Merkels Comeback-Effekt: Warum die Altkanzlerin wieder so viel Aufmerksamkeit bekommt
Leuchtend blauer Blazer, schwarze Hose, die vertraute Frisur: Wer im Berliner Bode-Museum erstmals Angela Merkels Kanzlerinnenporträt sieht, reagiert oft spontan. „Tatsächlich, da ist sie“, sagt eine Besucherin beim Blick auf das Gemälde des Künstlers Jérémie Queyras. Das Interesse an dem Bild ist derzeit so groß, dass die Ausstellung um drei Monate verlängert wurde und nun bis zum 3. Januar läuft. Am Sonntag signierte Merkel dort außerdem Postkarten mit dem Porträtmotiv.
Lange Schlange bei der Signierstunde
Gemeinsam mit dem Maler saß die frühere Kanzlerin vor dem Porträt an einem Tisch im Museum. Der Andrang war groß: Vor dem Signiertisch bildete sich eine lange Schlange, die bis vor den Eingang reichte. Nach Angaben eines Museumssprechers standen insgesamt rund 450 Tickets für die Signierstunde zur Verfügung. Etwa 300 davon konnten vorab reserviert werden – sie waren innerhalb weniger Stunden vergriffen. Einige Besucherinnen und Besucher gaben allerdings an, nur für die Ausstellung gekommen zu sein.
Fast fünf Jahre nach ihrem Abschied aus dem Kanzleramt ist Merkel wieder auffallend präsent. Im Februar zeigte sie sich erstmals wieder auf einem CDU-Parteitag und wurde dort gefeiert. Danach machten rasch dementierte Gerüchte die Runde, sie könne Bundespräsidentin oder gar Vermittlerin im Ukraine-Krieg werden. Hinzu kommen Auftritte bei Digitalveranstaltungen, Begegnungen mit jungen Menschen, Präsenz auf TikTok und vor allem ihre Lesereise. Ihre 736 Seiten starke Autobiografie Freiheit hat sich laut Verlag weltweit mehr als eine Million Mal verkauft. Zu Lesungen und Signierstunden kommen weiterhin Hunderte. Warum also hält das Interesse an ihr an?
Sehnsucht nach Ruhe und Sicherheit
Bei einer Lesung im Historisch-Technischen Museum Peenemünde beschreibt Marlen Hannemann aus dem Publikum, was viele noch immer mit Merkel verbinden: Ruhe, Kontrolle und Verlässlichkeit. Besonders beeindruckt habe sie, wie gelassen Merkel mit mächtigen Männern wie Wladimir Putin umgegangen sei. Auch die Führung des Landes habe von außen betrachtet entspannt und sicher gewirkt. Für sie habe immer gegolten: Merkel werde schon wissen, welche Entscheidung richtig ist.
Ähnlich äußert sich Annett Lührmann, die mit ihrem Mann zur Veranstaltung gekommen ist. Sie sagt, sie bewundere Merkel bis heute für ihren Lebensweg und das, was sie politisch geleistet habe. Natürlich mache jeder im Amt Fehler. Aber Merkel habe große Herausforderungen wie die Corona-Zeit und die Flüchtlingskrise bewältigt. Das müsse erst einmal jemand besser machen. Vor allem freue sie sich darauf, die Altkanzlerin zum ersten Mal live zu erleben.
Applaus für „Maß und Mitte“
Als Merkel in Peenemünde auf die Bühne kommt, trägt sie diesmal einen roten Blazer. Die 72-Jährige winkt kurz ins Publikum und nimmt dann an ihrem Lesetisch Platz. 90 Minuten lang spricht sie in dem Tonfall, den viele aus ihren 16 Jahren im Kanzleramt kennen: über ihre Kindheit in Templin, den Weg an die Regierungsspitze, die Flüchtlingspolitik, das Erstarken der AfD, die Annexion der Krim durch Russland und die Corona-Pandemie.
Besonders großen Beifall erhält sie, als sie für den Einsatz zugunsten der Demokratie wirbt. Viel Applaus gibt es auch für ihren Rat an politische Nachfolger: „Maß und Mitte“ seien Grundlage und Voraussetzung für den Erfolg demokratischer Parteien.
Merz im Schatten der Merkel-Erinnerung
Für Friedrich Merz sind solche Sätze politisch heikel. Der CDU-Vorsitzende hatte bewusst einen anderen, konservativeren Kurs angekündigt und einen politischen Neuanfang versprochen. Doch schon nach gut einem Jahr im Amt sind seine Zustimmungswerte äußerst schwach. Im ARD-„Deutschlandtrend“ äußern sich neun von zehn Befragten eher oder sogar sehr unzufrieden mit ihm. In bundesweiten Umfragen liegt die AfD inzwischen vor der CDU. Gleichzeitig ringt Merz um seine Autorität und gerät immer wieder mit dem Koalitionspartner SPD aneinander.
Der Geschäftsführer des Meinungsforschungsinstituts Forsa, Peter Matuschek, sagt, im direkten Vergleich bescheinige die Mehrheit Merz keine bessere Regierungsarbeit als seinem Vorgänger Olaf Scholz, den er oft kritisiert habe. Noch deutlicher falle das Urteil aus, wenn Merkel als Maßstab herangezogen werde. Zwar spiele dabei sicher auch Nostalgie eine Rolle. Allerdings habe Merkel schon während ihrer aktiven Zeit außergewöhnlich hohe Zustimmungswerte gehabt.
Der Fehler der Strategie „CDU pur“
Nach Einschätzung von Matuschek war Merz’ Anspruch, die Union wieder stärker auf eine klar konservative Linie zu bringen, ein grundlegender Irrtum. Bei den Wählerinnen und Wählern sei dieser Kurs nicht aufgegangen. Selbst bei ihrer letzten Bundestagswahl erreichte Merkel mit der CDU noch knapp 33 Prozent. Unter Merz kamen CDU und CSU im Februar 2025 auf 28,6 Prozent. In aktuellen Umfragen liegt die Union nur noch bei 18 bis 20 Prozent.
Es geht auch um Stil
Natürlich unterscheiden sich die Zeiten erheblich von Merkels Amtsjahren. Der Krieg in der Ukraine, die Konflikte im Nahen Osten, engere Mehrheiten in Berlin und ein insgesamt gereizteres politisches Klima prägen die Gegenwart. Dennoch wird die neue Merkel-Nostalgie auch in Teilen der Union aufmerksam registriert.
Dort heißt es, das habe viel mit ihrem Auftreten zu tun. Im Unterschied zu Scholz oder Merz wirke Merkel für viele weiterhin glaubwürdig bescheiden, bodenständig und wenig eitel. Rückblickend erscheine die Welt während ihrer Amtszeit geordneter und übersichtlicher. Als Kanzlerin vermittelte sie den Eindruck, Krisen seien beherrschbar – auch wenn das wohl nur teilweise der Realität entsprach. Vor allem jüngere Menschen, die politisch mit Merkel sozialisiert wurden, verbinden mit ihr offenbar ein Gefühl von Sicherheit. Hinzu kommt die Erinnerung an einen verbindenden und wenig polemischen Politikstil.
Merkels Gelassenheit als Gegenmodell
Auch der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte sieht darin einen zentralen Grund für ihre anhaltende Popularität. In einer aufgeregten politischen Gegenwart tue es gut, Merkels demonstrative Weigerung zur Empörung mitzuerleben, sagt der emeritierte Professor der Universität Duisburg-Essen. Ihre präsidiale Freundlichkeit, die überparteiliche Haltung und ihr bewusst unpathetischer Stil seien in der Berliner Politiklandschaft ungewöhnlich. Zudem spreche Merkel gerade seit ihrem Ausscheiden aus dem Amt nicht technokratisch, sondern so, dass viele Menschen sie unmittelbar verstünden.
Viele trauen ihr noch immer mehr zu als Merz
Ob sich die Menschen tatsächlich Merkel zurück im Kanzleramt wünschen würden, ist eine andere Frage. Doch dass ihr viele weiterhin große politische Kompetenz zutrauen, zeigen aktuelle Zahlen. In einer YouGov-Umfrage im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur gaben 48 Prozent von gut 2000 Befragten an, Merkel wäre besser als Merz geeignet, die heutigen Probleme und Herausforderungen in Deutschland zu lösen. 29 Prozent meinten, sie wäre in dieser Hinsicht etwa gleich gut oder gleich schlecht. Nur acht Prozent hielten Merkel für weniger geeignet als Merz.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber