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Diese Worte des Arztes entscheiden übers Patientenwohl

Stundenlang warten, dann kaum Zeit beim Arzt? Warum wenige Worte in der Praxis Ihrer Gesundheit mehr schaden können, als viele ahnen.

11.10.2026, 04:00 Uhr

Wie ärztliche Kommunikation die Behandlung beeinflusst

Die Art, wie Ärztinnen und Ärzte sprechen, hat oft erheblichen Einfluss darauf, wie Patientinnen und Patienten eine Therapie verstehen und annehmen. Schon kleine Unterschiede in Wortwahl und Ton können darüber entscheiden, ob jemand motiviert in die Behandlung geht, Medikamente regelmäßig einnimmt und letztlich eine Besserung erfährt. Darauf weist Sven Benson hin, der das Institut für Didaktik in der Medizin am Universitätsklinikum Essen leitet.

Nach seiner Einschätzung könnten viele Menschen gesundheitlich profitieren, wenn in Praxen und Kliniken häufiger klar, einfühlsam und passend kommuniziert würde. Neben medizinischem Fachwissen und einer guten Versorgung sei die Gesprächsführung ein zentraler Faktor.

Benson erinnert daran, dass Medizin früher in viel stärkerem Maß von Sprache, Erwartungen und Ritualen geprägt war, weil wirksame Medikamente kaum verfügbar waren. Mit der modernen Schulmedizin sei das Bewusstsein für die Wirkung von Worten und Überzeugungen teilweise in den Hintergrund geraten.

Dabei ist gute Kommunikation nicht nur für die Diagnose wichtig. Sie hilft auch dabei, dass Patientinnen und Patienten ihre Erkrankung besser verstehen, sich ernst genommen fühlen und Therapien eher mittragen. Zudem trägt sie zur Sicherheit bei: Wer sich im Gespräch wohlfühlt, spricht Probleme eher an, statt etwa Medikamente eigenmächtig abzusetzen.

Kleine Formulierungen, große Wirkung

Ob eine Information negativ oder positiv gerahmt wird, kann viel ausmachen. Wenn ein Arzt sagt: "10 Prozent der Patienten haben Nebenwirkungen", wirkt das anders, als wenn er formuliert: "9 von 10 Patienten vertragen das Medikament gut." Genau hier kann der sogenannte Noceboeffekt entstehen.

Ein volles Wartezimmer
Auch Faktoren wie Wartezeiten, Begrüßung und Körpersprache von Ärztinnen spielen eine Rolle. (Symbolbild) Quelle: Sina Schuldt/dpa/dpa-tmn

Während beim Placeboeffekt positive Erwartungen Beschwerden lindern oder Therapien wirksamer erscheinen lassen können, beschreibt der Noceboeffekt das Gegenteil: Negative Erwartungen können Beschwerden verstärken oder unerwünschte Folgen begünstigen.

Ein Beispiel aus der Impfaufklärung zeigt das deutlich. Die Aussage "Nach der Impfung können Fieber und Gliederschmerzen auftreten" lässt sich auch anders formulieren: "Wenn Sie leichtes Fieber oder Gliederschmerzen bemerken, zeigt das, dass Ihr Immunsystem auf den Schutz reagiert." Inhaltlich bleibt beides korrekt, die Wirkung auf das Empfinden kann aber unterschiedlich sein.

Wie stark solche Effekte sein können, belegen Studien. In einem Experiment war die schmerzlindernde Wirkung des Opioids Remifentanil größer, wenn die Teilnehmenden wussten, dass sie das Mittel erhielten. Wurden dagegen Informationen vermittelt, die Ängste und negative Erwartungen verstärkten, ließ die Wirkung fast vollständig nach.

Kommunikation entscheidet mit über die Therapietreue

Schlechte oder ungeschickte Kommunikation kann dazu führen, dass Menschen Behandlungen weniger konsequent verfolgen, Medikamente absetzen oder sogar Therapien abbrechen. Manche weichen dann auf unwirksame Alternativen aus oder suchen häufiger ärztliche Hilfe. Nicht nur das Gespräch in der Praxis spielt dabei eine Rolle, sondern auch Beipackzettel, Medienberichte oder Inhalte in sozialen Netzwerken.

Der Arzt und Kommunikationstrainer Wolfgang Kölfen empfiehlt, Internetrecherchen oder KI-Antworten, die Patienten mitbringen, nicht abwertend zu behandeln. Ein anerkennender Einstieg wie "Ich finde gut, dass Sie sich so intensiv damit beschäftigt haben" könne helfen, Vertrauen zu schaffen. Danach lasse sich die eigene fachliche Einschätzung immer noch klar darstellen.

Nach Kölfen wird die Grundlage für dieses Vertrauen oft schon beim ersten Kontakt gelegt. Deshalb sei es sinnvoll, gleich zu Beginn Zeit in eine tragfähige Beziehung zu investieren. Kommunikation beginne nicht erst mit Untersuchung oder Diagnose, sondern schon mit der Begrüßung.

Schon das Ankommen zählt

Auch Benson betont, wie wichtig es ist, dass Patientinnen und Patienten zunächst im Gespräch ankommen können, gerade wenn sie angespannt oder verunsichert sind. Für Hausarztpraxen könne es hilfreich sein, Menschen persönlich im Wartezimmer abzuholen. So entstehe Raum für einen ersten lockeren Austausch, und zugleich lasse sich auf dem Weg ins Sprechzimmer bereits manches beobachten.

Die US-Ärztin Wendy Harpham beschreibt in ihrem Buch Clinical Communication, dass selbst die scheinbar einfache Frage "Wie geht es Ihnen?" Unsicherheit auslösen kann. Viele Patienten fragen sich dann, ob das schon Teil des eigentlichen Arztgesprächs ist oder nur eine höfliche Begrüßung. Entsprechend unklar bleibt oft, wie offen sie über körperliche Beschwerden, seelische Belastungen oder private Themen sprechen sollen.

Harpham empfiehlt Medizinerinnen und Medizinern, sich zu überlegen, wie sie selbst auf bestimmte Fragen reagieren würden und welche Formulierungen sie als hilfreich empfinden. Aus ihrer Sicht ist Kommunikation eine klinische Schlüsselkompetenz.

Ehrlich sein und dennoch Hoffnung geben

Besonders anspruchsvoll ist die Kommunikation bei schweren Diagnosen. Dann braucht es viel Fingerspitzengefühl, weil zwei Ziele gleichzeitig verfolgt werden müssen: die Wahrheit klar benennen und trotzdem Hoffnung vermitteln.

Gerade Pflegekräfte haben hier laut Benson großes Potenzial. Sie verbringen oft deutlich mehr Zeit mit den Patientinnen und Patienten als das Ärzteteam und begleiten sie über mehrere Tage hinweg. Dadurch können sie viel zur Stimmung, zum Vertrauen und damit auch zum Behandlungserfolg beitragen. Häufig erfahren sie zudem Dinge, die im weiteren Verlauf medizinisch wichtig sind.

Im Alltag ist eine solche gute Kommunikation allerdings nicht immer leicht umzusetzen. Kölfen verweist auf Personalmangel, knappe Zeit sowie auf unterschiedliche Generationen und sprachliche oder kulturelle Hintergründe, die in der Versorgung aufeinandertreffen.

Trotzdem sieht Benson positive Entwicklungen. An medizinischen Fakultäten in Deutschland werde Kommunikation inzwischen flächendeckend gelehrt, und an vielen Standorten seien auch Placebo- und Noceboeffekte Thema. Das Bewusstsein dafür, dass Sprache in der Medizin eine große Wirkung entfalten kann, nehme spürbar zu.

Quelle: dpa/bearbeitet durch Julian Weber

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