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Dieser Mathematiker knackt die Formel der Liebe

Kann man Liebe berechnen? Ein Mathematiker sagt ja – und verspricht eine Formel fürs Beziehungsglück. Experten zweifeln.

17.08.2026, 06:00 Uhr

Kann man Liebe berechnen?

Der französische Mathematikprofessor Laurent Pujo-Menjouet ist überzeugt, dass sich romantische Beziehungen zumindest teilweise in Formeln fassen lassen. In seinem Buch Love! Valour! Equations! Mathematics of the Couple, das nach der französischen Ausgabe nun auch auf Englisch erschienen ist, versucht er, typische Muster von Partnerschaften mathematisch zu beschreiben – und daraus abzuleiten, ob eine Beziehung Bestand haben könnte.

Wenn Gefühle zur Gleichung werden

Im Zentrum seines Ansatzes stehen Differenzialgleichungen. Was zunächst trocken klingt, soll nach Pujo-Menjouets Verständnis gerade helfen, die komplizierte Wirklichkeit von Liebe zu vereinfachen. Statt auf einzelne Geschichten zu schauen, betrachtet er Beziehungen wie ein mathematischer Modellierer: Welche Kräfte wirken stabilisierend, welche zerstörerisch?

Eine zentrale Rolle spielt dabei die Größe P'(t) – also die Veränderung des Liebesgefühls eines Partners zu einem bestimmten Zeitpunkt. In seinem Modell fließen zahlreiche Einflüsse ein. Dazu gehört etwa E für den schleichenden Gewöhnungseffekt, der in langen Beziehungen kaum zu vermeiden ist. Hinzu kommen zufällige Ereignisse, die eine Partnerschaft erschüttern oder stärken können: die Geburt eines Kindes, beruflicher Aufstieg, finanzielle Sorgen, Arbeitslosigkeit, Trauer oder auch Untreue.

Ebenfalls berücksichtigt wird die Reaktion des Partners auf solche Einschnitte. Eine Entschuldigung, Zuneigung oder Unterstützung nach einer Krise kann im Modell als positiver Faktor wirken. Außerdem definiert Pujo-Menjouet einen kritischen Schwellenwert: Fällt das Gefühl unter diese Marke, sinkt es nach seiner Annahme schließlich auf null – die Beziehung endet.

Herzen
Eine Entschuldigung oder eine Geste der Zuneigung hat laut einem Mathematiker Auswirkungen auf die Beziehung. (Archivbild) Quelle: Roberto Pfeil/dpa

Große Werkzeuge, begrenzte Aussagekraft

Pujo-Menjouet ist der Ansicht, dass die Mathematik ihre Nützlichkeit längst in Disziplinen wie Physik, Chemie und Biologie bewiesen habe und nun auch psychologische Fragestellungen stärker bereichern könne. Solche Modelle könnten durchaus wertvolle Einsichten liefern.

Doch selbst wohlwollende Stimmen mahnen zur Vorsicht. Rebecca Tyson, Mathematikprofessorin an der University of British Columbia, schreibt im Vorwort des Buches, mathematische Modelle könnten hilfreich sein. Zugleich betont sie, dass menschliches Sozialverhalten extrem komplex sei und sich wohl nie vollständig in Gleichungen abbilden lasse.

Paarforscher sehen klare Grenzen

Ähnlich äußert sich der Zürcher Psychologe und Verhaltenstherapeut Guy Bodenmann, der seit Jahren zu Paaren und Familien forscht. Die Beziehungspsychologie könne heute zwar gut erklären, unter welchen Bedingungen viele Partnerschaften stabil bleiben. Eine sichere Vorhersage für jeden einzelnen Fall sei dennoch nicht möglich – und daran werde auch eine Formel wenig ändern.

Als Beispiel verweist Bodenmann darauf, dass ein Teil der geschiedenen Paare ihre Ehe vor der Trennung keineswegs als unglücklich erlebt. Bei rund jeder vierten Scheidung seien die Betroffenen eigentlich zufrieden gewesen. Das zeige, dass Trennungen nicht allein vom Ausmaß der Liebe abhängen. Auch Alternativen, biografische Entwicklungen oder kritische Wendepunkte spielten eine wichtige Rolle.

Der soziale Rahmen zählt mit

Auch Pauline Kleinschlömer vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung verweist auf den größeren Kontext von Partnerschaften. Im Durchschnitt dauert eine Ehe in Deutschland etwa 14 Jahre. Wie hoch das Trennungsrisiko ist, hänge aber nicht nur vom Miteinander des Paares ab, sondern auch vom Umfeld.

So kämen Scheidungen in manchen Konstellationen seltener vor als in anderen – etwa eher auf dem Land als in der Stadt, häufiger bei Bildungsunterschieden zwischen den Partnern als bei gleichem Bildungsniveau und seltener bei religiösen Paaren als bei nichtreligiösen. Hinzu kämen strukturelle Faktoren wie wirtschaftliche Abhängigkeiten oder die Frage, wie leicht sich überhaupt ein neues Leben mit jemand anderem aufbauen lasse.

Für Therapeuten ist die Haltung entscheidend

Der Münchner Facharzt für psychotherapeutische Medizin David Wilchfort hält wenig von der Vorstellung, Gefühle ließen sich geradlinig berechnen. Aus seiner Arbeit mit vielen Paaren wisse er, dass Nähe und Distanz oft innerhalb kürzester Zeit wechseln. In einer einzigen Sitzung könnten Partner von Kälte zu großer Verbundenheit und wieder zurück kippen.

Aus seiner Sicht scheitern Beziehungen daher meist nicht in erster Linie an äußeren Belastungen wie Geldmangel oder Stress, sondern an der inneren Haltung zum anderen. Stabil bleibe eine Partnerschaft vor allem dann, wenn beide überzeugt seien, dass das Wohl des Gegenübers wichtig ist. Sobald diese Grundhaltung verloren gehe, beginne die Beziehung instabil zu werden.

Wie aussagekräftig ist ein Kuss?

Etwas offener für Vorhersagemodelle zeigt sich der Berliner Psychotherapeut Wolfgang Krüger. Er verweist auf die US-Forscher John Gottman und Julie Schwartz Gottman, die schon vor Jahrzehnten Methoden entwickelten, mit denen sich anhand von Beobachtungen recht zuverlässig einschätzen lasse, ob ein Paar zusammenbleiben wird.

Krüger ist überzeugt, dass Liebe oft viel logischer abläuft, als viele Menschen annehmen. In seiner therapeutischen Arbeit nutzt er deshalb eigene Indikatoren. Einer davon ist für ihn überraschend simpel: das Küssen. Er fragt Paare regelmäßig, ob und wie sie sich noch küssen. Für ihn ist das ein besonders genauer Hinweis darauf, wie viel Nähe, Vertrautheit und emotionale Verbindung in einer Beziehung noch vorhanden sind.

Zwischen Formel und Wirklichkeit

Die Idee, Liebe mathematisch zu erklären, fasziniert – auch weil sie Ordnung in ein oft chaotisches Gefühlsfeld bringen will. Doch selbst Fachleute, die dem Ansatz etwas abgewinnen können, betonen: Beziehungen folgen nicht nur inneren Dynamiken, sondern auch Lebensumständen, Entscheidungen und Brüchen, die sich kaum vollständig berechnen lassen. Vielleicht kann Mathematik Tendenzen sichtbar machen. Die ganze Wahrheit über die Liebe bleibt aber wohl weiterhin größer als jede Gleichung.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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