Großbritannien trauert um den früheren Cambridge-Professor Jason Arday
In Großbritannien hat der Tod des ehemaligen Cambridge-Professors Jason Arday Bestürzung ausgelöst. Der 41-Jährige war erst vor kurzem nach Plagiatsvorwürfen von seinem Amt an der renommierten Universität zurückgetreten.
Premierminister Andy Burnham sprach laut der Nachrichtenagentur PA bei einem Besuch in Cornwall von einer „Tragödie auf so vielen Ebenen“, vor allem aber für alle, die Arday persönlich gekannt hätten. Jetzt sei nicht die Zeit für vorschnelle Urteile, sondern ein Moment der Reflexion, sagte Burnham. Die Gedanken seien bei Arday, seinem Wirken sowie seiner Familie und seinen Freunden.
Auch Bildungsministerin Lucy Powell reagierte auf X bestürzt und nannte die Nachricht „schockierend“. Cambridge-Leiterin Deborah Prentice sprach von einer „unglaublich schweren Zeit“. Zugleich wurden Stimmen laut, die den öffentlichen Umgang mit den gegen Arday erhobenen Vorwürfen kritisierten, darunter Londons Bürgermeister Sadiq Khan.
Arday war am Freitag leblos in London gefunden worden. Nach Angaben der Metropolitan Police wurde ein 41 Jahre alter Mann im Südwesten der Hauptstadt noch vor Ort für tot erklärt. Der Tod werde derzeit als unerwartet eingestuft; es gebe jedoch keinen Anlass zu der Annahme, dass ein Verbrechen vorliege, berichtete PA unter Berufung auf die Polizei. Die Ermittlungen dauern an. Eine offizielle Todesursache wurde bislang nicht genannt.
Was Jason Arday vorgeworfen wurde
2023 war Arday im Alter von 37 Jahren zum jüngsten schwarzen Professor in der langen Geschichte der Universität Cambridge ernannt worden. Seine Berufung galt als progressiver Meilenstein für mehr Vielfalt im Hochschulbereich. Große Aufmerksamkeit bekam auch sein persönlicher Werdegang: Arday stammte aus einfachen Verhältnissen in London und hatte nach eigenen Angaben als Kind eine Form von Autismus diagnostiziert bekommen. Laut Cambridge war er zuvor in der Soziologie an mehreren Universitäten tätig.
In den vergangenen Wochen bekam das Image des oft als Star seines Fachs bezeichneten Akademikers jedoch deutliche Risse. Zahlreiche Medien berichteten ausführlich über Plagiatsvorwürfe im Zusammenhang mit seiner Dissertation an der Liverpool John Moores University. Zudem standen weitere wissenschaftliche Veröffentlichungen im Verdacht, nicht korrekt gearbeitet worden zu sein. Eine frühere Untersuchung in Liverpool stellte laut PA allerdings kein wissenschaftliches Fehlverhalten fest.
Darüber hinaus wurden Teile seiner öffentlichen Lebensgeschichte angezweifelt. Dabei ging es unter anderem um Angaben zu Millionenspenden für wohltätige Zwecke sowie um sportliche Erfolge.
Schwere Kritik an Elite-Uni
In der vergangenen Woche legte Arday schließlich seine Professur in Cambridge nieder. Zuvor hatte die Universität eine Untersuchung zu seiner Berufung und seiner Tätigkeit angekündigt. BBC und PA zufolge sagte Arday zuletzt mehrere Veranstaltungen ab.
In seinem Rücktrittsschreiben wies er die gegen ihn gerichteten Plagiatsvorwürfe zurück. Der Rücktritt sei für ihn „der einzige Weg, dieses Kapitel zu beenden“. Zugleich betonte er, dieser Schritt dürfe nicht als Zustimmung zu den gegen ihn verbreiteten Darstellungen verstanden werden. Kritik gehöre zwar zum akademischen Alltag, schrieb er, doch das, was er erlebt habe, gehe weit über wissenschaftliche Meinungsverschiedenheiten hinaus.
Der Fall setzte auch die Universität Cambridge massiv unter Druck. Deborah Prentice hatte erklärt, die Untersuchung rund um Arday werde unabhängig von hochrangigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus Cambridge sowie von außerhalb geführt.
Sie räumte ein, dass der belastende Fall Wut und Sorge ausgelöst habe. Zugleich betonte sie, es handle sich um einen Ausnahmefall, der nicht dazu genutzt werden dürfe, die Legitimität der wissenschaftlichen Arbeit nicht-weißer Beschäftigter grundsätzlich infrage zu stellen. Auch die Universitäten Durham und Glasgow, an denen Arday ebenfalls gearbeitet hatte, kündigten Prüfungen an. Eine Professorin aus Cambridge sagte laut PA, der Fall sei ein „Geschenk“ für jene, die gegen Vielfalt an Hochschulen vorgingen.
Kritik an Umgang mit Vorwürfen
Wenige Stunden nach den ersten Eilmeldungen britischer Medien äußerten sich laut PA auch Ardays Angehörige.
In einer von seinem Verlag Simon & Schuster UK verbreiteten Erklärung heißt es, Arday sei seit seiner Berufung nach Cambridge einer anhaltenden Hetzkampagne ausgesetzt gewesen. Die Familie sprach zudem von einer „Kampagne der Falschinformationen“. Arday sei ein „sanftmütiger Mann“ gewesen, der „immer das Beste in jedem sehen wollte“.
Ähnlich äußerte sich Londons Bürgermeister Sadiq Khan. Auf X schrieb er, Arday sei öffentlich bloßgestellt worden und habe eine „Welle von Beschimpfungen“ ertragen müssen. Die Labour-Abgeordnete Bell Ribeiro-Addy, die den Londoner Wahlkreis Clapham und Brixton Hill vertritt, sprach gegenüber Sky News von einer medialen „Hexenjagd“.
Ende August sollen in Großbritannien Ardays Memoiren erscheinen. Das Buch mit dem Titel Great and Unfortunate Things kündigte Simon & Schuster UK als eine Geschichte über „Widerstandsfähigkeit und Liebe“ an.
Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber