Nebenwirkungen sind möglich?
Nach bisherigem Kenntnisstand ähneln die Nebenwirkungen bei Kindern und Jugendlichen weitgehend denen bei Erwachsenen. Dazu zählen vor allem:
- Übelkeit
- Magen-Darm-Beschwerden
- Völlegefühl
- verminderter Appetit
- Durchfall
Noch ungeklärt ist, welche Folgen eine langfristige Anwendung haben kann. Abschließende Aussagen seien dazu derzeit nicht möglich. Die Wirkstoffklasse wird erst seit rund 20 Jahren verwendet und kam zunächst vor allem bei Typ-2-Diabetes zum Einsatz. Gerade bei Heranwachsenden ist Vorsicht geboten, weil sich ihr Körper noch entwickelt, das Wachstum oft nicht abgeschlossen ist und auch die Pubertät noch andauern kann.
Wer bezahlt die Behandlung?
In den meisten Fällen müssen Familien die Kosten selbst tragen. Der Grund: Medikamente zum Abnehmen gelten in Deutschland in der Regel als Lifestyle-Arzneimittel und werden daher nicht von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen. Laut Weihrauch-Blüher liegen die Kosten derzeit bei ungefähr 200 Euro im Monat.
Eine Ausnahme besteht bei Menschen mit Typ-2-Diabetes: Für sie übernehmen die Kassen Semaglutid in Form des Präparats Ozempic. Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft setzt sich dafür ein, dass Jugendliche mit extremer Adipositas die Behandlung ebenfalls erstattet bekommen, wenn andere Therapien erfolglos waren und weiteres starkes Zunehmen droht.
Wie lange müsste die Therapie dauern?
Darauf gibt es bislang keine eindeutige Antwort. Aus der Behandlung Erwachsener ist bekannt, dass nach dem Absetzen der Medikamente häufig wieder Gewicht zugenommen wird. Deshalb plädieren Experten dafür, betroffene Kinder und Jugendliche möglichst in Studien einzubinden und langfristig medizinisch zu begleiten. So könnten auch mögliche Risiken erkannt werden, die derzeit noch nicht ausreichend bekannt sind.
Die erste Wahl bei Kindern mit Übergewicht bleibt eine Therapie aus Ernährungsumstellung, mehr Bewegung und veränderten Verhaltensmustern.
Wie entsteht starkes Übergewicht?
Adipositas ist eine anerkannte chronische Erkrankung und nicht einfach Ausdruck mangelnder Disziplin. Die Ursachen sind vielfältig. Eine Rolle spielen unter anderem:
- genetische Veranlagung
- psychosoziale Belastungen
- familiäre Einflüsse
- Umweltfaktoren
- biologische Prozesse bei Hunger und Sättigung
Gerade im Kindesalter sind die genauen Zusammenhänge noch nicht vollständig verstanden. Nach Angaben von Weihrauch-Blüher können bereits frühe Prägungen wichtig sein, etwa welche Geschmacksgewohnheiten im ersten Lebensjahr entstehen. Auch die hormonelle Steuerung von Hunger und Sättigung kann bei Menschen mit Übergewicht anders funktionieren. Manche Familien berichten laut der Ärztin erst durch die medikamentöse Behandlung bemerkt zu haben, wie es sich anfühlt, nicht ständig hungrig zu sein.
Was wäre langfristig nötig?
Übergewicht und Adipositas werden oft schon bei den regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen in der Kinderarztpraxis erkannt. Dort können auch erste Behandlungsschritte besprochen werden. Ärzte sehen aber nicht nur die Familien, sondern auch die Politik in der Verantwortung.
Kritisiert wird unter anderem, dass eine geplante Zuckersteuer nicht umgesetzt wurde. Zudem sei das Umfeld für Kinder häufig alles andere als gesundheitsförderlich: Kalorienreiche Snacks und zuckerhaltige Getränke sind fast überall leicht verfügbar, auch an Schulen oder in deren unmittelbarer Umgebung.
Hinzu kommt nach Ansicht von Experten ein strukturelles Problem: Es fehle an flächendeckenden Angeboten, um Kinder mit diagnostiziertem Übergewicht oder Adipositas in eine passende Behandlung zu überführen. Mehr Investitionen in Prävention und Therapie könnten später hohe Folgekosten vermeiden.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber